Drogenanbau in Bremen

Wo Cannabis blüht

Die Staatsanwaltschaft spricht von industrieller Produktion: In einem alten Bremer Bunker wurden mehr als 10 000 Cannabispflanzen sichergestellt. Die Polizei vermutet organisierte Kriminalität am Werk.
09.11.2018, 18:40
Lesedauer: 3 Min
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Von Elke Hoesmann
Wo Cannabis blüht

Hier haben Profis eine riesige Indoor-Plantage betrieben: der Hochbunker an der Sebaldsbrücker Heerstraße, erbaut 1942.

Foto: Frank Koch

Vielleicht fühlten sich die Drogenanbauer in einem Bunker besonders sicher, letztlich sind sie doch aufgeflogen. Die Polizei hatte sich den Koloss am Bahnhof Sebaldsbrück nach einem Hinweis näher angeschaut – und gleich Cannabis gerochen. Am Mittwochabend und am Donnerstag durchsuchten bis zu 50 Einsatzkräfte den Hochbunker, sie fanden mehr als 10 000 Cannabispflanzen. Die Staatsanwaltschaft spricht von industrieller Produktion, hinter der wohl nicht nur eine Einzelperson stecke. Die Polizei vermutet, dass die Auftraggeber aus dem Bereich der organisierten Kriminalität stammen. Denn eine Plantage dieser Größenordnung erfordere besondere Kenntnisse und finanzielle Mittel. Wegen der laufenden Ermittlungen ließ sie am Freitag viele Fragen unbeantwortet.

Fast jeden Tag geht Jörn Hermening am Bunker vorbei, „aber vom Anbau habe ich nichts mitbekommen“, sagt der Hemelinger Ortsamtsleiter. Ab und zu gab es Beschwerden über Müll am Gebäude, „doch der war dann auch wieder weg“. Vielleicht sei mal ein Fenster aufgelassen worden, und jemand habe wegen des Geruchs Verdacht geschöpft. Von den Behörden gab es dazu keine Auskunft, auch nicht über mögliche Festnahmen. Der Hochbunker, 1942 gebaut, mit einer Nutzfläche von gut 3000 Quadratmetern, war 2016 unter den Hammer gekommen. Eine Privatperson, so Hermening, kaufte den Koloss bei der Auktion für rund 330 000 Euro.

Den Bunker als Drogenplantage zu nutzen, sei schon geschickt, sagt ein SWB-Pressesprecher. Durch den massiven Stahlbeton dringe nichts, die Wärmebilder, die der Versorger regelmäßig vom Fernwärmennetz mache, hätten deshalb keine Auffälligkeiten gezeigt. Indoor-Plantagen verbrauchen viel Strom – wegen der Speziallampen, der Belüftung und Bewässerung. „Eine Drogenplantage im Gewächshaus wäre vermutlich schnell aufgefallen“, so der SWB-Sprecher. Das Unternehmen gibt seine Bilder „zur Zweitverwertung“ an die Polizei, die dann nach auffälligen Wärmequellen sucht. Allerdings zapfen viele Anbauer auch illegal Stromquellen an. Die Staatsanwalt schließt nicht aus, dass in Sebaldsbrück so vorgegangen wurde.

Mehr Pflanzen in den Anlagen

Ein Teil der dort beschlagnahmten Pflanzen wandert ins Labor. Derzeit ziehen Chemiker eine repräsentative Probe, um den THC-Gehalt festzustellen. Das ist wichtig. Wenn die Menge des Wirkstoffs THC pro Kilogramm eine bestimmte Grenze überschreitet, drohen Haft- statt Geldstrafen. Nach Angaben der Polizei ist mit den Züchtungen in Indoor-Plantagen die THC-Konzentration seit 2008 deutlich gestiegen. Das liege auch an den dort guten Wachstumsbedingungen für die Pflanzen.

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Ob es sich beim Bunkerfund um die bislang größte Indoor-Plantagen-Entdeckung in Bremen handelt, kann die Polizei noch nicht sagen. Fest steht aber, dass nicht nur die Zahl aufgeflogener Plantagen steigt. Es werden darin auch immer mehr Cannabispflanzen entdeckt. Waren in Bremen laut Polizei vor drei Jahren 31 Anlagen mit 2790 Pflanzen aufgeflogen, wurden 2016 bereits 44 (4821 Pflanzen) gefunden, 2017 waren es 49 Plantagen mit 16 815 Cannabispflanzen. Offenbar lockt das große Geld. „Den Kriminellen winken erhebliche lukrative Gewinne“, sagt eine Polizeisprecherin. Sie müssten aber auch finanzstark und professionell sein, um die quasi landwirtschaftliche Produktion aufzubauen und zu betreiben. Ermittlungserfahrungen zeigten, dass die Tätergruppierungen häufig der organisierten Kriminalität zuzurechnen seien.

Legaler Zugang würde Kriminalität abbauen

Die Pflanzen wachsen oft in Hallen und verlassenen Gebäuden. So stieß die Polizei Ende März in einer Lagerhalle in Blumenthal auf eine Anlage mit 800 Cannabispflanzen und 21 000 Stecklingen. In ein bis zwei Monaten wären die Setzlinge so groß geworden, dass es sich um eine der größten Indoor-Plantagen bundesweit gehandelt hätte, sagte damals ein Polizeisprecher. 6700 Pflanzen kamen 2017 in einer Neustädter Lagerhalle zum Vorschein. Doch auch in einem Wohnblock in Obervieland, einem Reihenhaus in Schwachhausen oder in einer früheren Disco am Rembertiring wurden illegale Gewächse beschlagnahmt.

Aber hilft das wirklich?, fragt Horst Wesemann. Der Bremer Anwalt ist Mitglied der Innendeputation und hat „ein paar Gedanken“ aufgeschrieben, mit denen er solche Erfolgsmeldungen der Polizei konterkarieren möchte. Eigentlich müsste Cannabis wegen der Sicherstellungen teurer geworden sein, so Wesemann. Die Preise seien aber stabil. Der Grund: „Wird eine Plantage sichergestellt, eröffnet eine neue an einem anderen Ort.“ Wolle man der organisierten Kriminalität die Grundlage entziehen, so der Jurist, müsse es einen legalen Zugang zu Cannabisprodukten geben.

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