Golfbälle als Nebenfang

Auf Tauchstation auf der Rennbahn

Geschützte Tierarten sorgen für sauberes Wasser auf der Galopprennbahn in Sebaldsbrück. Gefahr droht allerdings von invasiven Arten. Gewässerpfleger haben sich auf die Suche gemacht.
14.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Auf Tauchstation auf der Rennbahn
Von Christian Hasemann
Auf Tauchstation auf der Rennbahn

Ralf Oestmann geht auf Tauchstation in einem der kleinen Seen auf der Galopprennbahn.

PETRA STUBBE

Still ruhen die Seen auf der Galopprennbahn in Sebaldsbrück seitdem auch die Golfer Anfang des Jahres den Betrieb eingestellt haben. Gestört wird die Ruhe an diesem wolkigen Tag von Ralf Oestmann und Michael Sengstake. Sie überprüfen im Auftrag der Wirtschaftsförderung Bremen (WfB) den Zustand der Gewässer. Ohne Pflege drohen die Gewässer umzukippen und damit gefährdete Tierarten zu sterben.

Vom Ufer aus sind nur ein paar Luftbläschen zu erkennen, die an der Wasseroberfläche aufsteigen. Von Ralf Oestmann, der sich kurz zuvor in seinen Tauchanzug gezwängt hat, ist dagegen nichts zu sehen. Er taucht im trüben Wasser, kurz über dem schlammigen Seegrund. An seiner Seite hat er zwei Körbe befestigt, eine Eigenkreation mit einer kleinen Auftriebshilfe. Diese Körbe möchte er füllen, nicht mit Krebsen oder Muscheln vom Seegrund, sondern mit den Hinterlassenschaften der Golfer. Hunderte Golfbälle vermuten Sengstake und Oestmann in dem See, irgendwo dort unten im Schlamm, stumme, sich langsam zersetzende Zeugen von Fehlschlägen angehender Golfer auf dem Weg zum Strafschlag und damit womöglich einem Bogey bei diesem Loch.

Überblick über Zustand

Es geht aber nicht nur um die Golfbälle und mögliche Schadstoffe und Mikroplastik, die diese über die Jahre absondern könnten, sondern auch darum, sich einen Überblick über den Zustand des Gewässers zu verschaffen. „Es wäre schade, wenn die Seen einfach verkommen würden“, sagt Oestmann. Wenn nötig werden Tiere entnommen, um das Gleichgewicht in den Seen zu erhalten. Tiere, die Oestmann und Sengstake dort selbst ausgesetzt haben – im Auftrag der Golfrange Bremen.

„Das Problem war, dass die Seen voll waren mit Algen“, erklärt Oestmann. Algen wachsen besonders dann gut in Gewässern, wenn viele Nährstoffe hinein gelangen. Das könne durch Düngemittel, aber auch Laub geschehen. „Und irgendwann explodiert das Algenwachstum.“ Auf den Boden hatte sich eine dicke Schicht Algen abgesetzt. „Der Boden war sauerstoffdicht abgeschlossen, dadurch bilden sich Faulgase, und Schnecken und Bakterien können nicht richtig arbeiten.“ Die Algen verbrauchen außerdem Sauerstoff, der dann anderen Seebewohnern zum Überleben fehlt. Der See droht umzukippen.

Die Golfrange fragte bei dem Duo Oestmann/Sengstake um Rat, denn diese sind deutschlandweit gefragte Experten, wenn es um die biologische Pflege von Gewässern geht. Über 800 Teiche haben die beiden nach eigenen Angaben „besetzt“, wie es in der Fachsprache heißt. Statt der Chemiekeule kommen biologische Waffen zum Einsatz. „Wir haben Nasen reingesetzt, ein einheimischer Algenfresserfisch, dazu Bitterlinge, Edelkrebse und Teichmuscheln.“ Die einfache Gleichung: „Die Nasen fressen die Algen, die Krebse fressen den Fischkot, Algen und Laub und die Teichmuscheln filtern das Wasser.“ Bis zu 150 Liter Wasser filtert eine einzige Teichmuschel am Tag. „Allerdings sind die sehr teuer“, sagt Oestmann. Bis zu vier/fünf Euro koste ein Exemplar der ohnehin streng geschützten Tiere. „Und wir brauchen hier etwa 20 000 Stück. Wir sind also auf Vermehrung angewiesen.“

Die geschützten Tiere züchtet das Duo selber. „Die stehen unter Naturschutz, sie dürfen unter keinen Umständen aus der Natur entnommen werden“, betont Sengstake. „Wir haben aber vom Veterinäramt die Erlaubnis zur Zucht und dürfen sie aussetzen.“ Aber das Leben von einheimischen Teichmuscheln, Edelkrebsen und Bitterlingen ist gefährdet. Denn eine Variable macht die einfache Gleichung der ökologischen Gewässerpflege kompliziert. Diese Variable sind invasive Arten, also Tierarten, die von anderen Kontinenten kommen und die heimische Tierwelt verdrängen. Darunter sind unter anderem die Blaubandbärblinge. „Die kommen ursprünglich aus Russland und China und vermehren sich vier, fünfmal im Jahr“, erklärt Sengstake. Und im Gegensatz zu den heimischen Arten halten die Invasoren keinen Winterschlaf. „Das ist wie die Pest.“ Tatsächlich sind der Handel und der Import dieser Fischart streng verboten.

Durch die explosive Vermehrung dieser Fische und dem damit einhergehenden Kot steigt der Nährstoffgehalt und damit die Gefahr, dass sich Algen, darunter die giftige Blaualge, vermehren. Tatsächlich haben die beiden an einer Stelle des Sees schon Blaualgen entdeckt. Oestmann befürchtet das Schlimmste: einen Befall mit den asiatischen Fischen. Immerhin gäbe es Verbündete: Flusskarpfen und Zander können den Bestand an Blaubandbärblingen dezimieren. Insgesamt ist es aber ein Kampf gegen Windmühlen: Der Laich der Fische wird von Enten von Gewässer zu Gewässer getragen. Um zu überprüfen, ob sich überhaupt schon Blaubandbärblinge niedergelassen haben, kontrolliert Sengstake am Ufer die ausgelegten Reusen. Knapp 40 hat das Duo an diesem Tag ausgelegt.

Miniversion des Hummers

Der heimische Edelkrebs, eine Art Miniversion des Hummers, dagegen ist vom amerikanischen Kamberkrebs bedroht. „Den erkennt man an drei roten Strichen auf dem Rücken“, so Sengstake, der seinen Haupterwerb mit der Produktion von Aquaristik-Zubehör aus Ton bestreitet. „Die sind irgendwann mal für Aquarien eingesetzt und dann wohl in die Teiche geworfen worden und jetzt haben wir das Problem.“ Er spricht damit ein grundsätzliches Problem an: Tierarten wandern nicht nur als blinde Passagiere zum Beispiel in Ballasttanks von Schiffen ein, sondern werden von Menschen in der Natur ausgesetzt. Eine andere Art, die häufig in wohlmeinender Weise in die Freiheit entlassen wird, ist der Goldfisch. „Wir holen bis zu 5000 Stück aus einem Teich“, sagt Sengstake. Auf der Galopprennbahn ist das allerdings nicht der Fall.

Reiche Beute hat unterdessen Ralf Oestmann gemacht. Selbst nach einem kurzen Tauchgang sind beide Körbe schon halb mit einer anderen Art gefüllt, die in diesem Gewässer nichts zu suchen hat: Golfbälle. „Die Bälle werfen, wenn sie zulange im Wasser liegen, Blasen und stehen unter den Verdacht Giftstoffe abzusondern.“ Mindestens 2000 bis 3000 Bälle findet er nach eigenen Angaben am Tag. Gute Exemplare kann er weiterverkaufen, die anderen gehen an Crossgolfer – Golfer, die Querfeldein oder auf Industriebrachen spielen.

Am Abend kommt per Textnachricht die Entwarnung: keine Blaubandbärblinge, sondern Moderlieschen, die Nahrung des seltenen Eisvogels. Und geschätzte 5000 Golfbälle. Bei einem Gewicht von etwa 45 Gramm pro Ball sind das 225 Kilogramm Kunststoffmüll in dem See gewesen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+