Dunkles Kapitel

Ein Lager mitten in Sebaldsbrück

Kriegsgefangene und später Flüchtlinge lebten in Baracken an der Vahrer Straße. In der Lesereihe „Der blaue Sessel“ wird dieses fast vergessene Kapitel der Geschichte aufgegriffen.
22.02.2019, 17:44
Lesedauer: 4 Min
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Ein Lager mitten in Sebaldsbrück
Von Christian Hasemann
Ein Lager mitten in Sebaldsbrück

Reiner Meissner (links) und Helmut Rohde arbeiten die Geschichte Sebaldsbrücks auf.

PETRA STUBBE

Als Bergwanderer muss Reiner Meissner aus Sebaldsbrück eine gute Kondition, einen langen Atem haben. Ähnlich ist es bei seiner Arbeit für den Geschichtskreis Sebaldsbrück: Stunden in Archiven, Hunderte Fotos und die Suche nach Zeitzeugen. Bei ihren Recherchen zur Geschichte der Vahrer Straße sind Reiner Meissner und Helmut Rode auf ein im Stadtteil fast vergessenes Stück Geschichte gestoßen: Das ehemalige Kriegsgefangenenlager an der Vahrer Straße, in dem bis in die 60er-Jahre Kriegsflüchtlinge lebten.

An das Lager mit der Adresse Vahrer Straße 197 erinnert heute nichts mehr: An der Stelle steht heute der Real-Supermarkt mit seinen riesigen Parkplatzflächen. Geblieben sind einzig ein paar Akten im Staatsarchiv Bremen, wenige Fotos und die Erinnerungen einiger Zeitzeugen.

Ausgangspunkt für die Nachforschungen in der Vahrer Straße war das Projekt „Sebaldsbrück einst und jetzt“, das maßgeblich auf Detlef von Horn zurückgeht, aber vom Geschichtskreis Sebaldsbrück nach dessen Tod vollendet wurde. „Wir wollten eine Geschichte aller Sebaldsbrücker Straße machen“, erzählt Helmut Rohde. Allerdings habe der Geschichtskreis dann gemerkt, dass das ein sehr umfangreiches Werk werden würde. „Und zu teuer“, wie Helmut Rohde sagt. Reiner Meissner hatte dann die Idee, sich zunächst auf Besonderheiten wie die Schokoladenfabrik, die Bauernhöfe und das Barackenlager an der Vahrer Straße als älteste Straße in Sebaldsbrück zu konzentrieren. „Wir haben mit Nachfahren des Bauern Bolte gesprochen und uns Fotos zeigen lassen“, sagt Reiner Meissner.

Zwangsarbeit in Sebaldsbrück

Auf einigen Fotos waren die Baracken des Arbeitslagers der Deutsche Arbeitsfront (DAF) zu erkennen. In dem Arbeitslager waren seit 1941 italienische Arbeiter untergebracht, die in umliegenden Sebaldsbrücker Klein- und Großbetrieben, darunter Borgward und Focke-Wulf, eingesetzt wurden. „Die Nachfahren erinnerten sich noch, dass der Bauer wohl ab und zu Leute zum Arbeiten geholt hat“, sagt Reiner Meissner. Im Staatsarchiv ließ sich dann die Bauakte aufstöbern, aber auch die Arbeit des Universitätsprofessors Christoph Schminck-Gustavus, der zu italienischen Kriegsgefangenen in Bremer Lagern geforscht hat. Ab 1943, als Italien auf die Seite der Alliierten wechselte, wurden die Baracken in ein Kriegsgefangenenlager umgewandelt. Zunächst für holländische Kriegsgefangene vorgesehen, wurden im November 1943 800 italienische Kriegsgefangene, darunter offenbar viele Handwerker, und zwölf Wachmannschaften in dem Lager verpflegt.

Helmut Rohde, 81 Jahre alt, kann sich an diese Zeit selbst noch erinnern. „Ich habe noch erlebt, wie Leute im Zug vorbei kamen, vorne einer mit Gewehr und hinten einer mit Gewehr.“ Er vermute, dass diese zu Borgward gebracht wurden. „Focke-Wulf und Borgward waren die großen Betriebe, aber mitnichten die einzigen, die Zwangsarbeiter einsetzten.“ Die Kriegsgefangenen wurden nicht nur in den Betrieben eingesetzt, sondern auch zur Beseitigung von Bombenschäden und den Bau von Luftschutzbunkern herangezogen – Zugang zu Bunkeranlagen hatten die Lagerinsassen indes nicht.

Bei den Nachforschungen stieß Reiner Meissner auf noch eine weitere Besonderheit. „Es gab nicht nur das Italienerlager, sondern auch eine Bordellbaracke, die von den Nazis eingerichtet wurde.“ Neben der Vahrer Straße habe es eine solche nur noch neben der Grambker Mühle in Bremen gegeben. „Die Bremer haben sich sogar extra in Oldenburg Baracken angeschaut, ob man noch etwas erfahren könnte“, konnte Reiner Meissner den Aktenkonvolut entnehmen. 1939 gab es einen Runderlass des Reichsministers des Inneren, besondere Häuser für Prostituierte zu schaffen. Der Grund: „Gefährdung des deutschen Blutes“ durch „fremdvölkische“ Arbeiter. In einem Bremer Aktenvermerk vom 15. Januar 1943 heißt es: „Am 9. Januar erfolgte eine Besichtigung der als Bordell einzurichtenden Baracke in der Vahrer Straße. Die Aufstellung erfolgt in Anlehnung an das Italienlager des Senators für Bauwesen.“ Am 7. Juli erschienen den Akten nach die ersten neun Französinnen, am 31. Juli folgten sechs Polinnen.

Suche nach Zeitzeugen

Nach dem Krieg wurde das Lager mit deutschen Flüchtlingen belegt. Über die Zustände 1945 berichtete der Leiter des Flüchtlingsamts: „Für die sieben Personen waren zwei Betten in Gebrauch. Die hochschwangere Frau C. schlief mit ihren drei Kindern in dem einen, das elfjährige Mädchen mit einem ­kleinen Bruder in dem anderen Bett. In dem letzten befanden sich keine Aufleger, so dass die Kinder auf dem bloßen Drahtrahmen schlafen mussten.“ Das Barackenlager wurde noch bis in die 60er-Jahre bewohnt, viele ehemalige Barackenbewohner zogen in die neugebaute Gartenstadt Vahr oder in die Neue Vahr.

Reiner Meissner und Helmut Rohde würden gerne noch mehr Licht ins Dunkel dieser Geschichte Sebaldsbrücks bringen. „Aber es ist gar nicht so einfach Zeitzeugen zu finden“, sagt Reiner Meissner. Wer noch Fotos hat oder sein Wissen als Zeitzeuge zur Verfügung stellen möchte, kann sich direkt an den Geschichtskreis Sebaldsbrück wenden. Dieser trifft sich jeden letzten Montag um 18 Uhr in der Versöhnungskirche. Der Geschichtskreis ist auch über die E-Mail geschichtskreis.sebaldsbrueck@gmx.de zu erreichen.

Weitere Informationen

Am Mittwoch, 27. Februar, um 18 Uhr laden die Lesereihe „Der blaue Sessel“ und der Geschichtskreis unter dem Titel „Herrenmenschen und Badoglio-Schweine - italienische Kriegsgefangene in Bremer Lagern“ zu einem Bericht mit Bildern und Dokumenten von Christoph Schminck-Gustavus in der Buche, Parsevalstraße 2, ein. Der Eintritt ist frei.

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