Reportage

Zu Besuch im Food-Court in der Bremer Waterfront

500 Menschen bietet der Food-Court in der Waterfront Platz. Mehr als 20 gastronomische Betriebe haben sich hier niedergelassen. Wer vom Shopping eine Pause braucht, der kehrt hier ein. Ein Besuch vor Ort.
19.01.2020, 13:22
Lesedauer: 5 Min
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Zu Besuch im Food-Court in der Bremer Waterfront
Von Marc Hagedorn
Zu Besuch im Food-Court in der Bremer Waterfront

Mehr als 20 Gastroanbieter haben sich im Food-Court angesiedelt.

Louis Kellner

Die Nudeln kleckern auf das helle T-Shirt des Mädchens. Jetzt ist die Mama sauer. Mutter und Tochter sitzen in der Waterfront an einem Tisch im Food-Court, so heißt das weitläufige Rondell mit den vielen Schnellimbissen. Die Mutter trinkt einen Kaffee, das Mädchen versucht, mit Stäbchen gebratene Nudeln zu essen. Als auf dem großen Bildschirm über einem der Eingänge plötzlich Werbung für den Kino-Film „Die fantastische Reise des Dr. Doolittle“ eingespielt wird, fährt der Kopf der Kleinen herum. „Den will ich sehen, Mama.“ Für die Nudeln, die sie zwischen den Stäbchen balanciert, ist es da schon zu spät. Sie verlieren das Gleichgewicht und landen auf dem Oberteil. Als die Mutter schimpft, fängt das Mädchen an zu weinen.

Dabei soll hier eigentlich niemand traurig sein. Wer im Food-Court einkehrt, der soll es sich gutgehen lassen. Etwas essen, etwas trinken, kurz durchatmen nach der Hatz durch die Geschäfte auf der Jagd nach den Schnäppchen und dem neuesten Schrei. Es ist an alle gedacht: Junge, Alte, Fußgänger und Rollstuhlfahrer. Es gibt sogar einen Wickeltisch und eine Mikrowelle zum Aufwärmen der Babynahrung. Für die Waterfront ist der Food-Court das Herz der Einkaufsmeile. „Unseren Anker und Magneten“, so nennt Center-Managerin Kirsten Jackenkroll den Gastro-Bereich. Über sieben Millionen Besucher hat die Waterfront jährlich. Wie viele von ihnen auch im Food-Court Station machen, lässt sich nicht genau sagen. Aber es gibt Anhaltspunkte, etwa aus Kundenbefragungen. Demnach geben über 70 Prozent der Besucher an, nicht nur in einem der 120 Geschäfte gewesen zu sein, sondern auch einen Abstecher zum Food-Court gemacht zu haben.

Riesiges Angebot

Was erfährt man an so einem Ort über das Kauf- und Freizeitverhalten der Bremer? Tatsächlich ist der Food-Court auch an diesem Nachmittag gut besucht. Es ist einer der ersten Tage des neuen Jahres, die Ferien gehen zu Ende. Am großen Baum in der Mitte des Courts hängt noch der Weihnachtsschmuck, der in den nächsten Tagen entfernt wird. Bestimmt zwei Drittel der Tische sind durchgehend besetzt.

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An einem Vierer-Tisch haben sich zwei Frauen mit vier Kindern niedergelassen. Ein bisschen gequetscht sieht das aus. Die zwei Jungs in der Runde, zehn, elf Jahre alt vielleicht, übernehmen das Kommando. „Was wollt ihr haben?“, fragt der eine. Die Mütter bestellen zwei Cappuccini bei ihm. Bei den Kindern ist die Sache komplizierter. Jetzt läuft auf dem großen Bildschirm nämlich die nächste Kino-Werbung. „Jumanji“. „Oh, guck‘ mal, guck‘ mal“, ruft das eine Mädchen, „Jumanji, der ist so cool.“ „Was wollt ihr essen?“, fährt der Junge dazwischen. Eine Zeit lang geht es hin und her zwischen den beiden, dann ist die Bestellung irgendwann komplett. Zum Glück haben die Kinder den gleichen Geschmack. Während der eine Junge die Mamas mit den Cappuccini versorgt, kann sich der andere in die Schlange bei Kentucky Fried Chicken einreihen.

Mehr als 20 Gastroanbieter haben sich im Food-Court angesiedelt. 500 Sitzplätze stehen hier zur Verfügung, Zweier-Tische, Vierer-Tische und ganz außen Barhocker an einem Tresen. Das Angebot ist riesig. Pizza, Döner, Burger, Pommes, Pasta. Hühnchen, Rind, Schwein. Fritiertes, Gebratenes, Gegartes und Fischiges. Besonders am Food-Court in Bremen ist, dass viele der angesagten großen Ketten hier vertreten sind. McDonald’s, KFC, Subway, Pizza Hut. Diese Dichte hat sonst nur das Centro in Oberhausen zu bieten, die Mutter aller Shopping-Center in Deutschland.

Als das Centro 1996 eröffnet wurde, war das eine kleine Sensation. So groß, so hoch, so bunt, so vielfältig – das kannte man bis dahin nur aus den USA, aber nicht hierzulande. In Bremen hatte man zu der Zeit noch andere Pläne für das Areal, auf dem heute die Waterfront steht. Ein Space Park sollte hier entstehen. Ein Freizeitpark unterm Dach mit dem Schwerpunkt Raumfahrt war der Traum der Betreiber. Aber der war bald ausgeträumt. Auch weil das gastronomische Angebot sehr bescheiden war, blieben schnell die Leute weg. Schon bald war der Space Park wieder Geschichte.

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Geblieben ist bis heute die Architektur, und die ist für einen Food-Court außergewöhnlich. Die runde Form, die hohe Decke, die Glasfront zur Weserseite hin sorgen für eine ganz eigene Atmosphäre. Ein bisschen Bahnhofshalle, aber hell und freundlich. Sauber ist es auch, dafür sorgen Service-Mitarbeiter, die regelmäßig Tische abwischen und Reste vom Fußboden auffegen.

Die Jungs, die für ihren Tisch die Bestellungen geholt haben, haben dafür kein Auge. Sie blicken abwechselnd auf ihre Hähnchenteile, die sie verputzen, und hoch zum großen Bildschirm, wenn dort wieder etwas Interessantes läuft. Jetzt sind es Werbebotschaften, die ziemlich direkt sagen, was Sache ist in der Waterfront. „Wir shoppen nicht, wir kaufen uns glücklich“, lautet einer der Slogans, „Wir shoppen nicht, wir kaufrauschen“ ein anderer. Und: „Das ist kein Einkauf, das ist ein Auftritt“.

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Tatsächlich kann man den Eindruck gewinnen, dass einige Besucher, es sind vor allem junge Mädchen, den Food-Court als Bühne begreifen. Sie posen für Selfies, holen die neuen Klamotten aus den Einkaufstüten und reichen sie am Tisch herum.

Auf dem Bildschirm, der 25 Quadratmeter groß ist, läuft jetzt das Video einer Modenschau. Es zeigt junge Mädchen, die geschminkt werden, über den Laufsteg stöckeln und Hosen, Röcke oder T-Shirts vorführen, lang und mini, hoch geschlossen und mit tiefen Einblicken. Etwas später ist ein Film über einen Talentwettbewerb zu sehen, der vor einiger Zeit hier stattgefunden hat. Junge Menschen tanzen, singen oder spielen ein Instrument. Sie sehen genau so aus wie die jungen Leute, die hier im Food-Court gerade Pause machen. Shoppen, Modeln, Singen, Tanzen – das ist der Stoff, aus dem die Träume sind.

„Vier zauberhafte Schwestern“

Am Tisch mit den zwei Müttern und den vier Kindern geht es jetzt hoch her. Die Kinder streiten darüber, welche Figur aus dem Film „Vier zauberhafte Schwestern“ die coolste ist. Sky? Flora? Flame? Oder Marina? Man wird sich nicht einig. Einer der Jungs nimmt eine Pommes und wirft damit eines der Mädchen ab. Jetzt ist was los. Das Mädchen steht von seinem Stuhl auf und will zum Jungen hinüber. Erst als die beiden Mütter zur Ruhe mahnen, beruhigt sich die Gesellschaft. Wer es von vorne herein lieber etwas ruhiger hat, der kann sich in die Restaurants zurückziehen. Das Alex und das Tuky sind sehr gut besucht.

Am Publikum des Food-Courts lässt sich leicht ablesen, welche Geschäfte bei den Waterfront-Besuchern besonders hoch im Kurs stehen, gut zu erkennen an den Einkaufstüten, die während der Mahlzeit auf, unter und neben den Tischen, Stühlen und Bänken deponiert werden. Hoch im Kurs stehen H&M, C&A und Tommy Hilfiger. Aber weit vorweg und allen überlegen: Primark.

Die vier Rabauken an ihrem Tisch haben inzwischen ein neues Thema gefunden, über das sie sich streiten können. Jetzt geht es um Musik, die zwischen den Kino-Trailern und Werbespots über den Bildschirm laufen. Massentauglicher Pop bildet den Soundtrack zum Shopping-Erlebnis. Ellie Goulding, Jonas Brothers und Avril Lavigne, lauter schöne und fröhliche Menschen. Einer der Jungs sagt, dass er Mark Forster nicht mag, dessen Song „Einmal“ eben gespielt wurde. Mit dem Urteil steht er ziemlich alleine da. Die anderen reden wild auf ihn ein. Die Mütter der vier Kinder kriegen von all dem nicht mehr viel mit. Sie haben sich an einen Nebentisch verzogen.

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