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Hemelinger Bahnhof wird kontrovers diskutiert

Bremens zweitgrößter Bahnhof am Knotenpunkt Föhrenstraße soll ab Mitte 2022 gebaut worden. Doch bereits jetzt regen sich in Hemelingen kritische Stimmen zum geplanten Mega-Projekt.
10.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Hemelinger Bahnhof wird kontrovers diskutiert
Von Sigrid Schuer
Hemelinger Bahnhof wird kontrovers diskutiert

An der Föhrenstraße soll ab 2022 "Bremens zweitgrößter Bahnhof" gebaut werden. Die Anlieger machen sich Gedanken über die Bauphase und die Folgen.

Petra Stubbe

Der Knotenpunkt Föhrenstraße ist zwar noch Zukunftsmusik, aber auch schon ziemlich konkrete. Bremens zweitgrößter Bahnhof, so wird es zumindest kolportiert, soll dort ab Mitte 2022 gebaut werden. Und obwohl das Planfeststellungsverfahren noch aussteht, regt sich bereits Widerstand, vor allem seitens der Anrainer. Die äußerten ihre Bedenken und Befürchtungen jetzt im Ortsamt in der jüngsten Sitzung des Fachausschusses Bau, Klimaschutz und Verkehr.

Auf der Agenda stand die neue Station „Föhrenstraße oben“ an der Hastedter Heerstraße. Unmittelbar von den Bauarbeiten betroffen sein wird beispielsweise das Ehepaar Schlossstein, dessen Haus am Quintschlag 2, direkt an der Bahnlinie steht. So monierten die Schlosssteins, dass die Bahn bislang noch nicht auf sie als Anrainer zugekommen sei. Zwar hätten sie grundsätzlich nichts gegen den Bahnhof, aber: „Wenn direkt zwei Meter neben unserem Haus Spundwände eingerammt werden, dann kann man sich ungefähr ausrechnen, welche baulichen Beeinträchtigungen das haben wird“, betonten sie. Uwe Janko (FDP) zeigte Verständnis für ihre Sorgen: „Im Extremfall dürfte von dem Haus nicht mehr viel übrig bleiben.“ Es gelte im engen Dialog mit der Bahn zu bleiben.

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Der Bahnsteig würde bis zur Hälfte auf ihr Grundstück hineinragen, so das Ehepaar. Von der Lärmbelastung gar nicht zu reden. Ortsamtsleiter Jörn Hermening räumte ein, dass die Bauarbeiten wohl auch nachts von statten gehen würden. Walter Ruffler hätte deshalb gern ein wachsames Auge auf das Lärmschutzkonzept.

Der Ortsamtsleiter wies darauf hin, dass die Bahn für die lärmgeplagten Betroffenen für ein Ausweichquartier im Hotel aufkommen würde. Seitens der Bahn sei betont worden, dass es eine Reihe von Informationsveranstaltungen geben solle. Ein weiteres Problem: Wo sollen die Anlieger des Quintschlags ihre Autos parken? „Für uns ist das kein Problem, denn wir haben drei Garagen auf unserem Grundstück“, unterstrich der Hausbesitzer. Die vor dem Bahnhof geplanten fünf Fahrradständer bezeichnete er als Witz. Weitere Kritikpunkte bezogen sich auf die Wirtschaftlichkeit des Bahnhofes. „Wer soll den nutzen, Fußballfans oder Daimler-Mitarbeiter?“, fragte das Ehepaar. Gerhard Scherer (CDU) blickt da schon weiter in die Zukunft: „Irgendwann wird schließlich das Könnecke- und Coca-Coca-Gelände bebaut.“

Ausgleichspflanzungen im Orts- oder Stadtteil ungewiss

Zudem werden auf dem Bahnareal Bäume gefällt werden. Ob und wie die Bahn für Ausgleichspflanzungen im Orts- oder Stadtteil sorgt, ist noch ungewiss. Kerstin Biegemann (Grüne), ebenfalls Anwohnerin am Quintschlag, signalisierte durchaus Verständnis für einige Kritikpunkte, besonders den Brandschutz betreffend. Die besorgten Hausbesitzer wiesen auf das entstehende Fluchtweg-Nadelöhr hin, sobald im Gleisbereich ein Feuer ausbrechen sollte. Sollten alte Bäume gefällt werden, gebe es ein Veto seitens der Grünen, die zudem auch für die Einrichtung einer Fahrradstation plädieren.

Für Jürgen Seekamp aus der Hemelinger Bahnhofsstraße ist das Großprojekt schlicht und ergreifend zu teuer: „Ich habe Zweifel daran, was das für einen Sinn machen soll.“ Er gab zu bedenken, was passiere, wenn die geplante Aufzugsanlage ausfiele. Dann wären die Bahngleise in der Föhrenstraße oben für Menschen, die auf Rollstuhl oder Rollator angewiesen oder einfach nur schlecht zu Fuß seien, gar nicht oder nur schlecht zu erreichen. Für sie wären die über 40 Stufen, die nach oben zur Föhrenstraße hoch führten, kaum zu schaffen. Ortsamtsleiter Jörn Hermening gab zu bedenken, dass es im Beiratsgebiet lediglich einen barrierefreien Bahnhof gebe: den in Mahndorf. Carsten Koczwara (Die Partei) räumte als Mahndorfer ein, dass dort allerdings der Aufzug durchaus pannenanfällig sei und plädierte dafür, zumindest an der Föhrenstraße einen zweiten Aufzug anzubringen.

Seekamp machte den Vorschlag, an den Bahnhöfen Hemelingen und Sebaldsbrück die Zugänge wieder beidseitig zu öffnen, wie das früher einmal der Fall gewesen sei, sodass Passagiere auch rechtsseitig in die Züge einsteigen könnten. Wegen des starken Betriebes unter anderem von ICE-Zügen sei es aber viel zu gefährlich, die Schranken zu öffnen, gab der Ortsamtsleiter zu bedenken. „Aber wir nehmen ihre Kritik ernst“, betonte er. Gerhard Scherer plädierte dafür, die Diskussion auf einen späteren Zeitpunkt zu vertagen, da das Planfeststellungsverfahren erst noch komme. „Dann können wir auch einen Ortstermin machen“, sagte er. Bis dahin sollten die geäußerten Bedenken an die Planungsabteilung weitergeleitet werden.

Diskussion um Haltepunkt im Gewerbegebiet Hansalinie

In der Ausschusssitzung wurde zudem über die Einrichtung eines Haltepunktes der Deutschen Bahn im Gewerbegebiet Hansalinie diskutiert. Biegemann plädierte für die Einrichtung eines Bedarfshaltepunktes. Koczwara ergänzte, dass es in diesem Beritt viele Pendler gebe. Und auch Scherer ist der Meinung: „Der Beirat sollte sich da Gedanken machen. Die Leute müssen bei Schichtende aus dem Gewerbegebiet nachts wegkommen.“ Das soll Thema in einer der nächsten Verkehrsausschusssitzungen sein. Dazu soll ein Vertreter des Wirtschaftsressorts eingeladen werden.

Abgelehnt wurde der Antrag von Uwe Janko, im Zuge des geplanten Neubaus der Kita Ortwisch zusätzliche Parkplätze in der Nachbarschaft zu schaffen und dafür den Gehweg zu verlegen. Denn in einer Anwohnerversammlung war die Befürchtung geäußert worden, dass durch den Neubau eine höhere Verkehrsbelastung entstehen könnte, wenn Eltern ihre Sprösslinge per Auto direkt vor der Kita ablieferten. Probleme könnte es auch mit dem geplanten Radschnellweg geben. Kerstin Biegemann meldete Zweifel an: "Parkplätze ziehen doch eher Verkehr an.

Die Gefahr besteht, dass sie auch von anderen Leuten zugeparkt werden." Da setze sie eher auf die Einsicht der Eltern. Auch Scherer betonte, dass ein neuer Parkplatz nicht unbedingt für die neue Kita hilfreich wäre. Ziel müsse es sein, die Kita möglichst autofrei zu machen. Die Ausschussmitglieder beschieden einstimmig positiv, dass vor der Kita Fahrradbügel aufgestellt werden sollen, dass das Dach begrünt und eine Solaranlage installiert werden sollen. Zudem soll ja eine Erweiterung des Kinder- und Familienzentrums Arbergen erfolgen.

Erweiterter Zugang zum Bremer Kreuz soll Mahndorf vom LKW-Verkehr entlasten

Die Ausschussmitglieder stimmten dem Bebauungsplan 2513 für ein Gebiet in Hemelingen zwischen Thalenhorststraße, Heerenholz, Zum Panrepel, Neuer Panrepelgraben, Theodor-Barth-Straße und Malthusstraße zu. Durch einen erweiterten Zugang zum Bremer Kreuz soll Mahndorf vom LKW-Verkehr entlastet werden. Für Bäume, die an der Theodor-Barth-Straße dafür gefällt werden müssen, soll es Ausgleichspflanzungen geben.

Mit Stirnrunzeln nahmen die Stadtteilparlamentarier den Kostenvoranschlag zur Versetzung von Schaltkästen von der Christernstraße zur Glockenstraße zur Kenntnis. Die soll 46.000 Euro kosten. Laut Amt für Straßen und Verkehr soll der Beirat dafür zwischen 5000 und 7000 Euro aus seinem Verkehrsbudget beisteuern. Gut angelegtes Geld, befand Scherer, der in der Versetzung der Schaltkästen die Entschärfung eines möglichen Unfallschwerpunktes sieht. Die Ausschussmitglieder stimmten trotz der Kritik von Kerstin Biegemann und Carsten Koczwara mehrheitlich dafür, das Geld zu bewilligen.

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