Sorge um Giftstoffe

Anwohner kritisieren Mängel bei Abriss der Schlichthäuser

Der Abriss der Schlichthäuser in Sebaldsbrück ist im vollen Gange - und erzürnt die Anwohner. Diese kritisieren fehlende Vorsichtsmaßnahmen und fürchten Giftstoffe in der Luft.
28.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Anwohner kritisieren Mängel bei Abriss der Schlichthäuser
Von Christian Hasemann
Anwohner kritisieren Mängel bei Abriss der Schlichthäuser

Einigermaßen sortiert: Die Reste der Schlichtbauten am Sacksdamm und der Alten Landwehr warten auf den Abtransport.

Petra Stubbe

Haufen mit Teerpappe, Holz und Bauschutt: So sieht es derzeit auf dem Gelände Sacksdamm und Alte Landwehr aus. Der Abriss ist im vollen Gange und damit aber auch unangenehme Begleiterscheinungen: Staub, Dreck und Vibrationen. Die Anwohner sorgen sich vor allem um den Staub, der ihnen in die Gärten und Wohnungen weht, und um mögliche Schäden an ihren Häusern.

Die Anwohner in der Zeppelinstraße in Sebaldsbrück sind baustellenerprobt: Seit Monaten wird am südlichen Ende der Straße der Kanal saniert, und seit knapp vier Wochen wird in unmittelbarer Nachbarschaft die Schlichthaussiedlung abgerissen. Und die nächsten Baustellen sind schon in Sicht: Der Bau der neuen Eisenbahnüberführung als Ersatz für den in die Jahre gekommenen Bau an der Zeppelinstraße steht in den Startlöchern – samt schon angekündigter Nachtarbeiten. Der Bau des neuen Bahnhofs Föhrenstraße schließt sich dem an, und dann folgt am Sacksdamm der Neubau auf dem Gelände, auf dem derzeit Tabula rasa gemacht wird.

Sacksdamm Abriss

Duy Kien Nguyen (von links), Waltraut Kuhlmann, Stefanie Kühn und Hacer Özgam wundern sich über fehlende Schutzausrüstung, obwohl dieses Schild diese vorschreibt.

Foto: PETRA STUBBE

Abfinden möchten sich die Anwohner mit den Auswirkungen auf ihre Lebensqualität aber nicht und mahnen Verbesserungen an. Bei den Abrissarbeiten bezieht sich dies vor allem auf die Eindämmung des Staubes, der in die Nachbarschaft weht und durch Tür- und Fensterritzen kriecht. „Es wird kein Wasser eingesetzt, um den Staub niederzuhalten. Die Nachbarn können nicht lüften“, sagt Stefanie Kühn. Nachbarin Waltraut Kuhlmann: „Ich bin nicht 60 geworden, um jetzt noch eine Asbestlunge zu bekommen“, fasst sie ihre Sorge vor möglichen Schadstoffen in der Luft in Worte. Sie sagt: „Vorher hatten wir das Rattenproblem, das erst nicht ernst genommen wurde, und nun habe ich einen Garten, wo ich nichts anbauen kann.“ Sie habe außerdem Angst, ihre Fenster zu öffnen. Die umstehenden Nachbarn pflichten ihr nickend bei.

Aber noch etwas treibt die Anwohner um. Es ist ein Schild, das vor Gefahrstoffen wie Asbest warnt und das Tragen von Schutzkleidung auf der Baustelle vorschreibt. „Aber wir sehen keine Schutzausrüstung bei den Arbeitern auf dem Gelände“, sagt Kühn. „Wir machen uns auch um die Arbeiter richtig Sorgen, aber natürlich wohnen hier auch viele Menschen mit Kindern.“

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Tatsächlich wohnen nicht nur Familien mit Kindern in unmittelbarer Nachbarschaft. Direkt gegenüber der Baustellenzufahrt befindet sich der Außenspielbereich der Kita Zeppelinstraße. Nachfragen bei Behörden und dem Eigentümer, dem Wohnungskonzern Vonovia, hätten bisher keine größeren Reaktionen hervorgerufen. „Aber wenn das alles nicht so tragisch ist, warum ist dann eine Schutzausrüstung vorgeschrieben?“, fragt Waltraut Kuhlmann. Die Anwohner haben eine klare Forderung: „Um die Staubbildung zu vermeiden, sollte bei den Abrissarbeiten der Schutt mit Wasser besprüht werden“, sagt Kühn. Sorge bereiten ihr auch die Vibrationen der Bauarbeiten. „Ich habe mit dem Abrissunternehmen telefoniert und die haben auch Fotos gemacht wegen der Vibrationen, aber dann kam auch nichts mehr.“

Schäden bei Bauarbeiten
beschäftigen in Deutschland immer wieder die Gerichte. Bauunternehmen haben deswegen bestimmte Sorgfalts- und Ordnungspflichten. Wenn Arbei-
ten nicht ordnungsgemäß durchgeführt werden und dadurch Schäden an Nachbarhäusern oder Grundstücken entstehen, haben Anwohner Anspruch auf Schadensersatz. Das ist dann eine zivilrechtliche Frage. Allerdings: Der Nachweis,
dass die Schäden ursächlich von den Bauarbeiten ausgingen, ist nicht immer ganz einfach zu erbringen.

Sacksdamm Abriss

Der Bagger knabbert an den verbliebenen Häusern an der Eckenerstraße. Die Bagger haben sich von Nord nach Süd durch das Gelände gefressen. Dabei haben sie viel Staub aufgewirbelt.

Foto: PETRA STUBBE

Inzwischen hat die Vonovia allerdings reagiert: So wird ein Sachverständiger zur Dokumentation von Schäden an einem Haus in der Zeppelinstraße hinzugezogen. Weiter teilt das Unternehmen mit, dass grundsätzlich bei Abrissarbeiten der Staub mit Wasser gebunden werde. Das sei auch auf der Baustelle am Sacksdamm der Fall. Zwei Arbeiter würden jeweils den Bagger begleiten und den aufgewirbelten Staub mit Wasser aus einem Feuerwehrschlauch niederhalten, teilte eine Pressesprecherin auf Nachfrage des STADTTEIL-KURIER mit. Dem Abrissunternehmen sei mitgeteilt worden, verstärk auf das Staubaufkommen zu achten.

Gefahr gehe von der Baustelle nicht aus, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme weiter. Schon vor Beginn der Abrissarbeiten seien alle vorhandenen Schadstoffe fachgerecht ausgebaut und entsorgt worden. „Somit waren die zurückgebau-
ten Gebäude frei von Schadstoffen, als die Abrissarbeiten gestartet sind“, so die Pressesprecherin. Das Schild am Eingang der Baustelle sei zu Beginn der Arbeiten, als eben
die Schadstoffe noch entsorgt wurden, zur Abschreckung und als Warnhinweis auf-
gestellt worden. Feuchter Bauschutt und Holz schließlich könnten etwas „muffig“ riechen, das erkläre den wahrgenommenen
Geruch.

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