Unbekanntes Flusssystem entdeckt

Als Mahndorf direkt an der Weser lag

In der Mahndorfer Marsch suchen Archäologen mit Magnetsonden nach möglichen Fundstellen
09.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Als Mahndorf direkt an der Weser lag
Von Christian Hasemann
Als Mahndorf direkt an der Weser lag

Zwölf Magnetsonden sind an dem unscheinbaren Anhänger montiert, mit denen der Untergrund in der Mahndorfer Marsch untersucht wird.

Christina Kuhaupt

Eher unscheinbar wirkt der Anhänger, der vom einem Quad über ein Feld in der Mahndorfer Marsch gezogen wird. An dem Gestell sind zwölf Magnetsonden montiert, die den Untergrund untersuchen. Auf diese Weise haben die Archäologen in den vergangenen Wochen ein verzweigtes, bisher unbekanntes Flusssystem in der Marsch entdeckt. An anderer Stelle entdeckten die Wissenschaftler eine steinzeitliche Pfeilspitze und Hinweise auf eine Besiedlung der Marsch schon zu Zeiten der römischen Kaiser.

Hintergrund der weiträumigen Untersuchungen in der Mahndorfer Marsch sind die geplanten Bauarbeiten für den neuen Abschnitt des Gewerbegebiets Hansalinie südlich der Autobahn A1. 75 weitere Hektar sollen dort künftig für Gewerbeflächen erschlossen werden, 130 Hektar umfasst das gesamte Gebiet östlich des jetzigen Gewerbegebiets. „Wir wissen sehr wenig darüber, was sich hier in der Landschaft verbirgt“, sagt Landesarchäologin Ute Halle über die noch nicht zu Tage geförderten Geheimnisse im Boden.

Spuren von menschlicher Besiedlung in der Marsch vermuten die Archäologen schon länger. In den vergangenen Jahren machten sie insbesondere im Bereich der Mahndorfer Dühnen zahlreiche Funde. Zuletzt fanden die Archäologen im Februar dieses Jahres in der Nähe des Mahndorfer Bahnhofs Siedlungsspuren aus der Zeit um Christi Geburt. Schon bekannt war außerdem, dass zu dieser Zeit in dem Bereich ein Nebenarm der Weser floss. Damit hatten die Menschen einen Flusszugang vor der Haustür.

„Wir wollten das näher untersuchen“, erklärt Halle. Technische Unterstützung bekommen die Bremer Landesarchäologen dabei aus Niedersachsen. Genauer vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (NIHK), das das nötige Equipment mit in die Marsch gebracht hat. Mit den Sonden werden Störungen im Erdmagnetfeld aufgespürt. Störungen weisen dann entweder auf natürliche Veränderungen, zum Beispiel Bach- und Flussläufe, oder menschliche Spuren, wie Gruben, Gräben und Feuerstellen hin.

„Die Bilder geben uns erst mal einen Eindruck von der unterschiedlichen Magnetik vor Ort wieder, die wir dann mit Bohrungen verifizieren“, erklärt Imke Brandt vom NIHK das Vorgehen. Der Vorteil dieses Verfahrens: Es können große Flächen auf mögliche Fundstellen untersucht werden und dann kann zielgerichtet gegraben werden. Das ist auch für denjenigen interessant, der die archäologischen Untersuchungen zahlen muss. Denn in Bremen gilt das Verursacherprinzip: Wer baut, muss auch die Kosten für die archäologische Untersuchung zahlen. In der Mahndorfer Marsch ist das die Wirtschaftsförderung Bremen (WfB), die das Gewerbegebiet entwickelt.

Auf einem Monitor lässt sich anhand der ausgewerteten Daten der Messungen ein verzweigtes Flusssystem entdecken. „Das haben wir so nicht erwartet“, sagt Halle. Über die Lebensweise der Menschen, die vor tausenden Jahren am und mit dem Fluss lebten, kann sie bisher nur spekulieren. „Die werden hier Landwirtschaft und Fischfang betrieben haben, Hinweise auf zum Beispiel Eisenverarbeitung vor Ort gibt es nicht.“

Auf der anderen Seite seien in der Nähe der Galopp-Trainingsanlage unzählige Tonscherben gefunden worden – vielleicht ein Hinweis auf einen Produktionsort. Lehmigen Boden jedenfalls gibt es in der Mahndorfer Marsch genug, wird beim Rundgang zu einer Ausgrabungsstelle deutlich. Dort wurde eine steinerne Pfeilspitze gefunden, ein Indiz dafür, dass in der Steinzeit Menschen zwischen Weser und Elbe durch die norddeutsche Tiefebene streiften. Ein Vergnügen ist die Arbeit in den Grabungsgruben im Übrigen nicht. „Im Sommer sind das extreme Arbeiten, weil der Lehmboden knochenhart ist und jetzt Richtung Winter klebt der Lehm überall“, so Halle. Seit dem Sommer arbeiten sich eine Handvoll Grabungstechniker durch den Lehmboden.

Aus späteren Zeiten stammt ein anderer Fund: Teile eines römischen Bronzegefäßes. Diese beweisen, dass die Menschen vor 2000 Jahren nicht isoliert im heutigen Mahndorf siedelten. „Die Menschen haben hier nicht ohne Kontakt zum Römischen Reich gelebt“, sagt Halle. Möglich machte dies der Transport über die Flüsse. „Das Flusssystem hat eine bedeutende Rolle gespielt, denn die Straßen waren damals Bohlenwege, die durch Moor und Morast führten.“ Ob es aber direkt an dem neu entdeckten Flusssystem eine echte Siedlung gab, ist bisher noch unklar. „Wir können noch nicht sagen, ob es hier eine dauerhafte Bebauung gab oder ob die Menschen hier nur zeitweise gewohnt haben.“

Für diesen Tag müssen Quad, Magnetsonden und Wissenschaftler im wörtlichen Sinne allerdings vorerst das Feld räumen. Ab mittags rückt der Kampfmittelräumdienst an – es wurden Munitionsreste gefunden.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+