Ungeziefer in Sebaldsbrück

Nachbarn wütend über Verwahrlosung in ehemaligen Schlichthäusern

Die Anwohner sind genervt: Ratten, Müll und Vandalismus herrschen in der ehemaligen Schlichtbausiedlung in Sebaldsbrück vor. Verzögerungen beim Abriss stoßen beim Ortsamt Hemelingen auf Unverständnis.
20.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Nachbarn wütend über Verwahrlosung in ehemaligen Schlichthäusern
Von Christian Hasemann
Nachbarn wütend über Verwahrlosung in ehemaligen Schlichthäusern

Die Bewohner der angrenzenden Straßen haben sich zusammengetan und fordern Stadt und den Immobilienkonzern Vonovia zum Handeln auf.

Petra Stubbe

Für Timo Käbel ist es ein Schock am Morgen gewesen. Als er schlaftrunken in seine Küche kam, frühstückte dort schon jemand. Der ungebetene Gast am Tisch: eine Ratte. Davon tummeln sich nach Angaben von Anwohnern der Zeppelin- und der Eckenerstraße inzwischen reichlich in den verwahrlosten Schlichtbauten Am Sacksdamm und der Alten Landwehr, und sie dehnen ihr Revier auch auf die bewohnten Häuser aus. Die Nachbarn fordern die Stadt und die Eigentümerin Vonovia zum Handeln auf.

Knapp 30 Nachbarn der Zeppelinstraße haben sich im Garten von Stefanie Kühn, die die Nachbarschaft eingeladen hat, versammelt. Sie alle möchten, dass endlich etwas passiert auf dem Nachbargrundstück. „Wenn man in den Garten sieht, laufen da die Ratten lang“, sagt Rosemarie Staas, die seit 40 Jahren in der Nachbarschaft wohnt. In diesem Jahr sei es bisher am schlimmsten, sagt sie, und die umstehenden Anwohner nicken zustimmend. Drei Ratten haben sie in diesem Jahr gefangen, sagt Staas. Sie habe außerdem beobachtet, dass sich Menschen auf das Gelände schlichen.

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Tatsächlich ist die Umzäunung an einigen Stellen schon zusammengedrückt, an anderen nicht durchgängig geschlossen. Fenster und Türen der leer stehenden Häuser sind aufgebrochen und zerstört. Entlang des Zaunes liegt Sperrmüll: ein Fernseher, in einem Gebüsch liegen eine Babykrippe und Sperr- und Restmüll.

„Die Leute schmeißen hier ihren Müll hin“, bestätigt Stefanie Kühn. „Es stinkt und riecht richtig. Sie hält die Zustände auf dem Gelände für gesundheitlich bedenklich. „Ich glaube auch, dass dort Leute schlafen, obwohl dort zum Teil die Dächer eingestürzt sind.“ Edith Erdmann ärgert sich. „Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen nicht gezwungen wird, dort für Ordnung zu sorgen." Offensichtlich nutzen einige Personen zumindest zeitweise die abbruchreifen Gebäude als Unterkunft. An einem der abgesperrten Häuser ist eine neue Satellitenanlage samt neuem Kabel zu erkennen.

Eigentümerin in der Pflicht

Lukas Fuhrmann, Pressesprecher des Gesundheitsressorts, sieht erst einmal die Eigentümerin in der Pflicht. „Wenn es dort einen Rattenbefall gibt, dann ist der Eigentümer verpflichtet, dagegen vorzugehen.“ Der Ansprechpartner für die Nachbarn sei in diesem Fall aber das Ordnungsamt Bremen. „Das Gesundheitsamt wird dann häufig beratend hinzugezogen.“ Grundsätzlich ginge von Ratten aber erstmal keine direkte Gesundheitsgefahr aus. „Aber es geht auch um den Gesamtzustand vor Ort“, sagt Fuhrmann. Im Fall der Schlichtbausiedlung sei das Gesundheitsamt durch das Ordnungsamt aber nicht eingeschaltet worden.

„Wir können bei Gefahren eingreifen, wenn zum Beispiel Fassadenteile herunterzufallen drohen“, sagt Jens Tittmann, Sprecher des Bauressorts. In solchen Fällen könne die Stadt sogenannte Ersatzvornahmen durchsetzen. Ein Mittel, das auch angewandt werde. Allerdings: Das Gelände in Sebaldsbrück ist abgesperrt und es droht nicht, dass Teile auf öffentliche Flächen fallen.

Das Innenressort teilte auf Nachfrage mit, dass das Ordnungsamt den Fall gründlich recherchieren werde und deswegen derzeit noch keine weitere Auskunft geben könne.

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Beim Ortsamt Hemelingen stoßen die Verzögerungen beim Abriss auf Unverständnis. „Ich verstehe nicht, warum das Gelände noch nicht abgeräumt ist, und kann die Nachbarn nur unterstützen, dass da etwas passieren muss“, sagt Ortsamtsleiter Jörn Hermening. Auch er sieht Vonovia in der Pflicht. „Die müssen sich kümmern, es ist ihr Eigentum.“ Nachdem sich das Ortsamt wegen der Ratten an die Vonovia gewandt habe, sei immerhin innerhalb einer Woche etwas geschehen. „Aber das war offenbar nicht ausreichend“, so Hermening.

Im vergangenen Jahr hatte der Immobilienkonzern aus Bochum während einer Einwohnerversammlung angekündigt, die Häuser noch im Winter abzureißen. Bis auf den Bauzaun, der das Gelände abriegeln soll, ist allerdings kaum etwas geschehen. Auch der im vergangenen Sommer erwartete Bebauungsplan ist noch nicht endgültig verabschiedet. Damit steht ein Baubeginn noch nicht fest, ein Abriss hat damit für den Konzern keine Eile.

Zeppelinstr. Bewohner

Wild wucherndes Grün verdeckt weitgehend den Blick auf das Gelände, bietet aber Verstecke für Ratten.

Foto: Petra Stubbe

Ein Bild von der Lage vor Ort machen

„Wir kommen unserer Eigentümerpflicht nach und schicken regelmäßig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Sacksdamm, um nach dem Rechten zu sehen“, sagt Panagiota-Johanna Alexiou, Pressesprecherin des Unternehmens. Seit einem Monat sei ein Schädlingsbekämpfer im Auftrag der Vonovia dort tätig. Am Mittwoch sei außerdem ein Mitarbeiter in den Sacksdamm geschickt worden, um sich erneut ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Auf Nachfrage erklärt das Unternehmen außerdem, dass letzte Abstimmungen für das Neubauprojekt und damit auch zum Abriss stattfänden. Einen konkreten Zeitplan gebe es allerdings erst danach.

2017 waren die ersten Pläne für den Abriss der Schlichthäuser, die 1926 als Unterkünfte für finanziell schwache und obdachlose Familien gebaut worden waren, bekannt geworden. Daraufhin entbrannte eine Diskussion, ob und in welcher Form die Häuser erhalten werden und wie den verbliebenen Mietern geholfen werden könnte. Es blieb aber bei der Entscheidung des Konzerns. Die Häuser sollen weg. 2019 zogen die letzten Mieter schließlich aus.

Die Vonovia plant auf dem 9200 Quadratmeter großen Gelände mit 88 barrierefreien Wohnungen, die sich durch ihren Zuschnitt an Singles, aber auch an Familien richten sollen. Ein Viertel der Wohnungen sollen als Sozialwohnungen entstehen, mit einem Mietpreis zwischen 6,10 und 6,50 Euro. Kritik gab es seitens der Einwohner an der in ihren Augen geringen Zahl an Parkplätzen und der Erschließungsstraße, die direkt an den Gärten der Anwohner der Zeppelinstraße entlang führen würde.

Das drängendste Problem für die Anwohner vor Ort sind aber nicht die Abriss- und Neubaupläne, sondern ganz konkret der Müll und die Ratten, die sich auf dem Gelände offenbar wohlfühlen. Anwohnerin Gunda Pantijelew sagt: „Die Ratten haben gar keine Scheu mehr und sind hier zu jeder Tageszeit unterwegs.“ Es sei nicht schön und sie habe das Gefühl, mit dem Problem allein gelassen zu werden.

Zeppelinstr. Bewohner

Im Gebüsch finden sich Sperr- und Restmüll.

Foto: Petra Stubbe

Verlassenes Gelände zieht Menschen an

Stefanie Kühn hat noch ein weiteres Problem ausgemacht. „Das ganze Grünzeug wächst in unsere Gärten herüber und darüber kommen auch die Ratten in unsere Gärten.“ Mindestens die Entfernung des Unrats und ein Rückschnitt des wuchernden Grüns müssten schnell geschehen. „Und das man die Häuser versiegelt“, sagt Frank Teichmann. Auch er hat beobachtet, dass das verlassene Gelände Menschen anzieht. Mit den Leuten, so die Mutmaßungen, kommen auch Lebensmittel auf das Gelände und diese wiederum sind gefundenes Fressen für die Nagetiere.

Stefanie Kühn spielt auch mit dem Gedanken eines Umzuges. „Wir sind irgendwie schon ein bisschen auf der Flucht und schauen uns schon nach neuen Wohnungen um“, sagt sie. „Seit drei Jahren arbeiten wir daran, es uns hier schön zu machen“, sagt sie mit resignierter Stimme. „Man kann doch nicht einen ganzen Stadtteil so verkommen lassen“, drückt Nachbarin Edith Erdmann ihr Unverständnis aus.

Die Vonovia ist nicht das einzige Unternehmen in Bremen, dass für seinen Umgang mit seinem Eigentum kritisiert wird. Zuletzt hatte der Zustand eines bewohnten Hochhauses in der Neuwieder Straße in Osterholz-Tenever bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Damals schaltete sich Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) in die Diskussion ein und forderte eine rasche Verbesserung der Zustände.

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