Ehemaliges Zwangsarbeiterlager Spurensuche beim alten Schützenhof

Im April haben 26 Studierende und Landesarchäologin Uta Halle das Gelände des ehemaligen Zwangsarbeitslagers Schützenhof in Gröpelingen untersucht. Nun ist dort ein Georadar zum Einsatz gekommen.
07.07.2018, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Spurensuche beim alten Schützenhof
Von Anne Gerling

Gröpelingen. Nanu, was ist denn das – ein Rasenmäher? Mitnichten. Bei dem schwarz-roten Fahrgestell, das am Donnerstag von vier jungen Männern beinahe andächtig auf dem Schotterplatz an der Bromberger Straße 117 hin- und hergeschoben wurde, handelt es sich vielmehr um ein Georadar. Hochtechnologie also, die nun für die Bremer Landesarchäologin Uta Halle in Gröpelingen im Einsatz war.

Sie ist seit Ende April dabei, mit einem fast 30-köpfigen Team nach Überresten des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers „Schützenhof“ zu suchen und das Areal näher zu erforschen. Der Schützenhof war ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme bei Hamburg. Die Bewohner der acht Baracken mussten täglich durch die Thorner Straße, Seewenjestraße, Morgenladstraße, Pastorenweg und Lindenhofstraße in Richtung Werft marschieren. „Zwischen Lichthaus und dem früheren Hansewasser-Sitz war der Werkseingang. Dort wurden die Leute übernommen und in die Hohlkörperfabrik und die Maschinenhalle gebracht, die extra mit Stacheldraht gesichert waren. Dort mussten sie U-Boot-Teile bauen“, erzählt Raimund Gaebelein, stellvertretender Gröpelinger Beiratssprecher und Bremer Landesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Bremen (VVN-BdA).

Seit 2002 ist Gaebelein in regelmäßigem Austausch mit Bewohnen des kleinen belgischen Dorfes Meensel-Kiezegem bei Brüssel. 98 Männer aus dem kleinen Dorf wurden im Sommer 1944 von den Nazis verhaftet und 68 von ihnen ins Konzentrationslager Neuengamme deportiert. 22 der Männer kamen nach Bremen, wo sie auf der AG Weser oder beim Bunkerbau in Farge arbeiteten. Sechs von ihnen starben im Gröpelinger Außenlager Schützenhof, neun im KZ Bahrsplate in Blumenthal, ebenfalls ein Außenlager von Neuengamme. Nun will Gaebelein den Belgiern berichten, was die Untersuchungen in Gröpelingen ergeben.

„Das Gerät sendet Radarstrahlen in den Untergrund, die dann hoffentlich von vorhandenen Fundamentkanten reflektiert werden“, erklärt Timo Knocks, der an der Uni Bremen Geowissenschaften studiert. Dass hier irgendwo im Boden noch Mauerreste verborgen sind, lässt die Ausgrabungsstelle vermuten: Anhand von alten Lageplänen und Luftbildern hatten Uta Halle und ihr Team rekonstruiert, dass – anders als bisher angenommen – auch gegenüber dem heutigen Schützengilde-Vereinshaus früher eine Baracke gestanden haben muss. Bei ihrer Grabung kamen dann tatsächlich Mauerreste und Pflastersteine zum Vorschein.

Zerstörungsfreie Methode

Für ihre weitere Forschung müssen die Archäologen nun aber nicht die gesamte Fläche öffnen – dank Georadar. „Es ist eine zerstörungsfreie Methode, mit der man zum Beispiel auch Abwasserleitungen identifizieren können müsste“, erklärt Timo Knocks. Für die Untersuchung haben er und seine Kommilitonen Bernd Oefner, Fabian Käsbohrer und Sebastian Turner die etwa 250 Quadratmeter große Fläche zunächst in Profilgitter zerlegt, die sie nun einzeln bis zu einer Tiefe von einem Meter durchleuchten. Auf dem Monitor des Georadars sind die ersten Messergebisse zu sehen: Schwarzweiße Zickzacklinien, die an psychedelische Op-Art-Muster erinnern.

Denn, so Knocks: „Hier ist überall Bauschutt im Boden, der stark streut und reflektiert. Wir haben also sehr starkes Rauschen, das wir hinterher herausrechnen müssen.“ Mit den bereinigten Daten wollen die Studierenden dann ein dreidimensionales Bild erzeugen und schließlich ein dreidimensionales Untergrundmodell herstellen. „Bei Bedarf kommen wir wieder und gucken bestimmte Flächen in feinerer Auflösung und 3D an“, so Knocks.

Die angehenden Geologen sehen ihren Einsatz für die Landesarchäologie als interessante Alternative zum Lehrbetrieb. „Wir behandeln im Studium sonst nur geografische Fragestellungen und haben uns überlegt: Was können wir machen, um mal über den Tellerrand hinauszugucken“, erzählt Fabian Käsbohrer, wie die Studierenden auf die Idee kamen, der Landesarchäologie Unterstützung anzubieten. Für Uta Halle ein Glücksfall. Denn: „Weder haben wir ein entsprechendes Gerät noch die Software zum Auswerten.“ Bei Spezialfirmen kostet ein Georadartag rund 4000 Euro.

Ein Abgleich mit dem Grundrissplan für den 1907 erbauten und 1943 im Krieg zerstörten Schützenhof hat inzwischen ergeben, dass Teile des von den Archäologen freigelegten Fundaments vom alten Schützenhof stammen. Bislang war man davon ausgegangen, dass dieses höchst repräsentative Gebäude mit Schießhalle, Kegelbahn und Musikpavillon dort stand, wo sich heute das Vereinsheim der Schützengilde befindet.

Ein Abgleich mit alten Bauakten hat mittlerweile aber belegt: Als die Deutsche Schiff- und Maschinenbau Aktiengesellschaft, kurz: Deschimag, 1944 den Bauantrag für ein Barackenlager auf dem Areal stellte, orientierte man sich tatsächlich an den Fundamentresten des ehemaligen Schützenhofes.

Die Ausgrabungsstelle ist nach knapp zwei Monate schon wieder stark von Grünpflanzen überwuchert. Sie kann am Tag des offenen Denkmals im September besichtigt werden und wird anschließend wieder geschlossen. Sodann könnte die Fläche als Bodendenkmal unter Schutz gestellt und außerdem eine Informationstafel installiert werden. Zwar stehen noch einige der alten Baracken, diese sind aber mittlerweile modernisiert oder verändert worden und stehen nicht unter Denkmalschutz, wie Raimund Gaebelein bedauert.

Mit ihren bisherigen Funden sei sie zufrieden, sagt Uta Halle: „Auch wenn es ganz wenig gibt, was wir dem Lager zuordnen können; zum Beispiel Stacheldrahtreste. Ansonsten gibt es fast nur Funde, die dem Schützenhof zuzuordnen sind. Oder der Zeit danach. Wir haben zum Beispiel eine kleine Nivea-Dose gefunden, die wir eindeutig der Zeitspanne von 1949 bis 1959 zuordnen konnten.“

Fest steht außerdem: Die jetzt entdeckte Baracke muss vor 1958 abgerissen worden sein. Denn auf einer Luftaufnahme von 1958 ist sie nicht mehr zu sehen. Das Areal gäbe mit Sicherheit noch mehr her – auch wenn nun einige Mosaiksteinchen gefunden werden konnten, ist Uta Halle überzeugt: „Der Schützenhof steckt im Grunde genommen noch immer voller Geheimnisse – sowohl, was die Geschichte der Schützengilde angeht als auch die des Zwangsarbeiterlagers.“

Weitere Informationen

Am 9. September, dem Tag des offenen Denkmals, werden die Ergebnisse der Ausgrabung von 14 bis 17 Uhr beim Schützenhof, Bromberger Straße 117, präsentiert. An diesem Tag sollen auch Rundgänge über das Gelände angeboten werden.

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