Halber Preis bis Ende November

Lange Schlangen beim Räumungsverkauf im Hellweg-Centrum

Mit dem Insolvenzantrag konnte beim Hellweg-Centrum nun der Räumungsverkauf beginnen. Doch die Kunden mussten Zeit mitbringen.
02.11.2020, 18:50
Lesedauer: 2 Min
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Lange Schlangen beim Räumungsverkauf im Hellweg-Centrum
Von Florian Schwiegershausen
Lange Schlangen beim Räumungsverkauf im Hellweg-Centrum

Bis Ende November soll der Räumungsverkauf noch gehen.

Christina Kuhaupt

So voll wie an diesem Montag war der Parkplatz vom Hellweg-Centrum lange nicht. Da hatte selbst der Lkw Rangierprobleme, der Ware an den eigenständigen Transgourmet-Markt im Erdgeschoss ausliefern wollte. Es war der erste Tag des Räumungsverkaufs. Gut eine Woche zuvor hatte einer der Gläubiger des Fachmarkts auf einen Insolvenzantrag gedrängt. Seit September hingen die Mitarbeiter in der Luft, weil der bisherige Besitzer Johannes von der Linde das Geschäft an den mutmaßlichen Hamburger Firmenbestatter Stefan Rosenkilde verkauft hatte. Er stellte die Mitarbeiter frei. Doch das wurde bei der Arbeitsagentur nicht akzeptiert, um einen Antrag auf Arbeitslosengeld zu stellen. Seit August haben sie kein Geld erhalten.

Dennoch hatten 15 der Mitarbeiter auf den heutigen Tag hingearbeitet – und erhalten keinen Cent dafür, wie Elke Eßmann sagt. Sie ist 61 Jahre alt und war mehr als 22 Jahre bei Hellweg Fachverkäuferin für Berufskleidung. Sie sagt: „Mit dem Räumungsverkauf wollen wir uns von unseren Kunden verabschieden.“ Am Montag begrüßte sie in der Etage mit Werkzeug und Maschinen am Eingang jeden Kunden persönlich, drückte ihnen einen Chip in die Hand und scherzte: „Das will Frau Merkel so – damit nicht zu viele Kunden auf der Verkaufsfläche unterwegs sind.“ Nachdem die Kunden gezahlt hatten sollte der Chip zurück in die Desinfektionslösung für den nächsten Kunden.

Doch direkt morgens gegen 9.30 Uhr waren alle gelben Chips vergeben. Die Warteschlange ging ins Treppenhaus bis in die oberste Etage. Mit freundlichen Worten versuchte Eßmann jeden Wartenden bei Laune zu halten. In den letzten Wochen sei ihr gerade an den Abenden nach Heulen zumute gewesen. Während eine Kundin vor der Einlassschranke warten muss, will sie Elke Eßmann aufmuntern und sagt der Mitarbeiterin, was für eine Schweinerei das sei, wie man zum Schluss mit den Mitarbeitern umgegangen sei. Was sie heute kaufen will. „Rostfreie Schrauben aus V4A-Stahl. Da hat mich der eine Mitarbeiter hier immer so gut beraten.“ Doch der ist längst nicht mehr da.

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Dafür zeigt Eßmann auf ihren anderen Kollegen, um zu erklären was sie mit „Hellweg-Familie“ meint: „Eigentlich ist er längst im Ruhestand. Der ist zurückgekommen, um uns in diesen Wochen zu helfen.“ Sowohl Eßmann als auch ihr Kollege eine Etage tiefer, wo es Büroausstattung und Schreibwaren gibt, haben so manches bekannte Gesicht unter den Kunden erkannt – trotz Mundschutz. Einer von ihnen hatte seine Tochter dabei und drehte bei der langen Schlange gleich wieder um: „Ich wollte hier Bauartikel kaufen. Aber bei dem Andrang komme ich später nochmal wieder.“

Eigentlich geht der Räumungsverkauf bis Ende November. Eßmann sagt aber: „Wenn das die Tage so weitergeht, werden wir schon vorher die Ware verkauft haben.“ Für sie und ihre Kollegen ginge es bei der Arbeitsagentur immer noch holprig zu: „Wir würden uns endlich einen einzigen Ansprechpartner für uns alle wünschen, der mit unserer Situation umzugehen weiß.“ Zum 1. Dezember wollen sie eigentlich Arbeitslosengeld erhalten und für die Monate September bis November Insolvenzgeld. Mit ihrer Freistellung habe der Sachbearbeiter sie anfangs gefragt, ob sie denn auch jeden Tag zum Betrieb gehe, um ihre Arbeitswilligkeit zu bekunden. „Mehr als das, was andere in einer solchen Situation an finanzieller Unterstützung erhalten, wollen wir doch nicht.“ Nachdem sie das gesagt hat, dreht sie sich zum nächsten Kunden und begrüßt ihn freundlich – denn so gehöre sich das eben. Die Kunden sollen Hellweg in guter Erinnerung behalten.

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