Jahreshauptversammlung

Bremer Erinnerung in China

Nach der Schließung der AG Weser gründete sich der Arbeiterverein Use Akschen. Seit 36 Jahren setzt er sich für die ehemaligen Kollegen ein und hält die Erinnerung an den Schiffbau in Gröpelingen lebendig.
12.01.2020, 19:13
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Bremer Erinnerung in China
Von Anne Gerling

„Was sind die letzten Worte eines Werftarbeiters?“, fragt Heinz Rolappe vom Vorstand des Arbeitervereins Use Akschen – und gibt die Antwort prompt selbst: „Wo ist mein Macker?“ Der „Macker“ nämlich – der Kollege – war für die Beschäftigten der Großwerft AG Weser immer das Wichtigste, wie der frühere Rohrschlosser Rolappe erzählt: „Man war aufeinander angewiesen und musste sich auf einander verlassen ­können.“

Sich aufeinander verlassen: Das können die aktuell 154 Mitglieder des nach der Werft-Schließung am 19. Dezember 1983 gegründeten Arbeitervereins bis heute. 82 von ihnen waren am Sonnabend bei der Jahreshauptversammlung im Innside Hotel dabei und hatten auch aus Brokdorf, Nienburg, Zeven, Verden und sogar aus Bayreuth die weite Anfahrt nicht gescheut, um ihre früheren Macker wiederzusehen.

Bis heute hat der Verein einiges zu tun, der sich seinerzeit insbesondere auch gegründet hatte, um darüber zu wachen, dass die Forderungen aus Interessenausgleich, Sozialplan und Unterstützungskasse auch tatsächlich erfüllt wurden und der beim Umgang mit Arbeitsamt, Sozialgericht, Krankenkassen, Rentenversicherung, Unterstützungskasse und der Berufsgenossenschaft half. So auch wieder in diesem Jahr, in dem zwei Ehemalige – einer ist an Asbestose erkrankt, der andere hat einen Gehörschaden – gegenüber der Berufsgenossenschaft anhand von Unterlagen nachweisen sollten, dass ihre Erkrankungen tatsächlich berufliche Ursachen hätten. Bis 1975 war auf der Werft Asbest beziehungsweise asbesthaltiges Material eingesetzt worden – dies gehört zu den schlimmen Erinnerungen der früheren Kollegen.

Abgesehen davon denken wohl viele wie Günter Koeser. „Es war schon eine schöne Zeit“, findet er. Zehn Jahre lang ist er Bockkran gefahren, von 1976 bis 1983 war er auf der Traditionswerft beschäftigt und fand zum Glück nach deren Schließung schnell einen neuen Job. Der blaue Bockkran, der bis heute im Stadtteil als Symbol für die AG Weser gilt, bleibe für die Ewigkeit, ist der Vereinsvorsitzende Herbert Kienke überzeugt: „Auch wenn wir nicht mehr sind.“ Der 750-Tonnen-Kran stehe mittlerweile nämlich in Bremens chinesischer Partnerstadt Dalian: „Die Chinesen haben überhaupt nichts daran geändert, sogar das Krupp-Zeichen ist noch drauf.“ Im Technik Museum in Sinsheim sei außerdem ein zwölf Meter langes und sechs Meter hohes Modell der „Bremen“ zu sehen – mit Motor, wie Kienke unterstreicht: „Von uns gebaut, das bleibt ewig in Erinnerung!“

Dafür, dass die Geschichten der ehemaligen Werftarbeiter nicht vergessen werden, sorgt auch die Waller Kulturschaffende Frauke Wilhelm, die seit 2013 mit ihrem Team die temporäre Hafenbar Golden City betreibt. Dorthin lud sie im vergangenen Sommer einige ehemalige Werftarbeiter ein, die dem Publikum von ihren Erlebnissen erzählten – ein Riesen-Erfolg, so Wilhelm: „250 Leute wollten diese Show sehen, wir konnten aber nur 185 reinbekommen. Das war für uns die tollste Veranstaltung der Saison.“ Für eine Ton-Bild-Collage sucht Wilhelm aktuell noch Fotos, möglichst bei der Arbeit.

Auch Hoteldirektor Frank Bauchwitz, der die Vereinsmitglieder in sein Hotel eingeladen hatte, will die Use-Akschen-Geschichte bewahren. Er und Kienke hatten sich im Januar 2008 bei der Einweihung der AG-Weser-Straße kennengelernt und Bauchwitz hat inzwischen einige Ideen entwickelt, um Besuchern seines Hotels die Geschichte der Großwerft zu präsentieren. „Ich will, dass wir zur altehrwürdigen AG Weser Stellung beziehen und Farbe bekennen“, sagt er und hofft, dass ihm Ehemalige Erinnerungsstücke zur Verfügung stellen.

Ein solches hat vergangenes Jahr Udo Richter, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender des Bremer Mercedes-Werks, dem Arbeiterverein übergeben: Die frühere Stempeluhr, die in seinem Büro stand, seit er sie nach der Werftschließung gemeinsam mit dem damaligen Betriebsratschef Hans Ziegenfuß demontiert hatte. Man sieht: Die Mitglieder des Arbeitervereins haben noch so manche gute Geschichte auf Lager.

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