Umbau im Dienste der Artenvielfalt

Leichter zum Laichen

Der Energieversorger SWB hat am Weserwehr in Hastedt mit Umbauarbeiten begonnen. Ab August sollen mehr Fische ihren Weg in die Oberweser finden als bisher.
29.06.2020, 06:35
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Leichter zum Laichen
Von Christian Hasemann
Leichter zum Laichen

Hier wird noch bis August gebaut, damit Zander und Bachforellen künftig barrierefreier in die Oberweser schwimmen können.

PETRA STUBBE

Auf der Nordseite des Weserwehrs wird seit einigen Tagen wieder gebaut. Ganz im Geiste der Zeit ist das Ziel, die größtmögliche Barrierefreiheit herzustellen, keiner soll abgehängt werden. Profitieren sollen davon allerdings nicht Menschen, sondern die Schuppenträger im Weserwasser. Sprich: Fische sollen es künftig am Weserwehr beim Aufstieg in die Oberweser leichter haben. Damit setzt der Kraftwerksbetreiber SWB eine Ankündigung vom März dieses Jahres um, nachdem es in den vergangenen Jahren von Umwelt- und Fischereiverbänden Kritik an der bisherigen Situation am Kraftwerk gegeben hatte.

Grundsätzlich ist ein Wehr ein Hindernis für alle Fischarten, nicht nur für die bekannten Wanderfische Aal, Lachs und Meerforelle und hat damit einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Artengemeinschaft im Fluss. Für die Fische sind am Weserwehr Auf- und Abstiegshilfen, umgangssprachlich auch Fischtreppen genannt, angelegt. Eine ältere liegt am südlichen Ufer zwischen der Schiffsschleuse und dem Wehr. Im Zuge der Bauarbeiten für das neue Wasserkraftwerk hatte das Unternehmen SWB auf der Nordseite, also zum Osterdeich hin, eine neue Fischtreppe bauen lassen.

Insgesamt 27 Arten durchschwimmen den Fischwanderweg in Bremen und gehören damit in Unter- und Mittelweser zur Ichthyofauna, wie die Zusammensetzung der Fischarten in einer Region heißt. Von März bis Juni wandern die Tiere zu ihren Laichplätzen. Darunter: Bachforellen, Barben, Barsche, Döbel, Güster, Lachse, Rapfen, Karpfen, Welse und Zander. Dafür müssen sie aber das Wehr überwinde – das funktionierte bisher trotz Fischtreppe nicht wie gedacht. Auf die Flossen rückte das Unternehmen den Fischen dabei mit Technik: Per Sonar wurde 2017 das Verhalten der Fische vor dem Wehr untersucht. Die Ergebnisse flossen in ein Gutachten ein, das die Grundlage für die aktuellen Bauarbeiten bildet.

„Das große Problem an der Stelle ist, dass die Fische durch das ausströmende Wasser des Turbinenkanals den Fischpass nicht sicher finden“, erklärt Christoph Brinkmann von der SWB das Problem. Deswegen seien jetzt nun weitere bauliche Maßnahmen nötig. Fische orientieren sich beim Weg flussaufwärts an den Strömungsverhältnissen. Vereinfacht gesagt: Dort wo es am stärksten strömt, geht es lang.

„Wir wollen den Weg besser auffindbar machen“, so Brinkmann weiter. Das soll in erster Linie durch eine Verbindung geschehen. So gelangt mehr Wasser in die Fischtreppe. „Dadurch erhöht sich auch die Strömung.“ Eine Maßnahme, die nicht ohne technische Herausforderung ist. „Wir müssen den Triebwasserkanal anbohren, ein stabiles Betonbauwerk, und das Wasser schießt an der Stelle mit sieben Metern pro Sekunde lang.“ Sieben Meter pro Sekunde entsprechen etwa 25 Kilometer pro Stunde. „Das ist alles schon aufwendig“, sagt Brinkmann.

Der jetzige Umbau sei aber nur eine von einer ganzen Reihe von Maßnahmen, die in den vergangenen Jahren bereits stattgefunden haben, um die Fischwanderung zu erleichtern. Zehn Prozent der gesamten Bausumme sind nach Angaben des Unternehmens in den Fischschutz geflossen. Das sind knapp fünf Millionen Euro. 2014 sind sogenannte Störsteine in die Treppe gestellt worden, die sorgen für Ruhezonen beim Aufstieg, in denen die Fließgeschwindigkeit reduziert ist. Eine Maßnahme, die besonders Neunaugen, die streng genommen gar keine Fische sind, den Weg erleichtern sollte. Seit ein paar Jahren gibt es außerdem ein Fisch-Monitoring, das das Unternehmen nach eigenen Angaben jährlich durchführen lässt.

Dabei werden Fische mit einer Reuse gefangen, gezählt und bestimmt. Der aktuellste Bericht soll in dieser Woche auf der Internetseite des Unternehmens erscheinen. 2017 durchwanderten demnach 45 000 Flussneunaugen den Pass. Im Jahr 2017 wurden insgesamt 2799 weitere Fische – verteilt auf 20 heimische Arten sowie fünf Fremdfischarten, darunter eine Regenbogenforelle – auf der Fischtreppe nachgewiesen. Die vier häufigsten Arten waren Aland (719), Rotauge (709), Güster (380) sowie Meerforelle (355), die zusammen einen Großteil des Gesamtfanges ausmachten.

Im vergangenen Herbst seien außerdem Bohrpfähle entfernt worden. „Damit haben wir den Austritt erweitert“, so Brinkmann. Experimentiert wurde außerdem mit unterschiedlichen Untergrundarten. Die Dürren der vergangenen Jahre und die in der Folge geringere Fließgeschwindigkeit der Weser habe hingegen keinen Einfluss auf die Fischtreppe, sagt Brinkmann. Zu den Kosten der Maßnahmen wollte sich Brinkmann nicht äußern. Er sagt aber: „Das war seit 2011 sicherlich ein siebenstelliger Betrag.“ Bis zum August sollen sich die Arbeiten an der Fischtreppe noch hinziehen und dann – so hofft Brinkmann – sollen Forelle, Zander und Bachforellen barrierefreier in die Oberweser schwimmen können.

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