Linken-Politikerin zu Besuch in Hemelingen

Viele Probleme in einem Stadtteil mit Potenzial

Die Bundestagsabgeordnete Doris Achelwilm (Linke) macht sich ein Bild von der Lage in Hemelinger Betrieben und bei sozialen Projekten.
23.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus

„Ich finde es sehr wichtig, miteinander im Austausch zu sein“, sagt Doris Achelwilm, die 2017 über die Bremer Landesliste der Linken in den Deutschen Bundestag eingezogen ist. Und dieser Austausch hat sie gemeinsam mit dem Bürgerschaftsabgeordneten Ingo Tebje nach Hemelingen geführt, wo sie zusammen mit Beiratsmitgliedern, Birgit Benke vom Hemelinger Stadtteilmarketing, Ortsamtsleiter Jörn Hermening und interessierten Bürgerinnen und Bürgern soziale Projekte und Gewerbetreibende im Stadtteil besucht hat.

Dabei war das Sozialkaufhaus eine Station, die Zwischen-Zeit-Zentrale eine weitere. Danach ging es zu Wilkens Silbermanufaktur und zum Projekt Binnen-Plus. Später, beim Abschlussgespräch im Bootshaus Hemelingen, sagt Doris Achelwilm: „Dieser Rundgang hat mir einen Eindruck vermittelt, wie es Einrichtungen und Institutionen in Hemelingen geht, gerade auch in Zeiten von Corona.“ Denn die Situation sei eine besondere, meint die Bundestagsabgeordnete – „die Handlungsbedarfe sind enorm und die Not in vielen Bereichen spürbar“. Viel mehr Post von Bürgern als sonst habe sie in den vergangenen Wochen und Monaten erreicht, und ihre Meinung zum Thema ist klar: „Wir müssen sozial und wirtschaftlich einiges bewegen, um gut durch die Zeit zu kommen.“

In Hemelingen sei sie jedenfalls sehr gerne, meint sie auf Nachfrage einer Bürgerin, das Stadtbild sei einprägsam und prägnant und sie möge die historische Grundstruktur Hemelingens. Und auch die Baumbestände, das Bürgerhaus und das ganze Areal habe Ausstrahlung und Potenzial: „Es wird aber Zeit, dass in den Stadtteil investiert wird. Es gibt Leerstand und es fehlt gleichzeitig an bezahlbarem Wohnraum.“

Was sie aber dem Stadtteil attestieren kann: „Hier ist es unglaublich vielschichtig und lebendig, neu zeigt sich das mit dem ,Wurst Case’“, sagt sie über das ehemalige Könecke-Gelände, „und zusammen mit dem Coca-Cola-Gelände gibt es hier viel kreatives Potential.“ Eine Chance seien diese zu entwickelnden Areale und Doris Achelwilm findet: „Hemelingen könnte wieder mehr ins Bewusstsein rücken – da ist zwar noch einiges zu tun, aber auch viel in der Mache.“ Beiratsmitglied Hans-Peter Hölscher von der SPD sieht hingegen einen Verfall der Hemelinger Bahnhofstraße: „Tönnies und Wohninvest kommen nicht in die Gänge“, sagt er über die Eigentümer der Industriebrachen Könecke und Coca-Cola, „und wenn wir die Leute nicht bald dazu bekommen, etwas zu machen, kann man Hemelingen irgendwann vergessen.“

Auch eine Bürgerin hat einen Trend zum Leerstand ausgemacht, „und zu Billigläden. Es geht aber um Lebensqualität“, sagt sie und diese Lebensqualität spiegele sich auch in der Sauberkeit des Stadtteils wider: „Sauber soll es schon sein, dann werfen die Menschen auch nicht so einfach etwas auf den Boden.“

Beiratsmitglied Carsten Koczwara von der Partei sagt: „Ich reinige regelmäßig selbst am Mahndorfer See und muss mitunter auch noch den hauptamtlichen Müllsammlern hinterhersuchen. Es geht nicht nur darum, wo der Müll anfällt, sondern auch, woher er kommt. Meistens sind das Jugendliche.“ Das heiße aber auch, dass es insgesamt zu wenig Platz für Jugendliche gebe, meint Koczwara: „Da hängt Hemelingen sehr hinterher.“ Dieses Problem sieht auch Doris Achelwilm: „An Freizis und Treffpunkten für Jugendliche wurde früher in Bremen gespart, das merkt man irgendwann. Die Schule kann nicht alles übernehmen.“

„Muss das mit dem Müll sein?“, fragt auch ein Hemelinger Bürger, „doch wie soll man die Leute disziplinieren?“ Bei der Pflege der öffentlichen Grünflächen fange es bereits an, meint eine Bürgerin, „doch die Interessen aller Bürgerinnen und Bürger sollten vertreten werden und nicht nur punktuell“. Das heiße für sie, sich nicht nur um die Grünflächen im Innenstadtbereich zu kümmern: „Man kann auch Möglichkeiten finden, Grünflächen in den Stadtteilen zu pflegen.“

Neben dem Kriterium „Sauberkeit“ hat Marco Lübke, der für die CDU in der Bürgerschaft sitzt, auch die Belastung durch Lärm ausgemacht, außerdem gebe es zu wenig Kitaplätze und Leerstände im Stadtteil. „Da gibt es keine Möglichkeit, mit den Eigentümern zu sprechen“, moniert er. Birgit Benke sagt dazu, sie erhalte zwei Anrufe pro Woche, die nach leer stehenden Läden fragten – „doch ich komme nicht an die Eigentümer heran“.

Doris Achelwilm meint, sie habe diesen Leerstand ebenfalls wahrgenommen – „natürlich ist das kein Zustand, der so bleiben kann, dieser Trend muss gedreht werden. Das Problem ist verbreitet und hat mit hohen Mieten, aber auch damit zu tun, dass inzwischen viel online eingekauft wird. “ Der Gesellschaftsbezug der Menschen müsse gestärkt werden: „Es ist eine politische Aufgabe, dass das Verantwortungsgefühl für das eigene Umfeld quer durch alle Altersstufen mehr statt weniger wird.“

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