Leidenschaft für Malerei entdeckt

Der Alltag ist sein Motiv

Der Hemelinger Künstler Helmut Gall hatte erst im hohen Alter zur Malerei gefunden. Er malt nur etwas, zu dem er auch einen Bezug hat.
18.06.2020, 05:46
Lesedauer: 3 Min
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Von Silja Weißer
Der Alltag ist sein Motiv

Helmut Gall vor seiner Kunstwand. Für seine Bilder mischt der 80-Jährige oft verschiedene Maltechniken. Talent wurde ihm schon in seiner Kindheit attestiert, darauf besonnen hat er sich aber erst wieder Weihnachten vergangenen Jahres.

PETRA STUBBE

Die Linien verweben sich. Sie bilden Schlaufen, Schlingen und Schlangenlinien. Das, was Helmut Gall mit lockerer Hand zu Papier und Malpappe bringt, zeugt von Geschwindigkeit und einer Strichführung mit Augenmaß. Die Proportionen in einem Selbstporträt, die Abstände von Augen, Nasen und Mund, die Breite des Kinns, der Stirn, all das sitzt bei dem Hemelinger Künstler. Zwei Falten zwischen den Augenbrauen, feine Linien abwärts von den Nasenflügeln und Mundwinkeln reichen, um das hohe Alter, seine 80 Jahre anzudeuten.

Eine ganze Wand voller Bilder, über- und nebeneinander gehängt in seinem kleinen Appartement in einer Anlage für betreutes Wohnen, zeugt von seinem Schaffensdrang. Menschen und Naturskizzen, unspektakuläre Motive sind es, die den Maler mitnehmen auf eine Reise, in der er sich tagelang aus dem Alltag zurückzieht. „Dann bin ich wie weggetreten. Das ist die Krücke für mein Leben“, beschreibt er, wie er die Welt um sich herum dann vergisst. In seiner kleinen Wohnung hat er sich diese Welt eingerichtet. Jede Menge Farbtuben und Pinsel inmitten von künstlerischem Chaos geben seinen vier Wänden einen Ateliercharakter.

Gall ist erst spät zur Malerei gekommen. Weihnachten vergangenen Jahres besann er sich auf sein Talent, das ihm schon als kleiner Junge attestiert wurde. „In meiner Klasse war ich immer der beste Maler, der Erste, der perspektivisch malen konnte,“ erzählt er stolz und rückt seine moccafarbene Schiebermütze zurecht.

Früher war Radfahren sein Hobby

Doch Zeit und Muße für Kunst blieben ihm damals nicht. Aus Ostpreußen floh die Familie in den Südharz nach Bad Lauterberg. Dann ging es nach Rotenburg (Wümme), wo Gall sich für eine Ausbildung als Industriekaufmann entschied, die er in Visselhövede abschloss. Derzeit begann für ihn eine prägende Zeit der Radtouren. „Das war damals Mode nach dem Krieg, eine günstigste Möglichkeit, mobil zu sein“, erzählt er. Sein Hobby nahm er auch nach einer kurzen Zeit im Berufsleben wieder auf. Nachdem er zehn Jahre in der Bekleidungsindustrie tätig war, hörte er 1970 auf. „Ein diktatorischer Chef, kein Urlaub, kein Wochenende, all das führte zum Burn-out“, erzählt Gall. Er zog nach Bremen. Es folgte eine Zeit der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im Bereich Umweltschutz und Kultur.

Helmut Gall

Die unzähligen Fahrradtouren seines Lebens – wie hier an den Bullensee – sind nun Motivvorlage für seine Bilder.

Foto: PETRA STUBBE

Seine Trips mit dem Drahtesel rückten fortan ins Zentrum seines Lebens. Viele Fotos entstanden auf den Touren, mit denen er seinen Seelenakku wieder auflud. Rund 18 000 Kilometer zählte sein Tacho insgesamt bei zahlreichen Tagesradtouren in Bremen und Niedersachsen. Eine alte Mühle, ein Gartenlokal, Orte mit Charme und Atmosphäre inspirieren ihn, den Zeichenstift, Fineliner oder Pinsel in die Hand zu nehmen. Oft mischt Gall Techniken, wählt für den Himmel verdünnte Acrylfarben und arbeitet Feinheiten mit Acryl-Marker-Stiften aus. „Der Stift gehorcht der Hand besser als der Pinsel“, meint er. Gelernt hat er sein Metier nie. Dafür beeindrucken ihn Werke mancher Künstlergrößen. Oskar Kokoschka, Claude Monet, Vincent van Gogh, die Pointillisten und Impressionisten beeindrucken ihn. Doch sein Stil sei ihm nicht wichtig, sagt Gall und erklärt: „Für mich zählt Authentizität.“ Ob das Porträt einer ehemaligen Kollegin oder von ihm verehrte Jazzmusiker, die Charaktere müssen sich in seinen Werken widerspiegeln.

Ausstellungsort gesucht

Verkaufen will der Künstler seine Kunstwerke nicht unbedingt. Der Trennungsschmerz sei dann zu groß. „Mit dem Geld komme ich gerade so hin“, winkt er ab. „Das ist sekundär.“ Sein Wunsch ist ein Ausstellungsort, so wie etwa vor Jahren für seine Radtourfotos im Waller Kulturhaus Brodelpott. „Ich möchte noch bekannter gewesen sein“, sagt er und brummelt kaum hörbar: „Bevor ich in zwei Jahren tot bin.“ Die Frage, ob das nicht zu pessimistisch gedacht ist, löst einen Redeschwall bei Gall aus.

Die Liste seiner Krankheiten und körperlichen Einschränkungen sei lang. Zucker, Herzinfarkt, 70 Prozent Gehbehinderung, zu viele Zigaretten damals, zu viel Alkohol, Selbstmordversuche und diverse Therapien. „Ich habe alles mitgemacht. Das können Sie ruhig schreiben“, sagt er und winkt ab.

Radfahren könne er schon lange nicht mehr, erzählt der Mann, der sichtlich von seinen Krankheiten gezeichnet ist, und zeigt auf seine Gehhilfen: „Ohne die hier geht gar nichts mehr.“ Doch auch ohne Nachschub an Motiven, die er nun nicht mehr von seinen Touren mitnehmen kann, hat Gall Ideen für neue Bilder. Sein jüngster Plan ist, Gabriele Hüttinger, Gründerin der Bremer Suppenengel zu porträtieren. Gall malt nicht einfach drauf los. „Ich brauche einen Anlass, einen Bezug zum Thema. Und die Gabi ist eine tolle Frau.“

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