Vergängliche Ausstellung

Kunst vor dem Abriss

An diesem Wochenende öffnet die Kunstausstellung „Discart - Kunst bis zum Ende“ ihre Tore. Danach wird die Lagerhalle auf dem ehemaligen Coca-Cola-Gelände abgerissen.
22.03.2021, 05:00
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Kunst vor dem Abriss
Von Christian Hasemann
Kunst vor dem Abriss

Vom Boden bis zur Decke: Die Lagerhalle bot eine riesige Leinwandfläche.

PETRA STUBBE

Nur eine imaginäre Linie grenzt eine inzwischen solitär stehende Lagerhalle von den laufenden Abrissarbeiten auf dem Coca-Cola-Gelände zwischen Ahlring- und Brauerstraße ab. Draußen rollen die Bagger und Abrisskräne, türmen sich Schutt und Metallschrott. Trotzig ragt der ehemalige Brauturm, schon schwer beschädigt, in den Hemelinger Himmel, während im Inneren Künstlerinnen und Künstler noch letzte Hand an ihre sehr vergängliche Kunst der Ausstellung „Discart – Kunst bis zum Ende“ legen. Schon Anfang April wird die Lagerhalle von den grabenden, fräsenden und reißenden Maschinen eingerissen und damit auch die Kunst im Inneren vernichtet. Vorher können Besucher noch einen Blick in die Halle werfen – wenn sie denn einen der raren Plätze auf der Anmeldeliste ergattern können.

Dass die Halbwertzeit des Gebäudes ihrem Lebensende entgegen strebt, fällt schon beim Blick auf eine der Wände auf: Ein offenbar etwas voreiliger Baggerführer hat dort schon ein kleines Stückchen der Mauer entfernt. Vom Hallenboden aus können Besucher den blauen Himmel sehen. Das ist aber nicht viel mehr als ein kosmetischer Schaden. Und überhaupt: Der Blick wird schnell von den farbenprächtigen Wandgemälden, Installationen und Graffitis abgelenkt. Hunderte Spraydosen und Farbeimer stehen herum, sind Zeugnis der kreativen Arbeit, die die Künstlerinnen und Künstler hier in den vergangenen Wochen vollbracht haben.

Discart Coca Cola

Nicht nur an den Wänden, sondern auch am Boden entstanden kreative Ausdrucksformen.

Foto: PETRA STUBBE

Die Lagerhalle ist dabei nur ein Teil einer größeren Ausstellung, die sich bis vor wenigen Wochen auch auf den Außenbereich des Geländes erstreckte. Dabei dienten die alten Mauern und Gebäude als Leinwand aus Beton, Ziegel und Putz. Im Dezember lockte die Ausstellung im Außenbereich, der nun weitgehend planiert ist, knapp 2500 Besucher an.

Über den Erfolg sind die beiden Ausstellungsmacher, Marlene Kaiser und Andreas Friedrich, immer noch etwas erstaunt. „Wir waren von dem großen Ansturm überrascht, die Besucher standen teils eine Stunde, um auf das Gelände zu kommen“, sagt Kaiser. Ein schönes Erlebnis sei das, so die Studentin, die in Oldenburg Kulturanalyse studiert. „Das ist für uns eine Bestätigung gewesen.“

Die Idee zu der Ausstellung entstand am WG-Tisch. Und die Zeit zum Organisieren war knapp, in nur wenigen Wochen realisierten die Studenten das Projekt. Den Tipp für die Leinwand aus Stein bekamen sie von der Zwischenzeitzentrale (ZZZ), die unter anderem leer stehende Gebäude einer Zwischennutzung zuführt, und deren Mitarbeiter im benachbarten Verwaltungsgebäude der geschlossenen Fleischwarenfabrik Könecke direkt auf das Gelände schauen können.

Discart Coca Cola
Foto: PETRA STUBBE

In den vergangenen Wochen zitterten die beiden Organisatoren allerdings, ob es überhaupt möglich sein wird, die Ausstellung zu öffnen. „Deswegen haben wir auch mit Ende März den spätesten Termin vor dem Abriss im April gewählt“, sagt Marlene Kaiser. Die nicht erfüllte Hoffnung: sinkende Corona-Zahlen. Nun ist ein Konzept abgesprochen, bei dem nur jeweils eine begrenzte Anzahl von Besuchern die Ausstellung betreten dürfen, und auch nur nach vorheriger Anmeldung. „Es dürfen 75 Besucher gleichzeitig auf das Gelände und jeder Besucher hat dann über 20 Quadratmeter Platz zur Verfügung“, erklärt Friedrich das Konzept. Er ist froh, dass es noch mit dem jetzigen zweiten Teil der Ausstellung geklappt hat. „In der Halle stellen viele Künstler aus, die draußen noch gar nicht ausgestellt haben und die wollten wir auch nicht vergessen.“

Discart Coca Cola

Marlene Kaiser ist überrascht von dem Erfolg.

Foto: PETRA STUBBE

Friedrich, der an der Hochschule Bremen Angewandte Freizeitwissenschaften studiert, vermutet hinter dem Erfolg auch eine gewisse Neugier, was auf dem Gelände derzeit geschieht. „Es waren auch einige Leute da, die hier früher gearbeitet haben und die sehen wollten, wie es hier jetzt aussieht. Sicherlich auch mit dem Gedanken, dass bald alles weg sein wird.“ Er spricht von einem gewissen „Erlebnischarakter“ auf dem gesamten Gelände. „Schon allein von der Dimension. Es ist nicht die klassische Galerie, wo Bild neben Bild hängt, sondern hier gehen die Bilder auch ineinander über.“

Die Ausstellung „Discart – Kunst bis zum Ende“ öffnet von Freitag, 26. März, bis Sonntag, 28. März, in der Ahlringstraße 17 wortwörtlich die Tore. Eine Anmeldung ist über die Internetseite www.kunstbiszumende.de nötig. Wer keinen Platz mehr über die Seite ergattern kann, hat die Möglichkeit auf einen Live-Stream zuzugreifen, der über die Internetseite bereitgestellt wird. Zusätzlich wird außerdem ein Ausstellungskatalog erscheinen.

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