Mikrofestival

Unterhaltung vorm Gartenzaun

In Gröpelingen konnte am 4. Juli wieder ein Straßenfestival stattfinden: Das Ordnungsamt fand das Konzept für das „Mikrofestival“ so überzeugend, dass es die Veranstaltung genehmigte.
08.07.2020, 17:49
Lesedauer: 3 Min
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Unterhaltung vorm Gartenzaun
Von Anne Gerling
Unterhaltung vorm Gartenzaun

Exklusiver Auftritt von Rock’n'Roll-Musiker Knipp Gumbo (r.), der dafür reichlich Applaus von den Anwohnern bekam.

Roland Scheitz

Lindenhof. Wer am Sonnabend, 4. Juli, nachmittags in den kleinen Straßen rund um den Liegnitzplatz in Gröpelingen unterwegs war, der konnte dabei Überraschendes beobachten. Livemusik und eine Geschichtenerzählerin mitten auf der Straße zum Beispiel. Und Anwohner, die bei Kaffee und Kuchen von ihren Vorgärten aus interessiert die Darbietungen mitverfolgten, mit denen die kleine Karawane von Künstlern durch ihr Quartier zog.

So also kann ein Straßenfestival zu Corona-Zeiten aussehen. Dass nämlich das zweite „Mikro-Festival“ im Rahmen des Projekts „Europa zentral – Leben im Liegnitzquartier“ – eines von bundesweit zwölf Modellvorhaben des Bundesprogramms „Utopolis – Soziokultur im Quartier“ – in diesem Jahr überhaupt stattfinden konnte, hat wohl viel mit dem Einfallsreichtum der vielen Anwohner und von Projektleiterin Valesca Fix von Kultur vor Ort zu tun. In Videokonferenzen hatten sie in den vergangenen Wochen Ideen entwickelt, wie ein kontaktarmes Fest für die Menschen im Quartier möglich wäre. Mit Erfolg: Das Gröpelinger Mikrofestival war bis dato das einzige Festival im öffentlichen Raum in Bremen, das vom Ordnungsamt genehmigt worden ist.

Und so zogen nun also mehrere kleine Grüppchen von Akteuren durch die Straßen und legten zeitversetzt in der Leuthener Straße, an der Ecke Görlitzer Straße/ Glogauer Straße, in der Johann-Kühn-Straße und der Schweidnitzer Straße jeweils für einen kurzen Auftritt einen Stopp ein. Vor Ort begleiteten Anwohner als Gastgeber die Show-Einlagen und trugen Sorge, dass ein geeigneter Platz dafür frei gehalten wurde.

Mit dabei waren zum Beispiel Rock’n Roll-Musiker Knipp Gumbo und Singer-Songwriter Axel Kruse – der Kontakt war über Konzertveranstalter und Musikmanager Heiko Grein zustande gekommen, der seit vielen Jahren am Liegnitzplatz wohnt. Theaterpädagogin Mirjam Dirks tingelte als „Paula Postbotin positiver Nachrichten“ mit musikalischer Begleitung von Akkordeonspieler Boyko Borisov durch die Straßen. Sie erklärte dabei in verschiedenen Sprachen, dass der Job als Briefzustellerin gleich viel schöner sei und sich die Empfänger viel mehr freuten, wenn man Rechnungen, Mahnungen oder Behördenschreiben links liegen lasse und sich ausschließlich auf das Überbringen erfreulicher Briefe und Pakete spezialisiere.

Ihren ersten Auftritt hatten außerdem mehrere Jugendliche aus der Rap-Werkstatt, die im September im Quartier angelaufen ist und während der Corona-Pandemie online als Livestream-Workshop stattfand. Dort schreiben die jungen Gröpelinger eigene Songs, unter anderem zu Themen wie Mobbing oder Rassismus, die jetzt also erstmals in den Straßen des Quartiers zu hören waren.

Auf dem Gohgräfenplatz trafen sich währenddessen Anwohner zum Boule-Turnier und die Medienpädagogin und Anwohnerin Tatjana Blaar musste ganz schön wirbeln: Sie hatte im Rahmen des Festivals auf dem Willy-Hundertmark-Platz Kinder und Erwachsene zu dem Fotoprojekt „I love Liegnitz“ eingeladen.

Unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften in Zeiten von Corona durchaus eine Herausforderung in puncto Selbstdisziplin, denn verwendete Utensilien wie Stifte oder Scheren wurden ordnungsgemäß sofort nach jedem Gebrauch desinfiziert und selbstverständlich auch der Sicherheitsabstand bei
den Gesprächen mit allen Mitwirkenden eingehalten. Die Fotos, die dabei entstanden sind, sollen demnächst im Mosaik-Treff ausgestellt und außerdem auch online gezeigt werden.

Und noch etwas anderes soll demnächst gezeigt werden: Mit einer Kamera war während des Straßenfestivals Julian Elbers im Quartier unterwegs, der gerade ein Praktikum bei Kultur vor Ort absolviert und dabei ein großes Videoprojekt mit Jugendlichen organisiert. Er hat Anwohner gefragt, was ihnen gut – beziehungsweise weniger gut – gefällt. Dabei hatten sich einige seiner Gesprächspartner Bremsschwellen in den Straßen gewünscht und andere den Müll angesprochen, der vielerorts immer wieder herumliegt.

Kultur-vor-Ort-Geschäftsführerin Christiane Gartner zieht nach der Veranstaltung – die im Vorfeld gar nicht großflächig angekündigt worden war, um größere Menschenansammlungen zu vermeiden – ein durchweg positives Fazit. „Das Quartier hat viel Entwicklungspotenzial, das wir aufgrund dieser Aktivitäten auch erkennen“, sagt sie und Valesca Fix ergänzt: „Das Festival hat im Quartier auch eine sehr positive Wirkung. Man kann an den positiven Rückmeldungen, die wir bei Veranstaltungen wie dieser bekommen, sehen, dass die Leute hier ein Interesse am Zusammensein und Gemeinschaft haben.“

Gleichzeitig ermögliche ein Straßenfest wie dieses aber auch, mehr über die Sorgen und Nöte zu erfahren, mit denen die Menschen im Quartier eben auch zu tun hätten, so Gartner: „Und um diese Punkte werden wir uns auch kümmern.“ Mission erfüllt also. Beim Projekt „Europa Zentral“ geht es schließlich darum, mit Mitteln der Kunst und Kultur das Miteinander der Menschen im Quartier rund um den Liegnitzplatz zu stärken.

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