Möglichkeit zum Abschalten und Austausch

Wenn der Alltag zur Zerreißprobe wird

Neues Hilfsangebot für pflegende Kinder und Jugendliche bietet regelmäßiges Treffen in Hemelingen.
23.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Britta Kluth

Während andere in ihrem Alter nach der Schule Gitarre üben, reiten gehen oder sich mit Freunden verabreden, erledigt die zwölfjährige Lena Einkäufe und Hausarbeiten. Die kleinen Schultern tragen eine große Last. Lena wohnt mit Mutter, Schwester und Nichte zusammen. Im Wohnzimmer liegt ihr Schwager im Pflegebett, seit Jahren im Wachkoma. Manchmal übernimmt sie die direkte Pflege beim Schwager, wäscht ihn, wechselt den Verband und gibt ihm die Nahrung über die Sonde. Das Mädchen kapselt sich ab, wird zum Außenseiter und schafft gerade so den Hauptschulabschluss. Ein sechsmonatiger Aufenthalt in der Kinderpsychiatrie schließt sich an. Diese Geschichte hat sich niemand ausgedacht. Lena hat in Wirklichkeit einen anderen Namen, ihr Schicksal aber teilt sie mit anderen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Familienmitglieder versorgen.

Claudia Buß von den Paritätischen Pflegediensten Bremen kennt viele solcher Fälle persönlich oder hört sie von ihren Kolleginnen und Kollegen. Im Mai startete sie deshalb den ersten Treff in Norddeutschland für junge Pflegende im Alter von zehn bis 20 Jahren. Unter dem Motto „Zusammen stark sein“ findet er immer am letzten Dienstag im Monat von 17 bis 19 Uhr in der Hemelinger Einsatzstelle der Paritätischen Pflegedienste statt. Der nächste Treff ist am 24. November. Eingeladen sind nicht nur Betroffene aus dem Stadtteil, sondern aus ganz Bremen.

„Wenn jemand von pflegenden Angehörigen spricht, denken wir automatisch an Partner oder erwachsene Familienangehörige“, sagt Buß. „Dass auch viele Kinder und Jugendliche bei der Versorgung von Familienmitgliedern beteiligt sind, wird oft vergessen. Ich habe größten Respekt davor, was diese täglich leisten.“ Die Leiterin der Hemelinger Einsatzstelle kennt kaum gezielte Hilfsangebote oder Anlaufstellen. Das wollte sie ändern. Der Dienstagstreff ist ihr Herzensprojekt.

Riesenverantwortung

Die gelernte Krankenschwester mit einer Zusatzausbildung zur Suchthelferin weiß um die Riesenverantwortung der jungen Menschen. „Als Pflegedienst gehen wir ja in den Familien ein und aus. Wir kennen die körperlichen und psychischen Herausforderungen, die der Alltag ihnen abverlangt. Vor allem die Kinder und Jugendlichen bleiben dabei oft auf der Strecke. Ihnen fehlt es an Zeit und Kraft für Freunde, Schule und Freizeit.„ Die Heranwachsenden befänden sich in einem ständigen Spagat zwischen der Pflegesituation und dem Erwachsenwerden. “Meist sind die häuslichen Umstände nach außen nicht bekannt. Die Betroffenen selbst sprechen nicht darüber aus Scham oder Unsicherheit. Viele ziehen sich zurück und isolieren sich“, hat Buß beobachtet.

Knapp 480 000 Kinder und Jugendliche, auch „Young Carers“ genannt, kümmern sich in Deutschland laut einer Studie der Universität Witten-Herdecke im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums um chronisch kranke oder pflegebedürftige Angehörige. Sie kochen, kaufen ein, putzen und übernehmen dazu häufig pflegerische Tätigkeiten, helfen zum Beispiel beim Essen und Trinken, beim An- und Ausziehen oder bei der Medikamenteneinnahme. Häufig sei ihnen gar nicht bewusst, was sie alles leisteten, berichtet Buß. So könne die Verantwortung zu Stress, Überforderung, Traurigkeit oder Einsamkeit führen. Gemeinsam mit ihrem Kollegen und Stellvertreter Hannes Ewert möchte sie den jungen Pflegenden deshalb einen vertraulichen Raum bieten, um sich mit anderen auszutauschen.

Die beiden betreuen das Projekt ehrenamtlich abseits ihrer Arbeitszeit, aber unter der Schirmherrschaft der Hemelinger Einsatzstelle der Paritätischen Pflegedienste. „Als ich meinem Chef von dem Projekt erzählte, hat er sich sofort bereit erklärt, uns die Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen“, freut sich Buß. Interessierte können direkt zum Treff kommen. Es besteht ebenfalls die Möglichkeit, vorab unter der Telefonnummer 958 57 01 Kontakt aufzunehmen – auch für die Vereinbarung eines persönlichen Termins außerhalb der Treffs. Die Gesprächsinhalte unterliegen selbstverständlich der Schweigepflicht und die Kontaktaufnahme bleibt auf Wunsch anonym.

„Jedes Kind und jeder Jugendliche geht unterschiedlich mit den Verpflichtungen um“, ist die Erfahrung von Buß. „Wir möchten ihnen daher genau das anbieten, was sie gerade brauchen. Einige suchen zum Beispiel konkrete Hilfestellung und Beratung bei Problemen, andere wünschen sich einfach nur die Möglichkeit, mal rauszukommen und aus dem familiären Umfeld auszubrechen. Wir wollen die Gemeinsamkeit stärken.“

Der Austausch mit Gleichaltrigen, die Ähnliches durchmachen, sei das beste Mittel, der Verantwortung und den täglichen Herausforderungen entgegenzutreten. Die Kinder und Jugendlichen müssen sich nicht erklären, nicht bedauern oder bemitleiden. Sie kommen mit sich und anderen in Kontakt und finden neue Freunde, die in der gleichen Situation aufwachsen.

Claudia Buß wünscht sich, dass die Treffen irgendwann vielleicht auch über den Dienstag hinausgehen. Gemeinsame Kinobesuche, Kochabende, Ausflüge oder andere Unternehmungen stellt sie sich für die Zukunft vor. Ideen, was man alles auf die Beine stellen kann, hat sie genug.

Weitere Informationen

Der Treff für junge Pflegende findet jeden letzten Dienstag im Monat, wieder am 24. November, von 17 bis 19 Uhr beim Paritätischen Pflegedienst in Hemelingen, Diedrich-Wilkens-Straße 18, statt. Infos und Kontakt telefonisch unter 95 85 701.

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