Biomüll-Zwischenlager

Remondis im Hafen nicht willkommen

Abfallentsorger Remondis will ab 1. Juli Bremer Biomüll von der Windhukstraße aus nach Osnabrück transportieren. Diese Rechnung hat das Unternehmen allerdings ohne die Oslebshauser gemacht.
15.04.2018, 07:47
Lesedauer: 4 Min
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Remondis im Hafen nicht willkommen
Von Anne Gerling
Remondis im Hafen nicht willkommen

Gestank, Fliegenschwärme, Pilzsporen: Dass eine Halle die Anwohner vor den unangenehmen Begleiterscheinungen von Biomüll schützen könnte, glaubt in Oslebshausen niemand.

Nick Saltmarsh CC-by-SA

Auf gut 200 wütende Oslebshauser traf am Mittwochabend im Bürgerhaus Oslebshausen Remondis-Geschäftsführer Stefan Grüner. Sein Unternehmen möchte ab 1. Juli am Industriehafen Bremens Biomüll umschlagen – eine Idee, die in Oslebshausen nun für einen Sturm der Empörung sorgt (wir berichteten).

Zweieinhalb Stunden lang trugen Anwohner und verschiedene Akteure bei der Beiratssitzung nun ihre Bedenken vor; sie fürchten zum Beispiel Gestank, Fliegenschwärme und gefährliche Sporen. Unterm Strich kann es ihrer Ansicht nach deshalb auch nur eine einzige akzeptable Lösung geben: Der Abfallentsorger Remondis soll den Biomüll auf dem Grundstück am Fahrwiesendamm verladen, auf dem der Biomüll auch bislang schon weiterverarbeitet wurde, ohne dass sich jemals irgendjemand daran gestört hätte.

„Die Anlage auf der Blocklanddeponie gehört uns nicht“, erklärte dazu Stefan Grüner. Sein Unternehmen hatte voriges Jahr im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung zur Neuregelung der Biomüll-Abfuhr das für die Stadt attraktivste Angebot abgegeben. Bedingung dieser Ausschreibung sei unter anderem die Weiterverarbeitung der Abfälle in einer Vergärungsanlage gewesen, die Remondis derzeit in Osnabrück baue, erklärte er. Ende dieses Jahres könne dort mit der Verstromung begonnen werden – wolle man hingegen solch eine Anlage in Bremen baue, könnte diese frühestens im Jahr 2021 den Betrieb aufnehmen. Also will das Unternehmen den Biomüll mit größeren als den bei der Müllabfuhr eingesetzten Sammelfahrzeugen nach Osnabrück transportieren. Zehn bis 14 Sammelfahrzeuge pro Werktag sollen deshalb den Müll zunächst in eine Halle am Ende der Windhukstraße befördern, wo er per Bagger auf die größeren – „abgeplanten“ – Fahrzeuge geladen und in Richtung Osnabrück gefahren werde. Die Halle sei mit einem Rolltor ausgestattet, das jeweils nur kurz für die ankommenden und abfahrenden Fahrzeuge geöffnet werde.

Gleich mehrere Gründe sprechen Grüners Ansicht nach für das Grundstück an der Windhukstraße, das ihm von der Firma Weserport angeboten wurde und seiner Berechnung zufolge einen Kilometer vom nächsten Wohngebiet entfernt ist: Es liege im Industriegebiet und Halle, Waage, Zaun und Radlader seien bereits vorhanden. Außerdem gebe es schon eine Genehmigung für die Abfallentsorgung auf diesem Gelände: „Es wäre also kein großes Verfahren, sondern nur eine Änderungsgenehmigung nötig.“ Die Abfallsammlung werde bereits in vielen Kommunen praktiziert, unterstrich Grüner außerdem: „Das ist also nichts Neues, was auf dem Rücken der Bürger ausprobiert werden soll.“

Die Oslebshauser konnte er mit all diesen Argumenten aber nicht von seinem Vorhaben überzeugen. Auch wenn die Ansiedelung der Anlage nach der aktuellen Gesetzeslage möglich sei, so sei es doch die Aufgabe der Politik, die Bürger zu schützen, unterstrich zum Beispiel Rolf Vogelsang, Vorsitzender der Oslebshauser SPD. Er hatte Umweltstaatsrat Ronny Meyer 940 Unterschriften von Bürgern mitgebracht, die „der Meinung sind, dass ohnehin schon zu viel hierhergekommen ist.“ Als „Weihnachtsgeschenk“ hatten die Oslebshauser nämlich am 22. Dezember von den Plänen für ein neues Klärschlamm-Kraftwerk vor ihrer Haustür erfahren – die Biomüll-Umschlagsanlage sei nun das dazu passende „Ostergeschenk“ gewesen, sagte Vogelsang.

Für die Genehmigung solcher Anlagen ist das grün geführte Umweltressort zuständig. Ein Genehmigungsantrag für die Klärschlamm-Anlage liege dort aber bislang nicht vor, so Ronny Meyer, der außerdem sagte: „Wir hätten nichts dagegen, wenn die Firmen Remondis und Nehlsen sich einigen. Aber es sind freie Unternehmen, wir können sie nicht dazu zwingen.“ Im Übrigen sei er der falsche Ansprechpartner, wenn es generell darum gehe, welche Art von Unternehmen im Industriegebiet angesiedelt werden sollten – dafür sei nämlich das – SPD-geführte – Wirtschaftsressort zuständig.

„Hier möchte keiner das Industriegebiet in Frage stellen“, versicherte der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Heiko Strohmann, der sich an diesem Abend ausdrücklich als Anwohner zu Wort meldete und unterstrich: „Wir möchten aber keine Mülldeponie, sondern Gewerbe, wo man auch Arbeit findet.“ Komme die Anlage, so sei definitiv mit zivilem Ungehorsam zu rechnen: „Hier leben viele Ältere, die auch vormittags Zeit haben, um Straßen zu blockieren.“

Harry Winkel von der Geschichtsgruppe Alt-Oslebs erinnerte an eine unangenehme Fliegenplage, die die Remondis-Schwesterfirma Rhenus – zu der wiederum Weserport gehört – im Juli 2013 mit Müll aus England nach Oslebshausen importiert hatte. Ähnliches werde sich mit einem Biomüll-Umschlag zwangsläufig wiederholen, ist er überzeugt.

Mit den pro Jahr anfallenden 25 000 Tonnen Biomüll gehe es automatisch auch um rund 50 Millionen gefährliche Pilzsporen in der Luft, gab ein Anwohner aus der Meyenburger Straße zu bedenken: „Mit dieser Ladung fahren zwölf LKW dann pro Tag 120 Kilometer weit. Was ist, wenn die verunglücken, wenn auf der Nordstraße Stau ist und wenn der Wind in unsere Richtung bläst und Kinder, ältere Menschen oder Patienten im Diako das abkriegen?“ Tatsächlich behandele sein Haus schwerpunktmäßig schon jetzt an Krebs erkrankte Menschen, erklärte Diako-Geschäftsführer Walter Eggers: „Wieso also sollte man ein funktionierendes Biomüll-System verändern? Ich plädiere zum Wohl der Region und der erkrankten Patienten dafür, weiter das Gelände am Fahrwiesendamm zu nutzen.“

„Ich bin zuversichtlich, dass es Lösungsmöglichkeiten außerhalb der Windhukstraße gibt. Wir haben gerade drei mögliche Standorte in der Stadt – Woltmershausen, Oslebshausen und die Blocklanddeponie – die genehmigungsfähig sind. Wenn Sie die Situation hier heute sehen, dann wäre unser Appell, darüber nachzudenken, ob der heutige Standort nicht wesentlich besser geeignet ist“, meldetet sich schließlich im Namen der bereits am Industriehafen ansässigen Betriebe Heiner Heseler, Geschäftsführer der Initiative Stadtbremische Häfen (ISH) zu Wort.

So sieht es auch der Gröpelinger Beirat, der an diesem Abend geschlossen gegen einen Biomüll-Umschlag am Industriehafen stimmte. „Ich glaube, das Etikett Industriegebiet ist kein Freifahrtschein“, unterstrich dazu Muhammed Tokmak (SPD), Sprecher des Fachausschusses „Bau, Verkehr, Umwelt und Häfen“ im Beirat, der auch sagt: „Es sollte außerdem mindestens klar geworden sein, dass man nicht an Beirat und Bevölkerung vorbei so etwas machen kann.“ Die Gröpelinger Ortspolitiker haben nun alle Verantwortlichen aufgefordert, den Dialog zwischen Nehlsen und Remondis zu fördern. Diesen gibt es Stefan Grüner zufolge sogar schon – auch wenn vor der Beiratssitzung eine Nehlsen-Sprecherin dieses verneint habe. Gleichzeitig dämpfte der Remondis-Chef zu hohe Erwartungen: „Vielleicht finden wir ja eine Lösung. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist die Windhukstraße die nächste Alternative.“

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