Nachverdichtung Geschichte zeigt, wie wichtig Dialog ist

Für Aufregung sorgte im Sommer 2020 ein Bauvorhaben in Gröpelingen: Nach Beschwerden von Nachbarn, sie seien vorab nicht informiert worden, forderte der Beirat einen Baustopp. Doch dazu kam es nicht.
31.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Geschichte zeigt, wie wichtig Dialog ist
Von Anne Gerling

Zu einem drastischen Mittel hatte im Juli der Gröpelinger Beirat gegriffen: Um zu verhindern, dass auf einer Baustelle an der Seewenjestraße bis zur Klärung einiger offener Fragen kurzerhand Fakten geschaffen würden, forderte das Stadtteilparlament damals einen Baustopp. So etwas hatte es bis dato nicht gegeben.

Es ging dabei um ein Vorhaben der Waller Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft (Wabeq), die auf einem ehemaligen Garagenhof schräg gegenüber der Philippuskirche drei Gebäudekomplexe mit Wohnungen und einer Kita errichten wollte.

Das erste der Häuser war bereits im Bau, als sich im Sommer überraschend die Eigentümer der benachbarten Reihenhäuser an den Beirat wandten. Sie kritisierten, von der Stadt im Vorfeld nicht über die Planungen informiert worden zu sein. Zwar war am 19. Juni 2018 zu einer Einwohnersammlung eingeladen worden – allerdings ohne dass die Nachbarn dies mitbekommen hätten, die nun außerdem monierten, auch über eine nachträgliche Änderung des Bebauungsplans zur Gebäudehöhe beziehungsweise der Zahl der Geschosse nicht informiert worden zu sein.

In diesem Punkt sah sich auch der Beirat übergangen – der daraufhin zu klären versuchte, ob im Genehmigungsverfahren Fehler gemacht wurden. Es folgte ein kurzer Schriftverkehr: Das Bauressort sah keine ausreichenden Gründe für einen Baustopp und die Anwohner entschieden sich schließlich angesichts eines womöglich jahrelangen Rechtsstreits, die Sache nicht vor Gericht zu bringen.

Fünf Monate später steht an der Seewenjestraße nun der erste Rohbau, der exakt gleich hoch ist wie die Nachbargebäude. Der Innenausbau hat begonnen, spätestens im Juni werden die ersten 25 von insgesamt 55 Mietwohnungen auf dem Grundstück bezugsfertig sein. 15 davon sind öffentlich gefördert, sodass die Miete 6,80 Euro betrage, sagt Wabeq-Geschäftsführer Ernst Schütte: „Mehr als 120 Interessenten haben sich in den letzten Monaten bei mir gemeldet. Ungefähr die Hälfte davon benötigt eine Wohnung mit vier und mehr Zimmern. Das ist ein deutlicher Hinweis auf die Not vieler Menschen und den anhaltenden Bedarf an Wohnraum.“

Im zweiten Komplex, dessen Erdgeschoss schon erkennbar ist, entstehen 18 Wohnungen für die stationäre Betreuung von mehrfach beeinträchtigten Menschen durch die Lebenshilfe. Ab dem Frühjahr wird als letztes im vorderen Teil des Grundstücks Haus Nummer drei gebaut: 30 Wohnungen und im Erdgeschoss eine kleine Kita für unter Dreijährige.

Die Situation vor Ort habe sich sehr beruhigt, sagt Schütte, der rückblickend meint: „Während des gesamten Konflikts war zwischen den Anwohnern und uns eine sachliche und respektvolle Kommunikation und ein regelmäßiger Austausch.“ Der Beirat habe allerdings durch seine Forderung nach einem Baustopp eine unnötige Schärfe in die Debatte hineingetragen.

Leider habe sich auch niemand aus der Bauressort-Leitung „den Fragen und der nachvollziehbaren Kritik der Anwohner gestellt“, bedauert Schütte: „Aber wir haben auf die Beschwerden sofort reagiert und einen Zwölf-Punkte-Plan vorgelegt. Diese Punkte sind größtenteils erfüllt.“ Von der
Wabeq gebe es nun außerdem monatlich für die Nachbarn ein Update zum Baufortschritt.

„Wir haben eine Sondervereinbarung getroffen, die die Wabeq bis dato eingehalten hat“, bestätigt Anwohner Heinrich Kehlenbeck, der sich außerdem freut: „Die Krönung ist, dass auch noch eine Pappel gefällt werden soll, die hier morgens immer die Grundstücke verschattet.“ Tatsächlich will die
Wabeq demnächst als weiteres Zeichen ihres Entgegenkommens auf ihre Kosten einen mehr als 30 Meter hohen Baum auf einem der Nachbargrundstücke entfernen lassen.

Mehrere Anwohner werden dadurch vormittags deutlich mehr Licht in ihren Gärten haben. Insbesondere eines bleibe aber dennoch hängen, sagt Anwohner Heino Heinken: „Bei der Erhöhung der Geschossflächenzahl ist der Beirat übergangen worden – eigentlich hätte das Verfahren wiederholt werden müssen. Dieser Teil ist unaufgearbeitet und das ist sehr unbefriedigend. Da hätte das Bauressort durchaus ein Signal geben können, dass ihm da ein Fehler unterlaufen ist und dass es ihnen leid tut.“

Ernst Schütte wird aus den Erfahrungen mit diesem Bauvorhaben Konsequenzen ziehen. „Es wird immer Konflikte geben, wenn irgendwo eine Fläche bebaut wird“, sagt er. „Wir werden in Zukunft noch stärker und vor allem noch frühzeitiger als bisher und dann auch kontinuierlich die Anwohner der an unsere Vorhaben angrenzenden Grundstücke über unsere Planungen informieren. Es reicht aus meiner Sicht nicht aus, sich auf die gesetzlich festgelegte Informationspflicht zu berufen und eine Informationsveranstaltung anzubieten, die in der Presse möglicherweise übersehen wird. Ich sehe für uns – aber eben auch für die Entscheider im verantwortlichen Ressort – eine Verpflichtung, auf Anwohner aktiv zuzugehen.“

Demnächst wird Schütte also wohl mit Ortspolitikern und Nachbarn zu einem zweiten Grundstück an der Seewenjestraße gleich neben der Baustelle das Gespräch suchen. Dort möchte die Wabeq ebenfalls Wohnungen, eine Kita, neue Räumlichkeiten für den ansässigen Supermarkt und womöglich auch ein Gesundheitszentrum bauen; Anfang nächsten Jahres soll das dafür erforderliche Bebauungsplanverfahren starten.

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Zur Sache

Garagen sind wieder weg

Ein zweiter Aufreger im Zusammenhang mit dem Bauvorhaben an der Seewenjestraße konnte pünktlich zum Jahreswechsel aus der Welt geschafft werden: Vor etwa einem Jahr hatte die Wabeq etwa 50 Beton-Garagen, die ursprünglich auf dem Baugrundstück an der Sewenjestraße standen, in Absprache mit der Schützengilde auf dem Schützenhof-Gelände an der Bromberger Straße zwischengelagert. Angedacht war, sie anderenorts auf dem Areal aufzubauen und für einige Jahre zu vermieten.

Prompt gingen im Ortsamt verwunderte Nachfragen von Anwohnern ein, und der Gröpelinger Beirat sowie Bremens Landesarchäologin Uta Halle forderten mit einem Hinweis auf die Schützenhof-Historie, die Garagen wieder zu entfernen: Von Ende 1944 bis April 1945 befand sich dort ein Baracken-Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Halle war 2018 bei Ausgrabungen mit Studierenden auf Relikte und Fundamente des Zwangsarbeiterlagers gestoßen.

Mittlerweile sind die Garagen Schütte zufolge verkauft worden. Ein Großteil sei bereits weg, und bis Ende des Jahres werde auch der letzte Teil noch entfernt.

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