Produktion geht zurück

500 Jobs im Bremer Mercedes-Werk in Gefahr

Weil Mercedes in Sebaldsbrück deutlich weniger Autos produziert, sieht die IG Metall die Jobs von hunderten Leiharbeitern bedroht. Die Autohersteller teilen derzeit gleich mehrere Sorgen.
30.08.2019, 19:43
Lesedauer: 4 Min
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Von Florian Schwiegershausen Lisa Boekhoff
500 Jobs im Bremer Mercedes-Werk in Gefahr

Daimler in der Dämmerung: Mercedes produziert in Bremen-Sebaldsbrück in diesem Jahr deutlich weniger Fahrzeuge.

Detmar Schmoll

Im Bremer Mercedes-Werk müssen Leiharbeiter um ihre Anstellung fürchten. Ursache ist der deutliche Rückgang der Produktion. Daimler wird in diesem Jahr am Standort in Sebaldsbrück wahrscheinlich 30.000 Fahrzeuge weniger bauen. Und die Aussichten scheinen nicht besser zu werden. Der Geschäftsführer der IG Metall Bremen, Volker Stahmann, sieht deshalb die Arbeitsplätze von 500 Leiharbeitern bedroht. „Das tut besonders weh. Diese Mitarbeiter haben teils Jahre Seite an Seite mit den Kollegen der Stammbelegschaft gearbeitet.“

Der Betriebsratschef des Werks, Michael Peters, ist vorsichtiger. Ob am Ende 500 Leiharbeiter betroffen seien, das lasse sich derzeit noch nicht mit Sicherheit sagen. Dennoch: „Ich kann die Fakten nicht wegreden.“ Im Moment gebe es eine gewisse Unsicherheit. „Da ist es auch schwierig, als Betriebsrat Dinge durchzusetzen.“ Peters zufolge lassen sich die Stückzahlen genau wie die Pläne für das kommende Jahr erst zum Jahresende absehen. „Entsprechend geht es dann in den Gesprächen auch um die Zahl der Leiharbeiter.“

Produktion von 370.000 Autos

Mercedes äußert sich nicht konkret zum drohenden Jobabbau. An allen Standorten bewege man sich „im Rahmen der Vereinbarungen mit dem Gesamtbetriebsrat oder den Betriebsräten“, teilte eine Sprecherin mit und bat um Verständnis, dass auf Werksebene keine Zahlen genannt werden. Und weiter: „Mit Hilfe der Zeitarbeit ist es möglich, durch die flexible Reaktion auf Marktschwankungen die Stammbelegschaft und Arbeitsplätze im Unternehmen zu halten.“

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2019 werden im Werk nach Stahmanns Angaben um die 370.000 Autos produziert. In den vergangenen Jahren lag die Zahl wesentlich höher: in der Spitze bei mehr als 420.000. Generell sei bei den Autoherstellen eine stagnierende oder sinkende Produktion auszumachen, weil der Absatz aufgrund der Konjunktur schwächelt. Der Rückgang sei allerdings nicht beunruhigend. „Das ist alles nicht dramatisch. Das Werk ist für 340.000 Autos ausgelegt.“ Ausgehandelt war Ende des vergangenen Jahres mit dem Betriebsrat jedoch, dass die Produktion auf dem Niveau von 2018 liegt und damit bei rund 410.000 Autos. Veränderungen gibt es nun etwa am Sonnabend: eine Sonderschicht ist gestrichen. „Das bedeutet natürlich automatisch, dass der Bedarf an Personal sinkt. Wir sind um die Sonderschicht aber nicht traurig, weil sie eine große Belastung für die Belegschaft war.“ Peters sieht durchaus das jüngste Urteil zu den Schichtzuschlägen als Einflussfaktor auf die Sonderschichten. Mercedes muss seither allen Mitarbeitern denselben Zuschlag für die Nacht zahlen wie das Bremer Arbeitsgericht entschied – auch Kollegen in der Dauernachtschicht.

2020 oder 2021 neue C-Klasse erwartet

Die Nachtschicht in der Produktion von C- und E-Klasse der Modelle Cabrio und Coupé ist ebenfalls gestrichen. Die rückläufige Nachfrage nach diesen Autos sei aber auch teils „normales Geschäft“, sagt Stahmann. Denn 2020 oder 2021 werde eine neue C-Klasse erwartet auf die Kunden schon spekulierten. „Bevor ein neues Modell kommt, geht die Produktion traditionell runter.“ Außerdem seien Cabrios weniger beliebt. Zurzeit seien dafür besonders SUV gefragt.

Trotz der Aussichten für immerhin 500 von insgesamt rund 700 Leiharbeitern sieht Stahmann für die 12.500 Mitarbeiter der Stammbelegschaft keine Gefahr. Auswirkungen gab es allerdings bereits auf die Zahl der Ferienjobs. Es sei der Wunsch des Betriebsrats, der Gewerkschaft und der Belegschaft gewesen, in der Urlaubszeit weniger Studenten und Schüler einzustellen und mehr Leiharbeiter zu beschäftigen. Das liege auch daran, dass der Wechsel der Ferienjobber, die teils nur wenige Wochen blieben, auch eine Belastung sei.

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In der Vergangenheit sei die Hoffnung oft in Erfüllung gegangen, dass Leiharbeiter vom Unternehmen übernommen wurden. Die Situation ist nun Stahmann zufolge schwieriger, weil die Produktion nicht wie bisher zulege. „Diese Phase scheint vorbei zu sein.“ Derzeit fehlten Alternativen für die Kollegen in Leiharbeit. Von Mercedes gebe es keine Signale, dass es sich beim Rückgang nur um eine Delle handele, die zu überbrücken ist.

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Der Chef der IG Metall Bremen zeigt Verständnis. Gerade sei es schwer abzuschätzen, welche Nachfrage es nach Elektroautos gebe. „Das ist aber ein Problem, das alle Hersteller haben.“ Bremen kommt hier eine besondere Stellung zu: Im Werk produziert Mercedes mit dem EQC das erste E-Auto von Daimler. Michael Peters sieht die neuen Antriebe ebenfalls als eine Quelle für Unsicherheit. Unklar sei zudem auch, was der Brexit für die Branche bedeute oder welchen Einfluss der Handelskrieg der USA habe. In der Vergangenheit drohte der US-amerikanische Präsident Donald Trump immer wieder mit Zöllen für Autos aus Europa.

Die Sorgen der Autoproduzenten sind bei den Zulieferbetrieben längst angekommen. Insgesamt beobachtet die IG Metall Fälle, dass Leiharbeiter in der Branche gefährdet sind. „Es gibt erste Anzeichen“, sagt die Sprecherin der Gewerkschaft Ingrid Gier. Wenn schon die Arbeitszeitkonten abgebaut seien, dann blieben die Leiharbeiten als nächste Stellschraube, um die Produktion herunterzufahren, bevor andere Schritte ergriffen würden.

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