Arbeiterwohnungsbau

Als Bremen die Wohnanlage entdeckte

Mit dem Bau der Häfen benötigte Bremen dringend Wohnraum für immer mehr Arbeitskräfte. In Gröpelingen entstanden die ersten großen Wohnanlagen, die heute als besondere Siedlungsschätze gelten.
10.08.2020, 05:00
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Als Bremen die Wohnanlage entdeckte
Von Anne Gerling
Als Bremen die Wohnanlage entdeckte

Besondere Arbeiter-Siedlungen sind für Uwe Schwartz unter anderem der Feierabendweg, ...

Roland Scheitz

Was hat Gröpelingen, was andere Stadtteile so nicht haben? Stellt man diese Frage Uwe Schwartz vom Landesamt für Denkmalpflege, dann kommt der Kunsthistoriker schnell auf den vielfältigen Arbeiterwohnungsbau im Stadtteil zu sprechen.

„Der soziale Wohnungsbau in Bremen beginnt hier“, sagt er etwa mit Blick auf den sogenannten Gewerkschaftsblock – eine Anlage mit 250 Wohnungen, die die Gemeinnützige Wohnungsbaugemeinschaft der freien Gewerkschaften von 1924 bis 1929 auf dem Karree zwischen Altenescher Straße, Pastorenweg, Grasberger Straße und Gröpelinger Heerstraße errichtet hatte, um die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu lindern. Ein für Bremen – dessen Wohnungsbau bis dahin über Jahrhunderte vom Bremer Haus beherrscht worden war – damals untypisches Großprojekt und städtebauliches Novum.

Kontrollierbare Quartiere

Denn nicht nur, dass die Bauordnung bis dahin nur zwei- bis viergeschossige Bauten zugelassen hatte. Es durfte auch nicht in die Tiefe der Grundstücke gebaut werden. Dies hatte etwas mit der Kontrollierbarkeit der Quartiere zu tun, sagt Christiane Gartner von Kultur vor Ort: „In Bremen wollte man nicht solche Verhältnisse wie in den angeblich von Kommunismus und Typhus verseuchten Hinterhöfen der Mietskasernen, wie man sie in Berlin oder Wien fand.“

Die ersten Bewohner der Dreiraumwohnungen im Gewerkschafterblock waren größtenteils die gewerkschaftlich organisierte Facharbeiter und Handwerker. Zur Wohnanlage gehört außerdem der sogenannte Witwenblock mit Zweiraumwohnungen für Frauen, deren Männer nicht aus dem Krieg zurückgekommen waren. Auch die Bewohner betrachteten Bremens erste genossenschaftliche Großsiedlung dabei eher kritisch, sagt Schwartz: „Die Leute wollten damals lieber in einem Einfamilienhaus wohnen. Was Eigenes – wenn es auch noch so klein war – war ihnen trotzdem lieber.“

Die Wohnanlage soll bald unter Denkmalschutz gestellt werden. „Sie besitzt große städtebauliche Bedeutung und prägt durch die hohe baukünstlerische Qualität ihrer Fassadengestaltung maßgeblich den sie umgebenden Straßenraum“, so Schwartz. Als erstes Bauvorhaben der Gewoba sei sie außerdem ein wichtiges stadtgeschichtliches Zeugnis.

Baumeister Johannes Willy Berner habe hier die Idee des genossenschaftlichen Wohnhofes mit einem großen begrünten Innenraum aufgegriffen, so Schwartz: „Dieses Konzept entstammte der englischen Gartenstadtbewegung und wurde in Bremen 1916/17 durch den Architekten Rudolf Jacobs mit der für den Eisenbahn Spar- und Bauverein errichteten Wohnanlage Breitenbachhof eingeführt.“

WES Gröpelingen Tour zu den Siedlungsschätzen im Stadtteil Häuser Architektur

... die Posener Straße ...

Foto: Roland Scheitz

Mit der Fertigstellung eines riesigen neuen Rangierbahnhofs für Hafen und Stahlwerke 1915 wurden bezahlbare Wohnungen für die Mitarbeiter der Reichsbahn benötigt. Auf Wunsch seines Auftraggebers entwarf Jacobs damals eine um ein Karree angeordnete Wohnanlage, die vom üblichen Mietskasernenstil in anderen Großstädten abweichen sollte, sodass auch der bremische Senat sie akzeptieren würde. „Mithilfe von Torbogen, besonderen Giebelkonstruktionen, Loggien und anderen Gestaltungselementen schuf Jacobs eine Wohnanlage, die heute noch einzigartig ist“, sagt Schwartz. Den ersten Entwurf hatte 1913 der Senat abgelehnt, der zweite Entwurf konnte dann 1915 dank der Unterstützung des preußischen Ministers für das Eisenbahnwesen Paul von Breitenbach durchgesetzt werden. „Hinzu kam wohl auch, dass die Einrichtungen der Eisenbahn als kriegswichtig galten“, vermutet Schwartz, weshalb die Wohnanlage zwischen Barenburg und Klitzenburg mitten im Ersten Weltkrieg gebaut und 1919 fertiggestellt werden konnte. Seit 1978 steht die Wohnanlage unter Denkmalschutz, die nach Ansicht vieler Gröpelinger saniert werden müsste. Denn mittlerweile ist sie in keinem guten baulichen Zustand mehr.

WES Gröpelingen Tour zu den Siedlungsschätzen im Stadtteil Häuser Architektur

... und der Breitenbachhof.

Foto: Roland Scheitz

Ein anderes Vorbild-Prestigeprojekt, das 1914 auf der grünen Wiese entstand, war der von Adolf Muesmann entworfene Feierabendweg – Bremens erster Gartengang. Bis 1913 hatte Bremens Bauordnung vorgeschrieben, jedes neue Gebäude müsse an einer für den allgemeinen Verkehr freigegebenen Straße liegen. Dann jedoch wollte man mit einem neuen Gesetz Kleinhäuser fördern und Raum ausnutzen. Fledermausgauben, Biberschwanz-Kronendeckung, eine Aufweitung und ein Knick verleihen dem Feierabendweg seinen besonderen Pfiff. Später entstanden in Bremen weitere Gartengänge, etwa in den 1930er-Jahren der Dualaweg und der Kribiweg in Oslebshausen.

Siedlungsbau trotz Krieg

Bemerkenswert ist nach Einschätzung der Landesdenkmalpflege auch die Arbeitersiedlung, die die Gewoba ab 1939 rund um die Brombergerstraße / Posener Straße errichtete. „Das war ungewöhnlich, weil es seit Ausbruch des Krieges absolut verboten war, irgendwelche Bauvorhaben auszuführen“, sagt Schwartz. Man brauchte aber Wohnraum für Arbeitskräfte in der stark expandierenden Rüstungsindustrie, etwa im Schiffsbau bei der AG Weser. Besonders die geschweiften und jeweils mit zwei Figuren geschmückten Giebel einiger Häuser gefallen dem Kunsthistoriker. Entworfen haben die Backsteinbauten mit fast 500 Wohnungen die Architekten Eduard Runge und Carl Eeg, der seit 1903 zu Bremens führenden Architekten zählte. Was wieder einmal zeigt: Gröpelingen hat abseits seiner großen Straßen so manche architektonischen Schätze zu bieten.

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