Arcelor Mittal ermittelt Ursache

Dicke Luft über dem Bremer Stahlwerk

Ende Januar sorgten große Staubwolken über der Bremer Stahlhütte für Sorge. Mittlerweile ist der Grund für die Verpuffung bekannt: das Verkippen eines vorübergehenden Überschusses an Roheisen.
25.02.2020, 05:00
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Dicke Luft über dem Bremer Stahlwerk
Von Ivonne Wolfgramm
Dicke Luft über dem Bremer Stahlwerk

Rostrote Wolken türmen sich über der Bremer Stahlhütte von Arcelor-Mittal – aufgenommen am 30. Januar 2020 von Leserin Anette
Rinski-Weber.

Anette Rinski-Weber

Zwei Feuerbälle über dem Bremer Stahlwerk, die sich anschließend zu einer großen, rostfarbenen Staubwolke vereinten, sorgten Ende Januar für Aufregung bei Passanten. Eine Augenzeugin, die dem WESER-KURIER von dem Ereignis berichtete, vermutete zunächst einen schrecklichen Unfall auf dem Betriebsgelände. Als sich das als falsch herausstellte, war die Passantin zwar erleichtert, allerdings auch empört, weil es keinerlei Mitteilungen vom Stahlwerk über den Vorfall gab.

Zunächst sei auch dem Stahlunternehmen nicht klar gewesen, was genau an diesem Januarnachmittag vorgefallen war, teilte Marion Müller-Achterberg, Sprecherin von Arcelor-Mittal, kurz nach dem Ereignis auf Nachfrage mit. Mittlerweile konnte der Konzern jedoch die Ursache ermitteln. Nach Angaben von Arcelor-Mittal war überschüssiges Roheisen Auslöser für Feuerbälle und Wolke. Es konnte zu diesem Zeitpunkt nicht weiterverarbeitet werden und wurde daher in ein unvorbereitetes Becken gekippt, um das Roheisen dort zwischenzulagern. Dabei sei es zu einer Reaktion des flüssigen Roheisens mit Wassereinschlüssen gekommen. Die Folge: Eine Verpuffung und eine rostrote Wolke über der Hütte.

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Dieses Phänomen sei keine Seltenheit, wie Marko Thalberg (Name geändert) sagt. Um eventuellen Unstimmigkeiten mit dem Stahlwerk aus dem Weg zu gehen, möchte er seinen Namen nicht öffentlich machen. Er arbeitet seit 13 Jahren in direkter Nähe zur Bremer Stahlhütte. Und in dieser Zeit hat er während seines Schichtdienstes immer mal wieder beobachtet, wie solche roten Staubwolken meist am Nachthimmel erscheinen.

Wie oft das passiert, kann er nicht zu sagen. „Manche von uns sehen das ein Jahr gar nicht, andere Kollegen wiederum mehrmals im Jahr.“ Es hänge unter anderem von seinem Dienstplan und dem Produktionsablauf bei Arcelor-Mittal ab, wann er die Emissionen beobachten kann. Die Staubwolken bleiben aber nicht ohne Folgen, wie Thalberg und seine Kollegen jedes Mal am Morgen danach feststellen. „Auf unseren Autos liegt metallischer Staub. Es sieht aus, als hätte es Asche geregnet.“ Ebenso seien oft auch Hausfassaden oder Fensterrahmen danach beschmutzt.

Staub lässt sich nicht gänzlich entfernen

Die Ablagerungen hafteten hartnäckig am Autolack, sagt Thalberg. Selbst in der Waschanlage ließe sich der Staub nicht gänzlich entfernen. Zwar kümmere sich Arcelor-Mittal um die Beseitigung der Ablagerungen, indem das Unternehmen die Kosten für eine professionelle Aufpolierung übernehme. Aber selbst danach seien manchmal noch rostartige Flecken auf der Oberfläche der betroffenen Autos zu sehen.

Dem Bremer Umweltressort ist der Vorfall im Bremer Stahlwerk von Ende Januar bekannt. Arcelor-Mittal hatte die zuständige Gewerbeaufsicht sowie die Ortsämter Burg-Lesum und Seehausen hierüber informiert, teilte Ressortsprecher Jens Tittmann auf Nachfrage mit. Auffälligkeiten bei den Feinstaubwerten an der Messstation Oslebshausen hätten sich an dem Tag aber nicht gezeigt, sagte Tittmann: „Gegen 18 Uhr war der Stundenmittelwert für Feinstaub leicht erhöht, fiel danach aber wieder ab.“

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Der zulässige Tagesmittelwert bei Feinstaub beträgt 50 Mikrogramm pro Kubikmeter und darf bis zu 35 Mal im Jahr überschritten werden. Nach Aussage des Umweltressorts war dies am Tag des Vorfalls bei den Messstationen Seehausen/Hasenbüren und Oslebshausen nicht der Fall. Im Gegenteil: Der Wert sei mit 17 Mikrogramm pro Kubikmeter sogar deutlich unterschritten. „Das Ereignis bei Arcelor-Mittal zeigte also keine Auffälligkeiten“, sagte Tittmann.

Einen Überblick über die Schadstoffemissionen der Bremer Stahlhütte bietet das Online-Portal Thru, das vom Umweltbundesamt betreut wird. Danach hat das Werk im Jahr 2017 – aktuellere Daten liegen dort nicht vor – rund 2,66 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid, 52,1 Tausend Tonnen Kohlenstoffmonoxid, 2,53 Tonnen Schwefeloxide sowie weitere Mengen an Stickoxiden, Feinstaub Zink und Zinkverbindungen und Dioxine freigesetzt.

Alle Emissionen waren geplant

Aus den öffentlich einsehbaren Daten geht jedoch hervor, dass alle Emissionen geplant waren und es zu keinen Versehen gekommen ist. Der Schwellenwert, also die Konzentration der Stoffe bei deren Überschreitungen Beeinträchtigungen oder Funktionsstörungen zu erwarten sind, liegt für Kohlenstoffdioxid bei einer Million Tonnen und bei Kohlenstoffmonoxid bei fünftausend Tonnen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Anlieger der Stahlhütte über derartige Staubwolken beklagen. Einen ersten Streit zwischen Anwohnern und der Stahlhütte gab es bereits im Juni 2009, als eine rostrote Staubwolke über die Umgebung hinwegzog. Schiffe, Gartenmöbel und Autolacke wurden dabei beschädigt.

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Im April 2010 zeigte sich am Himmel erneut solch eine Wolke, die über die Weser in Richtung eines nahe gelegenen Jachthafen zog. Auslöser war damals ein Störfall im Abgas-Reinigungssystem. Hier besserte Arcelor-Mittal mit einer neuen Filteranlage nach und entschädigte die Bootseigentümer für die entstandenen Reinigungskosten.

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