Erst in Syrien, dann in Bremen

Abiturientin Manal Kaddour ist nun zweimal Jahrgangsbeste

Erst in Syrien, dann in Bremen – die Abiturientin Manal Kaddour ist nun zwei Mal Jahrgangsbeste. So war ihr Weg zum Abitur.
26.06.2019, 05:56
Lesedauer: 3 Min
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Abiturientin Manal Kaddour ist nun zweimal Jahrgangsbeste
Von Eva Przybyla
Abiturientin Manal Kaddour ist nun zweimal Jahrgangsbeste

Sie weiß ganz genau, was sie will: die Abiturientin Manal Kaddour an der Wilhelm-Olbers-Schule in Bremen.

Christina Kuhaupt

Panisch vor Angst betritt Manal ­Kaddour ein Klassenzimmer an der Wilhelm-Olbers-Oberschule (WOS) in Hemelingen. Es ist ihr ersten Schultag in Deutschland im Oktober 2015, sie steht vor einer Gruppe von Elftklässlern. „Willst du dich nicht vorstellen?“, fragt die Lehrkraft. „Nein“, antwortet Kaddour. Das Wort „vorstellen“ kennt sie noch nicht.

In ihrer Schule im syrischen Damaskus war sie nur wenige Monate zuvor eine der Jahrgangsbesten. Dann kam der Krieg. Aus ihrer Heimat musste die damals 16-Jährige fliehen und in Deutschland von vorne anfangen. Heute hat die 20-Jährige wie 2987 andere Abiturientinnen und Abiturienten im Land Bremen die Abschlussprüfungen hinter sich. Und auch jetzt ist sie mit dem Notendurchschnitt 1,6 eine der zwei Besten ihres Jahrgangs.

Die junge Frau scheint das selbst noch nicht ganz zu glauben. Sie spricht von „guten“ Leistungen. Das umstrittene Mathe-Abitur mache ihr noch Sorgen, sagt sie.

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Geprüft worden sei Kaddour wie alle anderen, berichtet die WOS-Oberstufenkoordinatorin Susanne Nadler. Nicht einmal ein arabisch-deutsches Wörterbuch hat Kaddour demnach benutzt. „Im Großen und Ganzen hat sie sich die Sprache allein erarbeitet“, sagt Nadler. Bis heute finde die Geografielehrerin es erstaunlich und bewundernswert, wie schnell die Schülerin ihre Deutschkenntnisse verbessert habe.

Wie sie das geschafft hat? „Meine Eltern haben mich immer motiviert, mein Ziel zu verfolgen“, sagt Kaddour. Das Ziel hatte sie sich schon in Syrien gesteckt: Medizin studieren. Als sie in Deutschland angekommen sei, habe sie sofort geschaut, was sie für die ersehnte Ausbildung tun müsse, erzählt die Schülerin. Der Numerus clausus lag bei 1,0. Kaddour fing an zu lernen.

Lernen, lernen, lernen

Damit begann ein harter Weg. „Der Anfang war schwer“, sagt Nadler. Ein halbes Jahr nimmt Kaddour in der Einführungsphase der Oberstufe am regulären Unterricht teil, bevor sie 2016 in einen Vorkurs wechselt. Nach der Schule habe sie jeden Tag vier Stunden lang weiter gelernt. „Das Leben ist kein Ponyhof – man muss hart arbeiten“, meint Kaddour. Besser sei es für sie im Vorkurs geworden, den sie ab 2016 besuchte. In den Vorkursen an Gymnasien und Oberschulen lernen Schüler, die erst seit Kurzem in Deutschland leben, Deutsch. Parallel dazu nehmen sie am regulären Fachunterricht teil.

Neben Kaddour haben auch Schüler aus Russland, Ghana, Griechenland, Kenia, Syrien und Afghanistan an dem Kurs teilgenommen, sagt die Lehrerin Marta Huhnholt. Die junge Syrerin sei eine von 70 Schülern in dem Kurs gewesen. Überdurchschnittlich schnell habe sie diesen nach nur fünf Monaten abgeschlossen. Häufig bräuchten Schüler etwa ein Jahr Vorbereitungszeit, ehe sie vollständig in die Regelklasse wechseln.

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Doch mit dem Vorkurs allein hatte Kaddour sich noch nicht genügend auf das Abitur vorbereitet: Sie besuchte als Start-Stipendiatin weitere Deutschkurse sowie Trainings, etwa dazu, wie man vor einer Gruppe spricht. Und auch in den drei Jahren des regulären Oberstufenunterrichts lernte sie nach der Schule drei Stunden täglich. Nun hat sie es geschafft.

Nach Angaben des Bildungsressorts haben seit 2015 von 200 insgesamt 28 Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Abitur bestanden. Viele andere Schüler aus den Vorkursen kamen also nicht soweit wie Kaddour. Auch an der WOS haben Huhnholt zufolge einige Jugendliche den Vorkurs abgebrochen oder später die Schule verlassen. Die Lehrerin berichtet von schwierigen Bedingungen für die Schüler: etwa lange Schulwege von der Grohner Düne, laute Flüchtlingsunterkünfte, lange Wohnungssuchen und viel Bürokratie. „Wir hatten Jugendliche, die die Schule abgebrochen haben, weil sie Geld für ihre Familien verdienen wollten“, ergänzt sie. Für diese Schüler wünscht sich Huhnholt bessere Beratungsangebote zu Berufswegen, auch in der Muttersprache.

Keine Kritik an der Abiturvorbereitung

Der Geschichtslehrer Simon Hestermann spricht sich an der WOS für mehr Zeit für die Jugendlichen aus, die in der Oberstufe neu nach Deutschland kommen, um Deutsch zu lernen. „Das Schwerste ist die Sprache“, sagt er. Fachlich sei das Abitur für die Schüler im Vorkurs kein Problem.

Nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Arabisch sollten etwa Schüler aus Syrien zukünftig geprüft werden können, fordert Miriam Breckhoff von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Gesellschaftlich sollten wir die Sprachkenntnisse der Jugendlichen mehr anerkennen und würdigen“, sagt sie.

Kritik an der Abiturvorbereitung formuliert Manal Kaddour nicht. Sie betont, dass man als Schüler zielstrebig und motiviert sein müsse. Den Notenschnitt 1,0 hat sie leider nicht erreicht. Sollte sie deshalb keinen Medizin-Studienplatz bekommen – kein Problem: Sie kenne bereits drei weitere Wege, wie sie trotzdem Ärztin werden könne, sagt die Abiturientin.

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