Schutz gegen Fluglärm

Geld für Lärmschutz droht zu verfallen

Eine Förderung für Hauseigentümer zur Dämmung ihrer Immobilie gegen Fluglärm gilt nur noch bis Ende 2019. Stattdessen soll ein neues Startverfahren am Flughafen den Krach mindern.
13.11.2019, 17:57
Lesedauer: 4 Min
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Geld für Lärmschutz droht zu verfallen
Von Christian Hasemann
Geld für Lärmschutz droht zu verfallen

Wer von Fluglärm betroffen ist, kann für den Lärmschutz Geld bekommen.

Klama

Die Frist läuft ab: Nur noch bis zum 31. Dezember können Hauseigentümer Geld für Baumaßnahmen zum Schutz vor Fluglärm beantragen. Künftig könnte es durch ein neues Startverfahren außerdem insgesamt zu einem leichten Rückgang des Gedröhns über Hemelingen kommen. Der Ausschuss für Lärm und Umwelt des Beirates Hemelingen hat sich in seiner Sitzung für einen Versuch mit dem alternativen Startverfahren ausgesprochen.

18 326 Flugzeuge starteten vergangenes Jahr nach Angaben der Bremer Luftfahrtbehörde vom Bremer Flughafen. Davon wiederum hoben 8111 gen Osten ab, gaben Startschub über Habenhausen und schwenkten dann meist Richtung Süden auf die sogenannte Weser-Nienburg-Route ab. Ein kleinerer Teil nutzte eine Route geradeaus Richtung Nord-Osten, diese führt direkt über Hemelingen und Osterholz. Flieger, die diese Route nutzten, hatten häufig osteuropäische Städte als Ziel.

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Für die Hemelinger bedeuten vor allem die Starts Richtung Osten eine erhöhte Lärmbelastung. Bei den vorherrschenden Westwinden ist die Anzahl zwar geringer, als die Starts Richtung Westen – Flugzeuge starten immer gegen den Wind –, im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass landende Jets häufig über Hemelingen die Landebahn ansteuern. Im Jahr 2018 gab es 10 106 Landeanflüge aus Osten kommend. Gerade die späten Flüge sorgen dabei für eine gestörte Nachtruhe in Hemelingen. Der Bremer Flughafen nennt eine Zahl von 1551 Nachtflügen für 2018. Davon 661 in der Zeit zwischen 2230 und 24 Uhr und acht Flügen nach 24 Uhr.

Bisher nur wenige Mittel beantragt

Gegen den Lärm können bauliche Maßnahmen helfen. Dafür gibt es das freiwillige Förderprogramm Calmar des Flughafens Bremen. „Das Programm läuft allerdings zum 31. Dezember aus“, sagte Ralf Bohr (Grüne), der einerseits Mitglied im Ausschuss Umwelt und Lärm ist, andererseits aber auch in der Fluglärmkommission Bremen, in der unter anderem betroffene Beiräte, Gemeinden und die Luftverkehrswirtschaft vertreten sind, sitzt. „Es gibt Teilbereiche in Hemelingen, die Anspruch auf Schallschutz haben.“

Allerdings seien bisher nur wenige Mittel tatsächlich beantragt worden. „Das Geld liegt herum und wird nicht abgerufen“, so Bohrs Einschätzung. Die betroffenen Hemelinger Häuser liegen in der sogenannten Nachtschutzzone. Das bedeutet, dass Eigentümer maximal eine Kostenerstattung von 150 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche für Schallschutz einschließlich Lüftungsanlagen in Schlafräumen bekommen können.

Das Programm wird über eine Abgabe der Airlines finanziert, die die Kosten wiederum über die Ticketpreise auf den Passagieren abwälzen können. „Wenn das Geld aber nicht abgerufen wird, geht das Geld zurück an die Airlines, nicht an die Passagiere“, sagte Ralf Bohr. Dass die Airlines die Gebühren für die Passagiere senkten, könne er sich jedenfalls nicht vorstellen. Anspruchsberechtigt sind Immobilieneigentümer. Mieter können also nur über ihren Vermieter in den Genuss von zum Beispiel speziell gedämmten Fenstern kommen.

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Die Anträge lassen sich bei der Bremer Luftfahrtbehörde oder direkt über den Flughafen Bremen stellen. „Der zweite Weg geht dabei aber etwas direkter“, so Ralf Bohr. Er bemängelte vor allem, dass die Luftfahrtbehörde und auch der Flughafen offenbar nicht in der Lage gewesen seien, betroffene Anwohner über diese Möglichkeit zu informieren.

Für Hemelingen wird das nun das Ortsamt Hemelingen übernehmen – das jedenfalls schlug Ortsamtsleiter Jörn Hermening vor. Nach Angaben des Bremer Flughafens gab es insgesamt 429 Anfragen zum Lärmschutzprogramm, von denen sich wiederum auf 259 auf die sogenannte Nachtschutzzone bezogen.

263 Anfragen richteten sich auf Grundstücke außerhalb der Schutzzone. 46 Verfahren wurden abgeschlossen oder stehen unmittelbar vor Abschluss. Der Flughafen Bremen erwartet bis Ende der Anspruchsfrist im Dezember, dass etwa 750 000 Euro für Schallschutzmaßnahmen und Nebenkosten verwendet werden.

Flugzeuge könnten steiler starten

Zukünftig könnte es im Luftraum über Hemelingen auch ohne spezielle Fenster etwas leiser werden. Der Grund dafür liegt in einem speziellen Startverfahren. Bei dem sogenannten Steilstartverfahren ist der Steigungswinkel des Flugzeugs größer, das heißt es gewinnt schneller an Höhe. Mit steigender Höhe sinkt, so die Theorie, auch die Lärmbelastung. Allerdings steigt auch der Kerosinverbrauch.

„Es ist ein bisschen ­verzwickt“, schilderte Ralf Bohr aus der Sitzung der Fluglärmkommission. Näher am Flughafen könnte es zu einer Entlastung kommen, weiter weg zu einer Erhöhung. „Mir wäre am liebsten, wenn wir erst mal einen Versuch ­hätten“, so Bohr weiter. Dieser Versuch müsste allerdings auch mit Messungen begleitet ­werden. Der Ausschuss schloss sich diesem Gedankengang an. Die Fluglärmkommission solle sich dafür einsetzen, dass die Deutsche Flugsicherung ähnlich wie in Hamburg das Steilstartverfahren empfiehlt. Dort starten 55 Prozent der Flugzeuge in dem Verfahren.

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Zur Sache

Fliegen auf festen Routen

Auch wenn Flugzeuge sich in der Theorie frei am Himmel bewegen können: Ähnlich wie Autos bewegen sie sich tatsächlich auf festgelegten Routen. So gibt es in Bremen bei Start Richtung Osten die sogenannte Route ­Weser-Nienburg mit Drehpunkt nach Süden etwa über der Steinsetzerstraße, die über Wasser und Industriegebiete führt. Diese soll die beste Route sein, um möglichst viele Anwohner vor Lärm zu schützen. Das war aber nicht immer so. 1995 wurde auf Druck der Fluglärmkommission der Drehpunkt über das Funkfeuer Hemelingen nach Hemelingen und Arbergen verschoben.

Das perfide: Die Stadtteile des östlichen Weserufers waren damals nicht in der Kommission vertreten, dafür aber Vertreter von der westlichen Seite, die die Belastung für Anwohner im Süden von Habenhausen verringern wollten. Eine Entscheidung, die nach massiven Protesten erst 2007 revidiert wurde. Damit aber nicht genug: In der Folge entzündete sich weiterer Streit um den optimalen Drehpunkt. Westlich der Weser wünschte man ihn sich weit im Osten, im Osten weiter im Westen. Den Streit löste schließlich die Deutsche Flugsicherung auf.

Sie setzte sich 2010 kurzerhand über den Vorschlag der Fluglärmkommission, der Intransparenz und Amtsmissbrauch vorgeworfen wurde, hinweg. Grund für die Vorwürfe: Der Vorsitzende der Fluglärmkommission war gleichzeitig auch Ortsamtsleiter in Obervieland. Kritiker sahen darin einen Interessenkonflikt. Inzwischen hat sich der 2010 etablierte Drehpunkt bewährt.

Weitere Informationen

Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten zum Schallschutzprogramm des Bremer Flughafens gibt es im Internet unter www.­bremen-airport.com/umwelt/schallschutz.

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