Hemelingen Industrie, Wohnen und Tradition

Vom Roland sind es rund sieben Kilometer bis zum Bürgerhaus Hemelingen. Doch zwischen Mitte, dem kulturellen Zentrum der Hansestadt, und Hemelingen, der „Werkbank Bremens", liegen Welten – könnte man meinen....
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Annika Mumme

Vom Bremer Roland aus sind es rund sieben Kilometer bis zum Bürgerhaus Hemelingen. Die Landhaus-Villa, die in der Godehardstraße 4 liegt, diente einst dem Silberwarenhersteller Heinrich Wilkens und seiner Familie als Wohnhaus. Das Backstein-Gemäuer könnte bei einer Lebensdauer von knapp 141 Jahren viele Hemelinger Geschichten ausplaudern, die es selbst miterlebt oder über die Jahre belauscht hat.

Eine der Geschichten liefern große Firmen, die in dem industriell und gewerblich geprägten Stadtteil ansässig sind. Sie stellen hier ihre Waren her und liefern weltweit. In Sebaldsbrück liegt Bremens größter privater Arbeitgeber, das Mercedes-Werk, das 12 500 Mitarbeiter beschäftigt. Rheinmetall Defence Electronics und das Atlas-Elektronik-Werk haben ebenfalls ihren Standort in Hemelingen.

„Wir sind mit dem Stadtteil verwachsen, wir gehören hierher“

Aber auch die kleineren, traditionsbewussten Betriebe sind es, die Hemelingen ausmachen. Peggy Zaun arbeitet in einem solchen Betrieb, der aus fünf Mitarbeitern besteht. Seekamp Metall wird mit ihr und ihrem Bruder Jan Seekamp bereits in der dritten Generation geführt. „Wir sind mit dem Stadtteil verwachsen, wir gehören hierher“. Es habe sich einiges verändert, seit Zaun 2002 aus Hemelingen wegzog. Nicht immer zum Guten. „Aber ich habe das Gefühl, es geht bergauf.“ Positiv aufgefallen sind ihr beispielsweise die sanierten Häuser, die nach und nach von den Eigentümern in Schuss gebracht werden. Die Gemeinschaft habe jedoch über die Jahre gelitten: „Damals war es hier wie ein Dorf. Man kennt sich hier aber heute nicht mehr so wie früher.“ Zauns Großvater, Johann Seekamp, baute den Metall-Betrieb in der Hemelinger Bahnhofstraße 38 im Jahr 1947 auf; Vater Jürgen Seekamp übernahm und nun wird er mit seinen Kindern weitergeführt. Etwas hat sich noch verändert: Zaun erinnert sich an die Zeit vor dem Tunnel. Sicher sei das eine Verkehrsbelastung gewesen. Doch auch wenn die Hemelinger Bahnhofstraße nun verkehrsberuhigter ist, „unser Grundstück wurde verkleinert“, sagt Zaun.

Die Unterführung ab der Sebaldsbrücker Heerstraße beruhigt heute um den Bereich Brüggeweg die Lage. Das Thema Eisenbahn ist ebenfalls ein zweischneidiges Schwert. Die Anbindungen an Züge und Bahnen in Sebaldsbrück und Mahndorf sind etwas, das viele Hemelinger als Vorteil sehen, obgleich die Schienen diesen Bonus durch ihre zerteilende Wirkung abschwächen. „Wobei diese Zerteilungen aufgrund dessen, dass sie nach und nach entstanden sind und teilweise auch schon vorher vorhanden waren, eigentlich schon verinnerlicht sind“, sagt der Beiratssprecher Hemelingens Uwe Jahn. Nichtsdestotrotz ergeben sich hier Nachteile, „vor allem Lärmemissionen, aber das sind Sachen, die gehören zu diesem Stadtteil dazu“, sagt Jahn.

Hemelingen leidet unter schwindenden Grünflächen

Gegenüber der alten Landhaus-Villa, dem Bürgerhaus, liegt die Schlosserei. Von hier aus ist die Sicht auf einen kleinen Park frei, der die zwei Villen des ehemaligen Silberwarenherstellers Wilkens & Söhne verbindet. Das Bürgerhaus, vielmehr der Träger, der Verein Bürgerhaus Hemelingen, richtet hier Veranstaltungen aus, bietet aber auch Kurse an. Bürgerhaus-Geschäftsführerin Eva-Maria Ehlers schildert die Anfänge eines Treffpunktes im Stadtteil: „1984, eigentlich ja schon 1983, sind wir gegründet worden.“ Im September 1983 übernahm der Verein die Villa und begann schließlich mit den Sanierungsarbeiten am Haus. Ende Mai 1984 wurden die Türen des Landhauses wieder geöffnet – als Bürgerhauses Hemelingen. „Die damaligen Mitglieder mussten kräftig mit Hand anlegen, dass das überhaupt irgendwie etwas wird, weil das ja ein Wohnhaus war.“

Über die Zeit hat sich der Stadtteil stark verändert, die Wilkens-Villa hat viele Entwicklungen überlebt – manche gar hautnah miterlebt. In ihren Räumen nämlich schliefen und womöglich zürnten einst Menschen, die nie in der Villa wohnten und auch keine Besucher des Bürgerhauses waren. Es war in einer Zeit dazwischen, als die Wilkens-Villa das Polizeirevier beherbergte und somit diejenigen, die ihren „Brausebrand“ überwinden mussten, erklärt Bürgerhaus-Geschäftsführerin Eva-Maria Ehlers: „Das kriege ich heute noch von einigen älteren Herrschaften gesagt, vor allen Dingen von Herren, dass sie hier im Keller schon ausgenüchtert wurden.“ Vergangene Zeiten. Heute wird an neuen Plänen gefeilt.

„Ende Oktober haben wir einen Termin für eine Hausbegehung mit Immobilien Bremen.“ Dann wird besprochen, welche der Ideen des Vereins am Haus umgesetzt werden können, „was auch statisch machbar ist und was nicht. Und auch, wo wir vielleicht Geld herkriegen, damit uns da geholfen werden kann“, so Ehlers. Eine Faltwand soll in einem der Räume eingezogen werden, um mehr Platz zu schaffen. Auch die Cafeteria soll einem Umgestaltungskonzept unterzogen werden. Bleiben soll der Charakter des Hause: „Ohne, dass ich das jetzt übertrieben sage, es ist sicher vom Baustil her eines der schönsten Bürgerhäuser in Bremen, weil es nicht extra für diesen Zweck gebaut wurde“, sagt Ehlers.

Ein interkultureller Kräutergarten

Mit Kunsttherapeutin Stefanie Düerkop und Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren erhielt er vom Bund für Umwelt und Naturschutz Landesverband Bremen, bei dem auch Jänig tätig ist, zwei Hochbeete. Für 2017 gibt es bereits Pläne, was genau aus Flora und Fauna Platz in dem Interkulturellen Kräutergarten (IKKG) finden wird. Neben Sonnenblumen sprießen bereits Erdbeeren aus den Beeten. Ein Kartoffelsack wurde aufgestellt und die Kinder greifen mit Wonne und beiden Händen in die Erde. Hemelingen noch bunter und grüner machen, gleichzeitig ein Freizeitangebot für junge Flüchtlinge, für alle schaffen – das ist Ziel des Projektes. „Ich würde mich freuen, wenn das wirklich ein Nachbarschaftsprojekt wird“, so Jänig.

Wer dem kleinen Urban Gardening-Projekt beim Wachsen und Gedeihen helfen möchte, kann unter ikkg-schosterboorn@posteo.de Kontakt aufnehmen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+