Neue Strukturen für Bremer Hütte Arcelor-Mittal bündelt die Stahlwerke

An den deutschen Standorten von Arcelor-Mittal brodelt es seit einigen Tagen. Der Stahlkonzern will seine Strukturen neu ordnen. Was das für Bremen bedeutet, und warum das in Eisenhüttenstadt Sorge bereitet.
27.03.2019, 06:00
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Arcelor-Mittal bündelt die Stahlwerke
Von Florian Schwiegershausen

Es sind Nachrichten von Arcelor-Mittal, die in den vergangenen Tagen den Mitarbeitern am Standort Eisenhüttenstadt mehr Sorgen bereitet hat als den Kollegen in der Bremer Stahlhütte. Denn der Konzern ordnet seine Geschäftsbereiche um, und dadurch soll Reiner Blaschek, bisher Chef des Bremer Werks, in Zukunft auch den Standort in Eisenhüttenstadt leiten. Bisher hatte der Stahlkonzern seine Hütten in europäische Regionen aufgeteilt. So gehörte Bremen bisher zusammen mit Belgien und Nordfrankreich zum Geschäftsbereich Nordeuropa. Eisenhüttenstadt gehörte zusammen mit Polen zur Region Osteuropa. Aus diesen beiden Standorten soll nun die Region Deutschland werden.

Werke nach Ländern ordnen

Vom Unternehmen hieß es dazu: „Mit den Länder-Clustern beabsichtigt Arcelor-Mittal Europa – Flachprodukte eine Verschlankung der Organisation mit dem Ziel, Zuverlässigkeit, Qualität und den Service aller Werke weiter zu verbessern. Gleiche Sprache, Kultur und rechtliche Rahmenbedingungen sprechen auch für die Orientierung der Strukturen auf Landesebene.“ So sind in einem durch harten Wettbewerb gekennzeichneten Marktumfeld einfache und flexible Organisationsstrukturen laut Konzern sehr wichtig. An beiden Standorten wird Flachstahl produziert.

Bereits am vergangenen Freitag wurde die Änderung den ostdeutschen Kollegen auf einer gut besuchten Betriebsversammlung erklärt. An diesem Mittwoch werden die Kollegen der Bremer Hütte mehr über die Zukunft ihres Unternehmens erfahren. Was die neuen Strukturen angeht, sehen sich die Arbeiter in Eisenhüttenstadt aber in Zukunft im Nachteil. Zwar sagte der Vorstandsvorsitzende von Arcelor-Mittal Eisenhüttenstadt, Pierre Jacobs, dass es keine Schließung von Produktionsanlagen geben werde: „Der Stahlstandort Eisenhüttenstadt ist nicht gefährdet. Ich sehe diese Strukturänderung nicht als lebensbedrohend.“

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Der IG-Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen sieht das aber anders. So sagte Olivier Höbel den örtlichen Medien: „Wir werden nicht akzeptieren, dass ein hochproduktiver Standort zur verlängerten Werkbank degradiert wird.“ Die Entscheidung sei „an allen Strukturen und Gremien des Aufsichtsrates vorbei“ bekannt geworden. „Diese Vorgehensweise zerstöre jede Form von Vertrauen“, fügte Höbel hinzu. Der Standort Eisenhüttenstadt hat 2700 Mitarbeiter.

Die Bremer IG-Metall-Geschäftsführerin Ute Buggeln sagt dazu: „Wir werden genau hinschauen, dass hier nicht ein Standort gegen den anderen ausgespielt wird.“ So wird sich der Aufsichtsrat der Bremer Hütte in der kommenden Woche zusammensetzen – mit dabei übrigens ein letztes Mal Bremens ehemaliger Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD). Es wird sich nach dieser Sitzung als Aufsichtsrat verabschieden. Als sein Nachfolger wurde von Arbeitnehmerseite der Bremer EU-Abgeordnete Joachim Schuster (SPD) bestimmt. Für die 4000 Mitarbeiter in Bremen klingt es eher nach einer Stärkung ihres Standorts. Allerdings stellt sich für sie die Frage, ob sie in Zukunft nur noch einen halben Werksleiter haben werden, wenn Reiner Blaschek dann auch in Eisenhüttenstadt Entscheidungen treffen muss.

Vorgespräche mit Aufsichtsräten

Seitens des Unternehmen heißt es dazu weiter: „Bremen und Eisenhüttenstadt haben bereits seit einigen Jahren eine gemeinsame Einkaufsplattform. In der täglichen Arbeit sind keine bedeutenden Änderungen für die Mitarbeiter zu erwarten.“ Im Aufsichtsrat soll in Zukunft über die künftige Ausgestaltung der Landesorganisation gesprochen werden. Der Arcelor-Mittal Europachef für Flachstahl, Geert van Poelvoorde, bestätigte Vorgespräche mit den Aufsichtsräten und versuchte auch, die besorgten Mitarbeiter in Ostdeutschland zu beruhigen: „Arcelor-Mittal Eisenhüttenstadt ist ein wichtiger Teil der Flachstahlsparte im Konzern – und dies wird auch in Zukunft so bleiben.“ Eisenhüttenstadt zählt zu den besten Werken der Gruppe.

Das Thema ist im Bundesland Brandenburg so wichtig, dass sogar Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) am Freitag auf der Mitarbeiterversammlung in Eisenhüttenstadt war. Dort sagte er: "Die Landesregierung werde gemeinsam mit der Gewerkschaft und dem Betriebsrat alles tun, damit die Entwicklung am Standort eine gute bleibe.

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Laut Arcelor-Mittal sind in den vergangenen fünf Jahren Investitionen in Höhe von mehr als 150 Millionen Euro nach Eisenhüttenstadt geflossen, um den Standort wettbewerbsfähig zu halten. Darunter befanden sich strategische Investitionen, wie die Neuzustellung eines Hochofens und die Kapazitätserhöhung eines Ofens im Warmwalzwerk.

Der weltweite Stahlmarkt ist nicht einfach. Dazu hat US-Präsident Donald Trump vergangenen Juni mit Strafzöllen auf Stahl- und Aluminiumprodukte aus EU-Ländern und China beigetragen. Sie liegen bei 25 Prozent. Nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl ist der Stahlexport in die USA dadurch um sieben Prozent gesunken. Der Importstahl in die EU kam zuletzt vor allem aus Mexiko, die Türkei, Taiwan und Japan. Allerdings konnte Arcelor-Mittal dieser Entwicklung trotzen. So stieg im abgelaufenen Jahr der weltweite Nettogewinn um knapp 13 Prozent auf 5,1 Milliarden Euro. Die deutschen Standorte konnten ihren Umsatz um 200 Millionen Euro auf 7,2 Milliarden Euro steigern.

Bremens Werksleiter Reiner Blaschek wird in Zukunft wohl nun öfter zwischen den beiden Standorten hin und her fahren. Google Maps gibt die Fahrtdauer zwischen Bremen und Eisenhüttenstadt mit vier Stunden und 38 Minuten an – wenn auf der A2 kein Stau ist.

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