Planungskonferenz deckt Missstände auf Entsetzen über Bausubstanz in Hemelinger Schulen

Der Sanierungsstau in Schulen und Turnhallen hat teilweise zu Entsetzen bei den Ortspolitikern geführt. Einer Schule könnte sogar der Abriss drohen.
22.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Entsetzen über Bausubstanz in Hemelinger Schulen
Von Christian Hasemann

Ein deutscher Kabarettist unkte schon vor Jahren bitterböse über den Zustand des deutschen Bildungssystems: „In den Schulen da rieselt der Putz von den Wänden, mit dem Kalk in den Köpfen der Lehrer um die Wette.“ In Bezug auf die Schule am Alten Postweg in Hastedt ist zumindest das Erstere tatsächlich der Fall. Die Hemelinger Beiratspolitiker haben auf einer Planungskonferenz zum Thema Schulen entsetzt auf den Zustand mancher Schulen und Turnhallen im Stadtteil reagiert.

Sieben Grad im Klassenraum

Sicherlich nicht repräsentativ, aber besonders eindrücklich ist der Zustand der Schule am Alten Postweg. Schulleiter Sebastian Gerber hat sein Amt vor fünf Jahren angetreten, damals mit der Absicht, die Schule für den Ganztagsbetrieb auszubauen. Nun stellt sich eher die Frage, ob die Schule überhaupt in ihrer jetzigen Form bestehen bleiben kann, denn der Zustand der Bausubstanz lässt Zweifel aufkommen. Gerber zeigte in der Online-Konferenz Fotos der größten Missstände an seiner Schule, die derzeit für den geplanten Ausbau begutachtet und untersucht wird. Im Außenbereich: Ein provisorisch angebauter Fluchtweg für den Musikraum. „Weil das Dachgeschoss nicht mehr begehbar ist.“ Ein Foto von einem Thermometer im Klassenraum: Es zeigt sieben Grad Celsius an. „Wir müssen wegen Corona zwar dauernd lüften, aber mit vernünftigen Fenstern und einer vernünftigen Heizung wären vielleicht auch mehr als zehn Grad drin.“

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Wie viel Stahlbewehrung fehlt?

Ein weiteres Foto zeigt die freigelegte Deckenkonstruktion eines Klassenraumes. „Die Unterzüge werden derzeit untersucht“, so Gerber. Die tragenden Stahlarmierungen seien gesucht worden. „Irgendwann hat man aufgegeben, es gibt keinen Stahl.“ Das habe dazu geführt, dass der betreffende Raum sofort habe gesperrt werden müssen. „Das tut uns richtig weh.“ Die große Frage lautet nun: Was, wenn die Stahlbewehrung auch in anderen Räumen fehlt? „Dann fehlen ad-hoc vier bis fünf Klassenräume“, machte Gerber deutlich.

Ein anderes Problem: Asbest in den Wänden. „Wir dürfen keine Löcher mehr bohren, weil wir sonst Asbest freisetzen könnten.“ Sein Fazit: „Ich weiß nicht, wie in diesem Bestand die Schule bis 2025 ausgebaut werden kann, und der Ganztagsbetrieb starten kann.“ Schulbehörde und Immobilien Bremen (IB), in Bremen für die öffentlichen Gebäude zuständig, planen zurzeit für 2025 den Start des Ganztagsbetriebs. Ob es tatsächlich so schlecht um das Gebäude steht, werden allerdings weitere Untersuchungen zeigen müssen.

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„Statik ist ein Problem“

Günter Klänelschen, Immobilien Bremen, konnte zumindest keine Entwarnung geben. „Die Statik ist ein Problem und wir müssen darüber nachdenken.“ Ein Gedanke könne sein, dass man sich von dem Gebäude trenne. Sprich: Die Schule ist in einem solchen Zustand, dass sich die Sanierung nicht mehr lohnt und ein Ersatzneubau mehr Sinn macht. Udo Stoessel, Bildungsbehörde, ergänzte: „Das muss genau untersucht werden.“ Seine Behörde sei im Bilde. „Es gilt jetzt, die Fachleute die Bewertung durchführen zu lassen.“

Bei den Ortspolitikern führte die Zustandsbeschreibung zu Kopfschütteln. „Ich glaube nicht, dass es in anderen Schulgebäuden anders aussieht“, befürchtet Carsten Koczwara (Die Partei). Er denke, dass es fast besser sei, wenn die Schüler jetzt im Home-Schooling seien und nicht in die Schulen müssten. Auch Timo Nobis (SPD) war entsetzt. „Wenn das eine Drei ist, möchte ich nicht wissen, wie eine Schule aussieht, die mit einer Vier oder Fünf bewertet wurde.“ Hintergrund ist die Bewertung der Schulen im Stadtteil durch Immobilien Bremen. Dort hat die Schule am Alten Postweg auf einer Skala von eins bis fünf mit einer Drei abgeschnitten, also einem befriedigenden Zustand.

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Jüngste Sporthalle mit höchstem Sanierungsbedarf

Das Bewertungssystem führte aber auch an anderer Stelle zu Unverständnis. Beispiel Sporthalle Hemelinger Heerstraße, die jüngste Halle im Stadtteil, aber mit dem höchsten Sanierungsbedarf: 694 Euro pro Quadratmeter veranschlagt IB und kommt dennoch zu einer Note vier. Ursache: „Wir haben ein Problem mit dem Dach und den technischen Anlagen, die in der Sanierung recht teuer sind“, so Klänelschen. Dennoch bestehe kein akuter Handlungsbedarf. Das sahen die Ortspolitikerinnen und -politiker anders. „In meinen Augen ist diese Halle abgängig. Sie ist in einem katastrophalen Zustand“, so Hans-Peter Hölscher (SPD). Auch an der Halle Hohwisch scheiden sich die Geister. IB bewertet den Gesamtzustand mit gut. „Die Toilettenanlage ist in einem katastrophalen Zustand, das ist seit Jahren bekannt!“, so Ralf Bohr. In einer Teilbewertung der Sanitäranlagen sieht das auch IB so. „Da ist tatsächlich akuter Handlungsbedarf“, so Klänelschen. Geschehen ist allerdings bisher nichts.

Hoffnungen auf eine schnellere Sanierung der Hallen und Schulen im Stadtteil konnten weder Klänelschen, Stoessel noch die hinzugeschaltete Bildungsstaatsrätin Arnhild Moning machen. „Ich weiß, dass das alles sehr lange dauert“, sagte sie. Mit der gegründeten Schulbaukommission, die Planung und Abstimmung zwischen den Behörden straffen solle, laufe es jetzt aber an.

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Zur Sache

Reparaturbedarf deutscher Schulen

Der Sanierungsstau in deutschen Schulen beträgt nach Angaben der Kreditbank für Wiederaufbau im Jahr 2019 44 Milliarden Euro. Knapp zehn Milliarden investierten die Kommunen 2019 in die Schulen. Die zuletzt gestiegenen Investitionen konnten allerdings nicht den ebenfalls steigenden Bedarf decken. Ausbauten und Sanierungen sind einerseits wegen steigender Schülerzahlen und des Ausbaus der Ganztagsbetreuung notwendig, andererseits hat die Corona-Epidemie den Bedarf nach einer funktionierenden IT-Infrastruktur aufgedeckt. Die Kommunen gehen davon aus, dass sich Corona negativ auf die Haushalte auswirken wird. Das könnte auch Auswirkungen auf den Abbau des Sanierungsstaus haben.

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