Schlechtes Image, günstige Lage

Wo es den Hemelingern unter den Nägeln brennt

Studierende der Hochschule Bremen haben Hemelinger Bürgerinnen und Bürger zu ihrer Einschätzung der Lebensqualität im Stadtteil befragt. Die Ergebnisse lösen rege Diskussionen aus.
15.01.2020, 21:23
Lesedauer: 3 Min
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Wo es den Hemelingern unter den Nägeln brennt
Von Christian Hasemann
Wo es den Hemelingern unter den Nägeln brennt

Ortsamtsleiter Jörn Hermening (von links) und die Studierenden Mara Schidzig, Julia Wagenleitner, Solange Chonbong, Anna Völker, Jannis W. und Beke Ernst diskutieren.

PETRA STUBBE

Studierende der Hochschule Bremen haben in den vergangenen Wochen in Hemelingen sprichwörtlich die Klinken geputzt. Sie sind im Gebiet rund um das Coca-Cola/Könecke-Gelände von Haustür zu Haustür gegangen und haben Anwohner zu ihrem Stadtteil befragt. Die Ergebnisse haben sie nun im Ausschuss für Stadtteilentwicklung vorgestellt – und damit gleich rege Diskussionen ausgelöst.

Offenbar brennen den Hemelingern gleich mehrere Punkte besonders unter den Nägeln: der marode Zustand der Infrastruktur, die Parkplatzsituation und das Thema Sauberkeit. Das sind soweit erwartbare Ergebnisse, aber es gab auch noch weitere Stimmen. Demnach gebe das Image des Stadtteils wenig her, es herrsche wenig Leben auf den Straßen und es mangele in Sachen Kommunikation zwischen Bevölkerung und Ortspolitik. Weitere Antwort der Befragten: Der Stadtteil bilde keine Einheit. In Hastedt werde nicht wahrgenommen, dass der Ortsteil ein Teil Hemelingens sei.

Gerhard Scherer (CDU) wollte den Punkt der mangelnden Bürgernähe so nicht stehen lassen: „Ich finde es nicht okay, wenn sich Bürger beschweren und dann nicht in die Sitzungen kommen.“ Die Menschen seien immer eingeladen, zu den Sitzungen des Beirats und der Ausschüsse zu kommen. Er sei aber auch bereit, die Bewohner zu Hause zu besuchen. „Wenn Bürger ein Problem haben, dann sollten sie damit zum Ortsamt kommen, und dann werden wir uns darum kümmern und auch berichten, was daraus geworden ist“, so Scherer weiter. Der Beirat sei für die Menschen in Stadtteil da. „Wir versuchen, den Bürgern so nahe wie möglich zu kommen, sodass sie zufrieden sind.“

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Ortsamtsleiter Jörn Hermening, der als Lehrbeauftragter der Hochschule Bremen die Arbeit der Studierenden betreute, sagte mit Blick auf den langen Atem, den man bei manchen politischen Vorhaben mitbringen muss: „Wenn es etwas länger dauert, dann liegt es nicht immer an der Politik.“ Er verwies auf das Coca-Cola/Könecke-Gelände. „Das ist in Privatbesitz, da kann die Stadt nicht viel machen.“ Vielleicht, so Jörn Hermening, müsse so etwas aber besser kommuniziert werden.

Eine Frau im Publikum appellierte an die Eigenmotivation. „Die Leute beschweren sich, aber selbst haben sie nichts zur Lösung beizutragen. Man muss auch mal vor die Tür gehen, wenn man etwas bewirken will.“

Die Studierenden konnten bei ihrer Umfrage, die eine qualitative Befragung und keine statistische Erhebung war, allerdings nicht nur negative Stimmen einfangen. So sei die gute Lage des Stadtteils hervorgehoben worden, die Einkaufsmöglichkeiten seien gut und die Mietpreise niedrig. Gelobt worden sei außerdem die Vielfalt des Stadtteils.

Eine Mieterin aus der Hastedter Heerstraße, die befragt wurde und den Weg zur Ausschusssitzung gefunden hatte, meinte: „Wir wohnen seit 53 Jahren in dem Block und bis jetzt war alles wunderbar.“ Nun stehe mit dem Neubau des Zeppelintunnels eine große Baustelle direkt vor der Haustür bevor. „Aber meckern nützt uns ja nichts“, sagte sie. Es gebe in Hemelingen nun mal viel zu tun. „Aber es geht ja auch nicht alles auf einmal.“

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Die Studierenden lenkten den Blick der Befragten aber nicht nur auf Vergangenheit und Ist-Zustand, sondern auch auf die Zukunft, zu den Wünschen und Erwartungen, insbesondere bei der künftigen Gestaltung des Coca-Cola/Könecke-Geländes. Kleinere Läden, Einzelhandel, Grünanlagen, bessere und mehr Fahrradwege, bessere Informationen über Baumaßnahmen gaben die interviewten Bewohner als Wünsche an. Daneben solle das Image des Stadtteils verbessert und das Zusammenleben von Familien gefördert ­werden.

Besonders hervorgehoben wurde der Zustand der Föhrenstraße. Einst ein Vorzeigeprojekt mit einer in der Mitte verlaufenden Entwässerung und einer einheitlichen Pflasterung. Die besten Zeiten hat die Straße allerdings hinter sich: Das Pflaster wird an einigen Stellen nach oben gedrückt, Gullys sind kaputt. Bisher tat sich die Stadt mit einer grundsätzlichen Sanierung schwer. Noch wird nur das Nötigste repariert. Nach dem Willen von Gerhard Scherer soll sich das möglichst schnell ändern. „Ich möchte, dass wir uns in einer Sitzung damit befassen, wie wir die Straße wieder aufwerten können.“ Sie müsse wieder attraktiv gemacht werden.

Scherer würde außerdem gerne einen Wochenmarkt auf dem Hemelinger Marktplatz an der Hemelinger Bahnhofstraße sehen. Alle bisherigen Versuche, einen Wochenmarkt in Hemelingen zu etablieren, sind allerdings gescheitert. Es fehlte bisher schlicht an der Nachfrage.

Gisela Fröhlich, ehemaliges Mitglied der Bremischen Bürgerschaft, sieht in der Bebauung des Areals Coca-Cola/Könecke-Gelände mit Wohnungen eine Notwendigkeit für die umliegenden Straßen. „Wenn nicht bald neue Wohnungen dort entstehen, dann ziehen auch die letzten Läden weg“, befürchtet sie.

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