Impulse durchs Tanzen

Sie bringt Bremen in Bewegung

Dass Tanzen jung und fit hält, dafür ist Inge Deppert das beste Beispiel, 1984 gründete sie „Impuls, Zentrum für gesunde und künstlerische Bewegung“. Nun kann sie auf 60 Jahre Berufstätigkeit zurückblicken.
19.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Sie bringt Bremen in Bewegung
Von Sigrid Schuer
Sie bringt Bremen in Bewegung

Tanz und Bewegung halten jung: Inge Deppert ist das beste Beispiel dafür.

Petra Stubbe

60 Jahre Berufstätigkeit? Wem Inge Deppert begegnet, der kann das kaum glauben. So fit und alterslos wirkt die mittlerweile 79-Jährige mit den rötlich-blonden Haaren. Die kerzengerade Haltung, die schlanke Statur, nichts weist auf ihr wahres Alter hin. „Ohne Tanz und Bewegung wäre das Leben ein Irrtum“, dieses abgewandelte Credo des Philosophen Friedrich Nietzsche hat sich Inge Deppert zu eigen gemacht. Die Tanz- und Bewegungs-Pädagogin ist das quicklebendige Beispiel dafür, wie sehr eine Leidenschaft bis ins hohe Alter hinein zu beflügeln vermag.

Und mit dieser Leidenschaft bringt sie Bremen schon seit mittlerweile 35 Jahren in Bewegung. In der Hansestadt ist sie eine Institution, die noch immer unglaublich viel bewegt. Auch während der Corona-Pandemie erfand sie kreative Konzepte. So wurde im Zuge des „Kultur-Sommer-Summarum“ auf einer Außenbühne im Garten vor dem Alten Rathaus Hemelingen einfach unter freiem Himmel weiter getanzt. 2014 wurde der denkmalgeschützte Ratssaal im ehemaligen Hemelinger Rathaus ausgebaut. Seitdem arbeitet Deppert mit „Impuls“, ihrem Zentrum für gesunde und künstlerische Bewegung, intensiv mit der Gesellschaft für seelische Gesundheit des ASB und „Gapsy, der Gesellschaft für ambulante Psychiatrie“ zusammen.

Lesen Sie auch

Einen Antrag für Fördermittel aus dem Bundestopf „Neustart Kultur“ zwecks Etablierung einer mobilen Sommerbühne an gleicher Stelle hat sie bereits gestellt. Fortgesetzt werden sollen dort auch die Tanz- und Folklore-Formate. Der Völkerverständigungsgedanke im multikulturell geprägten Hemelingen ist für Inge Deppert eine Herzensangelegenheit. Denn dafür ließe sich schon jetzt verlässlich planen, während alle anderen Veranstaltungen, der Corona-Pandemie geschuldet, noch ins Blaue hinein konzipiert werden müssten, räumt sie ein.

Nach Unterrichts- und Lehrtätigkeiten beim Institut für Leibeserziehung der FU Berlin und unter anderem als Moderatorin und Mitwirkende an den 13-teiligen ARD-Fernsehserien „Gymnastik im Alltag“ und „Bewegung macht Spaß“ in Hamburg zog es die gebürtige Liegnitzerin 1981 der Liebe wegen nach Bremen. 1984 gründete sie „Impuls, das Zentrum für gesunde und künstlerische Bewegung“, in dem sie seit rund 15 Jahren weiter ehrenamtlich arbeitet und, natürlich, auch weiterhin unterrichtet. „Sonst hätten wir hier schon die Türen schließen können, da wir keine öffentliche Förderung erhalten“, sagt sie.

Bundes- und weltweit tätig

Umso dankbarer ist Deppert der Karin- und Uwe-Hollweg- sowie der Waldemar-Koch-Stiftung, der Tabea-Stiftung und der Stadtteil-Stiftung, aber auch dem Landessportbund und der Sparkasse, um nur einige zu nennen, die immer wieder Projekte unterstützen. Tausende von Bremerinnen und Bremern, schätzt Deppert, haben über Jahrzehnte hinweg in ihrem Bewegungszentrum an der Fleetrade in Hastedt die unterschiedlichsten Kurse besucht. Hunderte an qualifiziertem Fachpersonal hat Impuls seitdem hervorgebracht. Ihre Absolventinnen und Absolventen sind bundes- und weltweit tätig und in vielen Institutionen begehrt. Umso weniger nachvollziehbar ist es, dass sie immer wieder gegen die Windmühlenflügel der Bürokratie zu kämpfen hat.

79 Jahre und kein bisschen leise, auch wenn Inge Deppert Sachverhalte stets mit ruhiger Stimme und der ihr eigenen Bescheidenheit vermittelt, ohne ihre Hartnäckigkeit hätte sie diese Auseinandersetzungen kaum bestehen können. Die zierliche Frau ist es gewohnt, zu kämpfen. 1941 geboren und in einem Barrackenlager für Geflüchtete groß geworden, setzte sie es als gerade mal 19-Jährige durch, sich an der Edith Jahn-Schule in Glücksburg zur staatlich geprüften Gymnastiklehrerin ausbilden zu lassen. Die Ausbildungsgebühren habe sich die Familie damals vom Mund absparen müssen, erzählt sie. Vielleicht streitet die Diplom-Pädagogin und ehemalige Leistungssportlerin gerade deshalb so hartnäckig für die Belange derjenigen Bewegungs- und Tanz-Therapeutinnen und-Pädagoginnen, die bei Impuls ihre Ausbildung absolvieren.

Lesen Sie auch

So bemüht sie sich seit Monaten leidenschaftlich um die Schulgeldbefreiung für die Fachschüler der deutschlandweit einzigartigen „Fachschule für Gesundheitssport und Bewegungstherapie“. Sie hat wiederholt bei den Krankenkassen und auch beim Gesundheitsressort vorgesprochen, bislang ohne Erfolg. Einen dieser Kämpfe gegen besagte Windmühlenflügel hat sie Anfang 2019 nach drei Jahren gewonnen. Die Fachausbildung mit dem Abschluss Gymnastik- und Tanzpädagogik, die bei Impuls angeboten wird, wurde schließlich doch noch anerkannt. Zuvor hatten es die Krankenkassen abgelehnt, Rückenkurse nach dem Präventionsprinzip, die Depperts Absolventen anboten, zu übernehmen, trotz der nachgewiesenen beruflichen Zusatzqualifikation. Wer daran teilnehmen wollte, musste diese Kurse selbst bezahlen.

„Mit Hilfe von Tanz und Bewegung können viel Leid, Schmerzen und Operationen und damit viele Kosten vermieden werden. Es geht darum, krankmachende Verhaltensmuster mit einem ganzheitlichen Ansatz zu ändern“, ist Inge Deppert überzeugt. Und das gelte auch für psychische Erkrankungen. Das sollten die Krankenkassen eigentlich wissen. Ist doch in deren Statistiken ein ständiger Anstieg von Rückenleiden und psychischen Erkrankungen ausgewiesen.

Mehr Stand- und Trittfestigkeit

Deppert hat nicht nur Rückenschul-Formate, maßgeschneidert für jedes Alter aufgelegt, ihre neueste Erfindung ist eine „Geh-Schule“ für Menschen mit Geh-Problemen, um denjenigen, die etwa auf Rollator oder Stock angewiesen sind, zu mehr Stand- und Trittfestigkeit zu verhelfen. Die Leidenschaft zum Tanz entdeckte sie in ihrer Berliner Zeit. Eines ihrer großen Vorbilder ist Mary Wigman, die Ikone des modernen Ausdruckstanzes der 1920er-Jahre. 1988 gründete Inge Deppert das Festival „Tanz Herbst“, 1999 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern des Festivals „Tanz Bremen“.

Wie sagte es doch gleich Harm Bremeyer, einer ihrer Absolventen in einer Matinée anlässlich 25 Jahre Ausbildung bei Impuls: „Den Stürmen haben wir als Gruppe getrotzt und nun werden wir selbstständig die ersten Schritte gehen. Impuls ist für uns ein Stück Lebensmittelpunkt gewesen.“ Und der charismatische, junge Tänzer fügte hinzu: „All die Kostbarkeiten, die wir hier erlebt und gelernt haben, kann uns niemand mehr nehmen. Es war mir eine Ehre.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+