Industrie sucht nach Lösungen

Erste Schritte in die Klimaneutralität

Hemelinger Unternehmen bereiten sich auf die Umstellung zur möglichst klimaneutralen Produktion vor. Die Technik dafür muss allerdings noch entwickelt werden.
15.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Erste Schritte in die Klimaneutralität
Von Christian Hasemann
Erste Schritte in die Klimaneutralität

Gehört zu einem der größten Emittenten in Hemelingen, baut aber an der klimaneutralen Zukunft: die Coffein Compagnie.

PETRA STUBBE

Bis 2050 möchte Deutschland die Klimaneutralität, also einem Gleichgewicht zwischen Ausstoß und Aufnahme des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid, erreichen. Für energieintensive Industriebereiche bedeutet dies, dass neue Verfahren entwickelt werden müssen und die Energieversorgung auf grüne Energie umgestellt werden muss. Im Bremer Industriestandort Hemelingen haben dafür schon längst die Vorbereitungen begonnen. Unklar ist allerdings, mit welcher Technik der komplette Umstieg gelingen kann. Im Umweltausschuss haben sich die Hemelinger Beiratsmitglieder auf den aktuellen Stand bringen lassen.

„CO2 und Klima sind wichtige Themen, mit denen wir uns schon lange beschäftigen“, sagte Bernd Schopf, Enkel des Eduscho-Gründers Eduard Schopf und Eigentümer des Entkoffeinierers Coffein Compagnie in Sebaldsbrück sowie des Immobilienunternehmens Siedentopf in der Überseestadt. Die Coffein Compagnie sei einer der größten Betriebe in der Branche und beliefere weltweit Kunden. Für die Produktion wird viel Wärme benötigt, für die das Unternehmen Energie beziehen musste. In den vergangenen Jahren hat sich da nach Darstellung Schopf aber etwas getan. „2006 haben wir unsere Wärmeerzeugung auf Erdgas umgestellt.“ In den darauf folgenden Jahren habe es außerdem Maßnahmen zur Optimierung und zur Wärmerückgewinnung gegeben. Der wohl größte Schritt erfolgte dann 2012. „Da haben wir unsere Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) mit einer Leistung von 6,7 Megawatt in Betrieb genommen. Dadurch haben wir unseren CO2-Abdruck deutlich reduzieren können.“

Erdgas als Zwischenlösung

Bei einer KWK-Anlage wird in einem Prozess sowohl Wärme als auch Elektrizität gewonnen. Bei einer herkömmlichen Gasheizung beispielsweise entsteht nur Wärme. „Mit unserer KWK werden etwa 5000 Vierpersonen-Haushalte versorgt“, beschrieb Schopf die Dimensionen der Anlage, deren Stromerzeugung damit über das hinausgeht, was der Betrieb selbst verbrauchen kann.

Noch wird für die KWK-Anlage Erdgas verwendet, eine Klimaneutralität kann damit nicht erreicht werden. Dennoch: Der Wirkungsgrad einer KWK lässt den CO2-Abdruck kleiner werden. Derzeit liegt der Strommix in Bremen bei 901 Gramm CO2 pro erzeugter Kilowattstunde. Das liegt daran, dass hauptsächlich klimaschädliche Kohle in den Bremer Kraftwerken verfeuert wird. Die KWK an der Coffein Compagnie dagegen kommt nach Schopfs Angaben auf 263 Gramm CO2 pro erzeugter Kilowattstunde. Damit liege der Betrieb gut im Fortschritt auf dem Weg zu den Klimazielen, so Schopf.

Ein Aber musste er dann doch hinzufügen. „Wir sind jetzt durchoptimiert und sind jetzt darauf angewiesen, dass neue Techniken vorangebracht werden und eine neue Infrastruktur aufgebaut wird und neue Regularien festgelegt werden.“ 2035 wolle die Coffein Compagnie klimaneutral werden. „Aber das können wir von uns aus nicht schaffen“, so Schopf.

Wasserstoff noch Zukunftsmusik

Nötig wäre ein verlässlicher Ersatz für das fossile Erdgas. Eine Möglichkeit: klimaneutral erzeugter Wasserstoff als Brennstoff. Die Idee: Mit von Windrädern erzeugtem Strom wird aus Wasser Wasserstoff erzeugt, der wiederum in Kraftwerken und Betrieben verbrannt wird. Das Elegante an dieser Lösung: Wasserstoff verbrennt mit Sauerstoff zu Wasser. Es gibt also keine Rückstände, keine Abgase. Noch steckt diese Technik für den Großindustriellen Einsatz aber in den Kinderschuhen.

Der Blick der Beiratsmitglieder ging dann auch zu Friedhelm Behrens vom Energieversorger SWB. Für ihn liegt der größte Hebel auf dem Weg zur Klimaneutralität in der Wärmeversorgung. „Beim Strom ist schon viel passiert, da muss eigentlich nur noch die Anbindung des Nordens an den Süden besser werden.“ Wärme hingegen werde Größtenteils noch konventionell, also durch fossile Brennstoffe wie Kohle und Öl, erzeugt. „In Mittelsbüren ist eine Wasserstoff-Anlage mit großen Kooperationspartnern geplant“, sagte er über die Zukunftspläne der SWB. Aktuell jedoch gebe es keine Anlage, die Wasserstoff aus regenerativen Strom im industriellen Maßstab herstellen könne. „Das ist sehr komplex und sehr teuer.“

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Aktuell investiere die SWB 200 Millionen Euro in Bremen. „140 Millionen Euro für das Gas-Blockheizkraftwerk in Hastedt und 60 Millionen Euro für die Fernwärmeverbindung zwischen der Vahr und Findorff.“ Sobald die Fernwärmeleitung fertig sei, gehe auch das Kohlekraftwerk in Hastedt komplett vom Netz. „Dadurch sparen wir 550.000 Tonnen pro Jahr CO2 ein“, so Behrens. Positiver Nebeneffekt für Hemelingen: Die LKW-Transporte mit Hilfsstoffen und zum Abtransport der anfallenden Schlacke im Kohlemeiler fallen dann weg. Behrens geht davon aus, dass der Planfeststellungsbeschluss für die Fernwärmeleitung noch in diesem Jahr erfolgt. „Dann könnten wir im Herbst oder Winter mit den Bauarbeiten beginnen.“ Die Leitung könnte dann 2023/24 fertiggestellt werden.

Zu den Emissionen gehört nicht nur der Ausstoß von CO2, sondern im Fall der Coffein Compagnie auch von eher unliebsamen Gerüche. Hier hatte Bernd Schopf noch eine gute Nachricht für den Ortsteil mit im Gepäck. „Wir haben zwei Techniken, die wir planen und bauen wollen.“ Das eine sei ein Ionisierungsverfahren, das andere seien Biofilter. „Durch Filtermaterial aus Holzschnitzeln wird der Dampf geleitet und Mikroorganismen zersetzen die Geruchsstoffe“, so Schopf über die auch Biobeete genannten Filter. Im kommenden Jahr soll die Technik umgesetzt werden. Das traf im Ausschuss auf Wohlwollen. „Wir beklagen uns viel über Emissionen, aber sie tun auch viel, das es in bessere Gefilde zu bringen“, sagte Christian Meyer (CDU). Erfreut zeigte sich auch Ralf Bohr (Grüne): „Ich freue mich, dass sie uns die beiden Techniken vorgestellt haben, es gibt also durchaus technische Möglichkeiten.“

Info

Zur Sache

Klimaschutz- und Energiegesetz

Das bremische Gesetz ist 2015 in Kraft getreten. Ziel des Gesetzes ist es, die Kohlendioxidemissionen, die durch den Endenergieverbrauch im Land Bremen bis zum Jahr 2020 um mindestens 40 Prozent gegenüber dem Niveau des Jahres 1990 zu senken. Das Gesetz orientiert sich darüber hinaus an dem Leitziel, die Treibhausgasemissionen der Industrieländer bis zum Jahr 2050 um 80 bis 95 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 1990 zu senken. Eine Ausnahme macht das Gesetz für das Breme Stahlwerk, einem der größten CO2-Emittenten in Bremen. Das Klimaziel wurde 2020 deutlich verpasst.

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