Teuerungsrate und ihre Folgen Für Jugendarbeit in Bremen-Hemelingen fehlen 75.000 Euro

Der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Bremen-Hemelingen fehlt Geld für ihre Arbeit. Erst im Sommer könnte sich die Lage entspannen.
13.01.2020, 09:05
Lesedauer: 4 Min
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Für Jugendarbeit in Bremen-Hemelingen fehlen 75.000 Euro
Von Christian Hasemann

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So viel Defizit wie noch nie – so hat Petra Putzer, Amt für soziale Dienste, die Finanzierungslücke in der offenen Jugendarbeit im Stadtteil Hemelingen auf der jüngsten Beiratssitzung beschrieben. Die Vertreter der Jugendeinrichtungen in Hemelingen sprechen von einer sehr schwierigen Situation, vor denen ihre Häuser stünden.

In Zahlen drückt sich der Fehlbetrag so aus: Knapp 75.000 Euro beträgt die Differenz der von den Trägern beantragten Mitteln zu dem, was der zuständige Controlling-Ausschuss freigegeben hat. Im Controlling-Ausschuss, der über die Vergabe der insgesamt knapp 500.000 Euro für Hemelingen bestimmt, sitzen neben der Vertreterin des Amtes für soziale Dienste Vertreter des Beirats und der Träger. „Das funktioniert in diesem Stadtteil sehr gut“, sagt Petra Putzer.

Nichtsdestotrotz fehlt Geld. Und das liegt nicht an Kürzungen oder neuen Einrichtungen, sondern an der allgemeinen Teuerungsrate. Lohnsteigerungen, Mieten und Nebenkosten knabbern an dem ohnehin von vielen als zu gering eingeschätzten Budget. Einen Nachschlag könnte es allerdings im Sommer geben. Dann wird mit der Aufstellung des bremischen Haushalts gerechnet. Bis dahin sind die Budgets auf dem Vorjahresniveau eingefroren.

Arberger Sommerbad gestrichen

Der größte Fehlbetrag kommt auf das Jugendhaus Hemelingen des Trägers St. Petri Kinder- und Jugendhilfe zu. Allein dort klafft eine Lücke von 32.000 Euro zwischen dem, was der Träger beantragt hat, und dem, was der Controlling-Ausschuss verteilen kann.

Ein anderes Projekt kommt gleich ganz unter die Räder: Das Arberger Sommerbad, ein Ferienangebot für Kinder und Jugendliche, wurde ganz gestrichen und so knapp 4000 Euro eingespart, die als Tropfen auf den heißen Stein den Jugendeinrichtungen zugeschlagen wurden. „Wir mussten uns von etwas trennen“, sagte Petra Putzer. „Für uns haben die Jugendeinrichtungen Vorrang.“

Sie erklärte außerdem, warum eine ausreichende Finanzierung gerade der Jugendhäuser so wichtig ist. „Große Bedeutung haben der Kontakt und der Bezug der Kinder zu den Betreuern.“ Wichtig sei daher, dass die Beschäftigten die Garantie hätten, dort weiter arbeiten zu können. „Denn bei dem derzeitigen Fachkräftemangel können sie sich die Arbeitgeber aussuchen.“

Ralf Bohr (Grüne) wollte wissen, nach welchen Kriterien der Controlling-Ausschuss die Arbeit der Jugendhäuser bewertet. „Es sieht so aus, dass alle zwei Jahre Qualitätsdialoge geführt werden und Daten und Zahlen erhoben werden“, lautete die Antwort von Petra Putzer.

Faro Tuncel, Bereichsleiter der St. Petri Kinder- und Jugendhilfe Hemelingen, gab einen Einblick aus der Praxis. „Es gibt kaum einen Bereich, der mit Qualitätsdialogen und Kontrollen so bearbeitet wird, wie die Jugendarbeit.“ Grundsätzlich sei die Situation derzeit für alle Stadtteile und Träger schwierig. „In anderen Stadtteilen mussten wir schon Konsequenzen ziehen.“

32.000 Euro – das höre sich für einen Träger erst mal nicht viel an. „Aber das summiert sich über die anderen Einrichtungen, die wir betreiben. Da überlegt sich der Träger schon, ob er das noch weiter bezahlen kann“, so Tuncel. Im Jugendhaus Hemelingen kämen 2,5 Personalstellen auf etwa 350 regelmäßige Besucher. „Da kann man sich vorstellen, was das für eine Herausforderung ist.“ Es gehe auch nicht darum, dass das Jugendhaus mehr machen möchte und dafür mehr Geld bräuchte. „Es geht darum, dass wir das Bestehende aufrechterhalten können.“

Tanja Wendt, Leiterin des Mädchentreffs Hastedt, schilderte, was in ihrem Haus auf dem Spiel steht. „Wir machen gerne Ausflüge mit den Mädchen, damit sie die Stadt kennenlernen, zum Beispiel den Bürgerpark.“ Andere Mädchen kämen aus so prekären Verhältnissen, dass sie noch nie ein Kino von innen gesehen hätten.

Heinz Hoffhenke (CDU) lenkte die Diskussion in eine andere Richtung. „Wann gibt es denn auch eine Jungengruppe in Hastedt?“ Er denke da besonders an die Kinder und Jugendlichen des Übergangswohnheims in der Ludwig-Quidde-Straße. „Das ist ein Thema, das wir angehen müssen“, sagte Petra Putzer. Der Bedarf sei da und ihr Amt versuche, einen Platz für eine Gruppe zu finden.

Ins Auge gefasst hat sie dabei die Hausmeisterwohnung an der Grundschule Parsevalstraße. „Das wäre auch im Interesse der Schule“, sagt sie. Allerdings gehe es dort nicht recht voran. Ralf Bohr möchte Tempo in die Sache bringen: „Ich finde, das ist ein Thema, das wir angehen müssen. Wir als Beirat würden uns intensiv auf die Suche nach passenden Immobilien machen“, kündigte er an.

Grundsätzlicher und damit zum Thema Finanzierung der offenen Jugendarbeit zurückkommend wurde Beiratssprecher Uwe Jahn (SPD): „Ich möchte denen danken, die mit unseren Kindern arbeiten. Was ihr leistet, ist unbezahlbar.“ Er wies auf den bestehenden Koalitionsvertrag hin, in dem eine substanzielle Verbesserung der Finanzierung vereinbart sei. „In der Beirätekonferenz waren wir uns einig, dass dies in einer Größenordnung von 20 bis 30 Prozent geschehen muss.“

Derzeit liegt das gesamtstädtische Budget für die offene Jugendarbeit bei etwa 6,6 Millionen Euro. Eine Erhöhung um 30 Prozent würde das Budget um knapp zwei Millionen Euro auf 8,6 Millionen Euro steigen lassen.

Christian-Weber-Preis in Hemelingen

Weiteres Thema der Beiratssitzung war der neu gestiftete Christian-Weber-Jugendpreis der Wilhelm-Kaisen-Bürgerhilfe. 3500 Euro Preisgelder winken den drei Erstplatzierten, die sich mit ihren Ideen und Projekten zum Thema „Jung hilft alt“ durchsetzen. „Die Bürgerhilfe hat lange darüber nachgedacht, wie wir Christian Weber ehren können“, sagte Fritz Haase, Kuratoriumsmitglied der Bürgerhilfe. Der frühere Bürgerschaftspräsident aus Hastedt war im vergangenen Jahr gestorben. „Christian Weber hat immer sehr viel für die Jugend getan“, so Fritz Haase. Es sei daher nur naheliegend, ihm zu Ehren einen Jugendpreis ins Leben zu rufen. Die erste Ausschreibung gibt es nun in seinem Heimatstadtteil. Bis zum 31.März können sich Jugendliche aus Vereinen, Schulen und Einrichtungen bewerben. Die Preisverleihung ist am 1. Juli.

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