Interview „Die Heterogenität hier ist ein Pfund“

Jörn Hermening leitet seit März das Hemelinger Ortsamt. Zuvor war er bereits Quartiersmanager im Ortsteil Hemelingen und in Osterholz-Tenever. Im Interview spricht er über seinen Job, den Verlust des Coca-Cola Werks und seinen Lieblingsplatz im Stadtteil.
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Von Annika Mumme

Jörn Hermening, ist 41 Jahre alt, parteilos und seit dem 1. März 2016 Ortsamtsleiter in Hemelingen. Vor Amtsantritt war der gebürtige Ostwestfale bereits zehn Jahre Quartiersmanager im Ortsteil Hemelingen und auch das Quartiersmanagement für Osterholz-Tenever leitete Hermening. Im Interview spricht er über seine Arbeit als Ortsamtsleiter, den Verlust des Coca-Cola Werks und seinen Lieblingsplatz im Stadtteil.

Herr Hermening, inwiefern hebt sich Ihr jetziges Arbeitsfeld von den Tätigkeiten, die Sie als Quartiersmanager ausgeübt haben, ab?

Was genau macht für Sie den Reiz aus?

Ich habe immer gern mit Leuten gearbeitet, denen es nicht so gut geht, – da war es aber auch schon Ziel, die Leute zusammenzubringen. Die, denen es nicht so gut geht mit Leuten, die sich engagieren und denen es besser geht.

Was hat das für einen Effekt?

Man kann von sich gegenseitig partizipieren. Ich bin ein großer Verfechter von Inklusion. Kinder, die zum Beispiel keine Behinderung haben und gemeinsam in einer Klasse mit Kindern mit einer Behinderung sind, lernen so viel draus – gegenseitig. Also an Sozialkompetenzen und Unterstützung.

Wo findet sich dieses Prinzip in Hemelingen?

Beispielsweise in Sebaldsbrück, da gibt es die sogenannten Schlichtwohnungen Am Sacksdamm und Alte Landwehr, ich wohne 150 Meter entfernt. Ich bin jetzt kein Mensch, der Sozialhilfe braucht. Ich wohne da gerne. Und man trifft sich beim Einkaufen und es ergänzt sich. Auch in den Familien und Kindergärten mischt sich das. Dass da Leute sind, die wenig Geld haben, und es Leute gibt, die haben viel Geld. Ich finde, das ist auch Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft, dass alle Menschen auch gemeinsame Chancen haben.

Reden wir hier von Inklusion, Integration oder sozialer Durchmischung im Stadtteil?

Ich würde in Sebaldsbrück von Inklusion sprechen, weil es nicht getrennt war und wenn man dieses Beispiel Am Sacksdamm und Alte Landwehr nimmt, dann ist es so, dass der Beirat sich dafür einsetzt, dass das auch so bleibt. Die Eigentümergesellschaft möchte das plattmachen, die Leute umsiedeln und dort Einfamilienhäuser bauen, die sich die Leute, die da jetzt wohnen, nicht mehr leisten können. Und da finde ich es wirklich super, dass der Beirat sagt, er wolle aber, dass sie in unserem Stadtteil bleiben und dass sie ihr Zuhause behalten‘.

Diese Durchmischung, ist sie auch ein Charakterzug des Stadtteils?

Ich denke ja, und wir haben das ja nicht nur in Sebaldsbrück. Wir haben das auch in Hemelingen. Auch wenn Hemelingen zu den zehn Ortsteilen in Bremen mit den niedrigsten Sozialindikatoren gehört, haben wir hier trotzdem eine Durchmischung. Wir haben hier ja auch Ex-Senatoren im Ortsteil wohnen. Die bringen sich hier ein und engagieren sich. Dass ist das Schöne, dass man sich begegnet und gemeinsam Sachen voranbringt.

Hemelingen ist ein alter Arbeiterstadtteil. Wie macht sich das bemerkbar?

Wassersport hat so einen elitären Charme, sagt man so. Aber der Wassersportverein hier ist aus einem Arbeiterwassersportverein hervorgegangen. Und er hat auch viel mit dem Jugendhaus Hemelingen zusammen gemacht. Und zwar mit Jugendlichen, die nicht ganz einfach waren. Das machen die Leute, weil sie Spaß daran haben. Die sind mit denen segeln gegangen – wenn die Jugendlichen beim Segeln Scheiße bauen, dann fällt einer runter. Das lernt man ganz einfach.

Wie sieht es mit anderen Traditionen aus, Firmen, die seit vielen Jahren in Hemelingen ihren Standort haben – machen auch diese den Stadtteil aus?

Zum Teil muss ich sagen. Die Globalisierung hat auch bei uns vor der Tür nicht aufgehört. Viele von diesen alten Betrieben sind ja mittlerweile Teile multinationaler Konzerne geworden. Ich meine, wie man am Weggang von Coca-Cola sieht, das sind das wirtschaftliche Interessen, die da die oberste Priorität haben.

Das Coca-Cola-Werk schließt. Ist das ein Verlust für Hemelingen?

Das war ja die alte Hemelinger Brauerei, wo Bremer Erfrischungsgetränke und dann später Coca-Cola direkt drinne war und ja, das ist ein Verlust. Da war es ja zum Beispiel so, dass der Beirat als erstes einen Beschluss gefasst hat, nachdem die Schließung bekannt geworden ist, dass sie den Wegfall der Arbeitsplätze bedauern.

Wie viele Arbeitsplätze fallen jetzt insgesamt weg?

Über 300 insgesamt, denke ich. Und das ist schon schwierig. Bei Könecke war das damals ja auch schon ein großes Problem. Da gab es Arbeitsplätze, wo man keine großartige Ausbildung für brauchte, also auch für geringqualifizierte Leute. Und solche Arbeitsplätze sind rar. Aber thematisiert worden ist der zweite Beschluss des Beirates: Die Chance zu nutzen, dass die Hemelinger Bahnhofstraße nicht mehr voller Lastwagen ist und dafür zu sorgen, dass dort zum Beispiel Wohnungsbau hinkommt.

Und was genau wurde kritisiert?

Es sei Leichenfledderei. Der Beirat wolle da jetzt Wohnen haben und mache sich keine Gedanken mehr um die Arbeitsplätze. Ich glaube, bei den Anwohnern entsteht das, weil viele Unternehmen weggegangen und Arbeitsplätze verloren gegangen sind, aber vieles eben auch dazugekommen ist.

Das Coca-Cola-Werk und Könecke bilden zusammen eine Fläche von 8,5 Hektar, die sich für Wohnbebauung und kleines Gewerbe eignet. Könnten Sie nicht direkt loslegen?

Das Coca-Cola-Gelände ist mittlerweile verkauft. An wen auch immer, wir wissen es nicht.

Wird das ein Thema auf der Planungskonferenz am 25. Oktober 2016 sein?

Ja. Ich habe natürlich auch Gespräche mit der Immobilienverwaltung von Coca-Cola geführt als es um die Schließung ging. Da ging es zum Beispiel auch darum, ob das Sozialkaufhaus dort kurzfristig einen Teil des Geländes nutzen kann. Der Immobilienverwalter meinte dann, die wollen da gar nicht so einen Kleinkram machen, die wollen das verkaufen. Da habe ich aber selber Kontakt aufgenommen. Was die Wirtschafts- oder die Baubehörde da verhandelt, weiß ich nicht. Der Beirat hat sich damit befasst und eine Forderung aufgestellt, dass die Stadt das eigentlich selber kaufen soll, um Zugriff zu haben und sozial Durchmischung und Wohnungsbau und Kleingewerbe zu ermöglichen. Dazu werden wir ins Gespräch kommen. Und zum Könecke-Gelände, Diedrich-Wilkens-Straße, Galopprennbahn. Wir wollen keine Vorstellung dessen, was die Verwaltung sich dort vorstellt, sondern eine Beteiligung und nicht nur des Beirates, sondern auch der Bürger.

An anderer Stelle gibt es die ganz großen Werke aber noch...

Ja, wir haben von der Produktionszahl her das größte Werk von Mercedes weltweit. Ist schon cool, oder? Ich meine, es ist natürlich auch mit vielen Einschränkungen für die Bürger hier verbunden, dass hier so ein großes Werk ist.

Das stärkere Verkehrsaufkommen?

Ja, zum Beispiel. Oder die Nachbarn sagen bei uns in Sebaldsbrück: ‚Mensch, die neue große Halle, jetzt habe ich aber öfter Schatten im Garten, das ist aber nicht so schön.‘ Es ist riesig, aber es ist auch ein Arbeitgeber und auch ein guter Arbeitgeber für viele Menschen. Und es ist ja eine Industrie, die nicht so belastet ist wie manch andere, die es hier früher gab. Es gibt hier ja eine Glockenstraße, weil das alles voller Glockengießereien war, die waren natürlich schon von der Umweltbelastung her nicht ohne.

Einige Anwohner berichten von Gerüchen, durch die sie sich belästigt fühlen.

Es gibt unangenehme Gerüche und dann gibt es welche, bei denen man gerne eine Tasse Kaffee trinken möchte. Es ist halt manchmal schwierig zu identifizieren, wo welche Sachen herkommen, aber das ist auch in vielen Beiratssitzungen Thema. Und da sind wir auch bemüht, dass wir da kompetente Informationen kriegen und wir sind natürlich auch mit den Betrieben im Austausch.

Kann in der Produktion etwas verändert werden, dass die Gerüche letztlich ausbleiben?

Bei manchen Sachen sind die Grenzen erreicht. Industrieproduktion hat halt auch Emission, aber bei manchen Sachen gab es in den letzten Jahren auch Verbesserung, dass es weniger geworden ist.

Im Hemelinger Hafen auf dem Baywatch-Gelände baute Musiker Immo Wischhusen eine Bühne aus über 100 Europaletten. Kommt „Die Komplette Palette“ im nächsten Jahr wieder?

Vielleicht. Wir sind am Suchen nach einer neuen Fläche und haben auch schon mehrere in der Auswahl.

Wie wichtig sind Veranstaltungen und Orte der Begegnung für Hemelingen?

Kleine Veranstaltungen sind da eher der Schlüssel. Ich fand das so schön jetzt in der Woche der Integration mit der Kirche hier in Sebaldsbrück. Die ist ja auch für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt worden. Sie haben ein schönes Kicker-Turnier mit der Nachbarschaft gemacht. Sie haben einen Grill hingestellt, fünf Kicker und das war sehr niedrigschwellig. Die Leute haben gefragt, was da los ist und dann wurden einfach mehr Tische dazu gestellt. Das ist, glaube ich, wichtiger als eine Großveranstaltung.

Wo ist Ihr Lieblingsplatz im Stadtteil Hemelingen?

Der schönste Platz in Hemelingen ist für mich auf dem Jakobsberg. Seit mein Sohn älter geworden ist, bin ich da viel zu wenig. Es gibt dort einen super Spielplatz und mit eingezäunt ist auch eine große Grünfläche, und die Menschen aus der Nachbarschaft und von weiter weg kommen extra her und grillen dort. Es ist alles sehr offen und freundlich und alles gewünscht und erlaubt und toll.

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