Geschlechterteilung bei Bremer Lehrkräften Allein unter Frauen

Lehrer sind besonders an Grundschulen eine seltene Spezies. Es dominieren weibliche Lehrkräfte. Ein Universitäts-Projekt will das nun ändern. Der Name: Rent-A-Teacherman
07.02.2019, 17:41
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Allein unter Frauen
Von Christian Hasemann

Ahmet Celtek aus Hemelingen ist ein Exot. Der Lehramtsstudent ist der einzige Mann an der Grundschule Arbergen. Er ist, wenn man so will, allein unter Frauen, denn Männer sind an Grundschulen eine seltene Spezies. Das Universitäts-Projekt „Rent-A-Teacherman“(etwa: „Leih einen Lehrer“) will das ändern. Eine Aufgabe, bei der Rollenklischees umschifft werden müssen.

Entwickelt hat das Projekt der Erziehungswissenschaftler Christoph Fantini von der Universität Bremen. „Wir haben nur etwa elf Prozent Männer an den Grundschulen, in manchen Grundschulen gar keine“, sagt Fantini. Zwar schwankten die Zahlen, aber in den Anfangsjahren des Projektes seien 17 Grundschulen in Bremen ganz ohne männliche Lehrkräfte gewesen, sagt Fantini. „Bei insgesamt 76 Grundschulen ist das ein relativ großer Anteil“, meint der Erziehungswissenschaftler. Auch durch Erfolge des Projektes scheine diese Zahl nun aber zurückzugehen. An fünf Grundschulen unterrichteten schon Männer, die am Projekt teilgenommen haben, so Fantini.

Sorge vor Klischees

Die pädagogisch gute Arbeit an rein weiblichen Schulen zieht Fantini nicht in Zweifel, es sind eher die subtileren Auswirkungen des Männermangels, die er kritisch sieht. „Die Kinder kriegen sehr stereotype Bilder in den Kopf“, hat er in der begleitenden Forschung zum Projekt beobachtet. Darunter Aussagen von Jungs wie: „Für die Grundschule muss man studieren und Frauen sind schlauer.“ Oft dominierten schon bei Grundschülern schwarz-weiße Rollenbilder. „Als Erziehungswissenschaftler ist das schon schlimm zu sehen, wenn Neunjährige solche Stereotype haben“, sagt Fantini. Es liege viel mehr im Argen, als er vorher gedacht habe. „Eigentlich ist das ein bildungspolitischer Skandal, dass da nicht mehr passiert und man es einfach hinnimmt.“

Aber es liegt auch am Rollenbild in den Familien. „Das ist immer ein Thema: Wo sind die Väter?“, sagt Christoph Fantini. Eine Frage, um die sich wild gestritten werden kann. Auf Schulveranstaltungen jedenfalls sind Mütter in der Regel deutlich in der Überzahl. Interessiert die Väter der Werdegang ihrer Kinder in der Schule nicht und überlassen sie deswegen weitgehend den Müttern das Bildungsfeld Grundschule? Oder aber drängen Mütter und Lehrerinnen mit ihrer zahlenmäßigen Dominanz unbewusst die Männer aus dem Umfeld raus? „Wenn Väter mitbekommen, dass fast nur Lehrerinnen und Mütter bei Elternabenden sind, ziehen sie sich unter Umständen zurück“, mutmaßt Fantini.

Dazu kommt: Nur ein geringer Prozentsatz der Männer kann sich überhaupt zeitlich einbringen. Denn noch immer sind 70 Prozent der Männer mit Kind Vollzeit berufstätig, aber nur 29 Prozent der Mütter, so der Bericht zur sozialen Lage der Arbeitnehmerkammer Bremen von 2017. Viele Frauen arbeiten in Teilzeit, übernehmen danach die Familienarbeit. Denn selbst bei einer Ganztagsbetreuung klafft oft eine erhebliche zeitliche Lücke zwischen Betreuung und Büroschluss. Ernüchternd allerdings ein anderer Befund des Berichts: Auch wenn sie mehr Zeit haben, beteiligten sich Väter nicht häufiger an der Familienarbeit.

Weniger Geld für Grundschullehrer

Die Ironie: Emanzipierte Frauen und Männer leben in der Schulrealität oft das Stereotyp der kümmernden Frau und des schaffenden Mannes. Oder liegt es doch am Geld? Noch immer verdienen Pädagogen an Grundschulen weniger als ihre Kollegen an weiterbildenden Schulen. Tatsächlich ist der Anteil der männlichen Lehramtsstudenten für andere Schulformen deutlich höher als im Elementarbereich. Ein Blick in die Vergangenheit allerdings verrät, dass der Anteil der Männer an den Grundschulen noch vor einigen Jahren höher lag. Am Geld liegt es offensichtlich nicht allein.

Eine weitere Ursache: Einige besonders beliebte Lehramtsstudiengänge sind zulassungsbeschränkt, das heißt nur die Notenbesten bekommen sicher einen Platz. Und da Abiturientinnen im Mittel deutlich besser abschneiden als Abiturienten, beginnen auch mehr junge Frauen ein Lehramtsstudium. Resultat: weniger Männer an den Schulen.

Fachpublikationen wiederum warnen davor, dass die wenigen Männer durch ihren Minderheitenstatus wiederum in besonderem Maße ihre Männlichkeit beweisen müssen und sie Formen der „positiven Diskriminierung“ erlebten, die ihr Geschlecht in den Vordergrund rücke. Salopp formuliert: Dem jungem Mann wird vorschnell die Fußball-AG, die Raufen-AG oder der Computerraum ans Herz gelegt. Der Mann, der lieber mit den Kindern liest, näht oder töpfert, kann bei den Kolleginnen dann schnell als „Weichei“ gelten. Diskriminierung fährt zweigleisig.

Vor diesen Rollenklischees will Christoph Fantini seine Studenten bewahren. „Wir appellieren immer an die Mitarbeiter und die Schulleitungen: Fallen sie nicht in stereotype Rollen!“ Aber es komme durchaus gelegentlich vor, dass Schulleitungen sagten: „In die Klasse mit den 'schwierigen' Jungs, da schicken wir den Mann hin!“

„Rent-A-Teacherman“

Den Rambo, der mit aufmüpfigen Viertklässlern fertig wird, gibt Ahmet Celmet nicht. Er übt und spielt mit den Kindern am Klavier zarte Töne. „Für Elise“ von Beethoven entlocken die Kinder dem Klavier in der Aula. Eine Konzentrationsübung, die gleichzeitig die Feinmotorik der Kinder schult. „Ich begleite den Unterricht, mache Elterngespräche, bin bei der Hausaufgabenhilfe“, zählt der Student seine Aufgaben auf. Das Klavierspielen habe sich ganz zufällig ergeben. „Ich habe mit ein paar Jungs gesprochen, ob es etwas gibt, was sie erzählen wollen oder was sie ausprobieren wollen.“ In der Aula habe der Flügel gestanden, den hätten die Jungs mal spielen wollen. „Die waren direkt dabei, fanden das richtig gut“, erzählt Celtek. Die Kinder lernen von ihm so ganz andere Seiten von Männlichkeit kennen, frei von Rollenklischees.

Mindestens ein Jahr, manchmal auch bis zu vier Jahre, dauert der Einsatz der Lehramtsstudenten beim Projekt „Rent-A-Teacherman“. Bei Celtek sind es vier Stunden in der Woche. „Eine intensive Erfahrung“, wie Christoph Fantini meint. „Viel mehr als bei einem Praktikum.“ Erfahrungen, die die Lehramtsstudenten später im Job „allein unter Frauen“ gut gebrauchen können.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+