In Kaufhaus aufgetaucht

Ärger um rechtslastige Zeitschriften in Horn

Der Verein “Erinnern für die Zukunft“ will rechtsextremistische Zeitschriften im Sortiment von Lestra nicht hinnehmen. Das Kaufhaus zeigt sich einsichtig, verweist aber auf den Großhändler.
14.03.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ärger um rechtslastige Zeitschriften in Horn
Von Frank Hethey

Seinen Augen mochte ein Mitglied des Vereins Erinnern für die Zukunft kaum trauen beim Bummel durch das Kaufhaus Lestra in Horn. Lagen im Zeitschriftensortiment doch zwei Publikationen aus, die historische Themen auf denkbar fragwürdige Weise behandeln: die Zeitschrift „Schwerterträger“ und eine Ausgabe des Magazins „Compact Geschichte“ mit dem Titel „Verbrechen an Deutschen. Vertreibung, Bombenterror, Massenvergewaltigungen“. Für den Leiter des Denkorts Bunker Valentin, Marcus Meyer, zugleich Vorstandsmitglied bei Erinnern für die Zukunft, transportieren beide Zeitschriften ein „rechtsextremes, revisionistisches Geschichtsbild“. Das Urteil des Historikers: „Ursache und Wirkung spielen hier keine Rolle, Verhältnismäßigkeiten auch nicht.“

Lestra indessen will nicht als Sprachrohr der Ewiggestrigen dastehen. Bei seinem Zeitschriftenangebot handele es sich um ein Bahnhofssortiment, einzelne Titel könne man gar nicht bestellen, vielmehr bekomme man etwa 1000 Titel von einem Grossisten geliefert, also einem Großhändler. Die Frage ist allerdings, ob damit auch eine Verpflichtung einhergeht, dubiose Zeitschriften zum Kauf anzubieten. Wirft man einen Blick in die Lieferungs- und Zahlungsbedingungen des Grossisten Presseservice Nord scheint es fast so. Heißt es dort doch: „Der Kunde erklärt sich bereit, ständig im Rahmen seiner Möglichkeiten das volle Sortiment zu führen.“

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Doch anscheinend wird diese Vorgabe auch schon mal unterlaufen, ohne dass es irgendwelche Sanktionen gibt. „Was wir bedenklich finden, kommt nicht in unsere Auslage“, sagt ein Händler aus der Innenstadt, der namentlich nicht genannt werden möchte. „Das geben wir einfach wieder zurück.“ Notfalls könne man auch Platznot ins Feld führen, schließlich sprenge das gewöhnlich gelieferte Zeitschriftenangebot bei weitem die Kapazitäten der Auslage.

Das Tückische: Rechtslastige Geschichtsmagazine sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Schon gar nicht in der Zeitschriftenflut, die derzeit den Markt überschwemmt. Unzählige Spezialhefte befassen sich mit Militärgeschichte, ohne dass ihnen zwangsläufig rechtes Gedankengut anhaftet. Für weniger geschichtskundige Mitarbeiter ist es Meyer zufolge deshalb mitunter schwer, unter der Vielzahl von Geschichtsheften eine angemessene Auswahl zu treffen.

Zeitschriften geben sich einen seriösen Anstrich

Das betrifft besonders die Hochglanz-Magazine von „Compact“, die laut Meyer die Verkaufsstrategie renommierter Verlage kopieren – durch Zusatzangebote im historischen Feld. „Da prangt eben nicht das Hakenkreuz fett auf dem Cover. Diese Zeitschriften geben sich einen seriösen Anstrich, damit verbreiten sich rechte Narrative.“ Das sieht der Verfassungsschutz genauso: Am Donnerstag haben die Staatsschützer „Compact“ auf die Liste rechtsextremistischer Verdachtsfälle gesetzt. Grund: Das AfD-nahe Magazin verbreite Verschwörungstheorien und rassistisches Gedankengut.

Mehr Fingerspitzengefühl im Umgang mit rechtslastigen Zeitschriften will jetzt auch Lestra walten lassen. Die angemahnten Titel seien inzwischen retourniert worden, teilt Meyer mit. Die Geschäftsführung habe das Personal gebeten, „darauf zu achten, dass diese Titel aussortiert werden und somit nicht mehr in die Auslage gelangen“. Mehr noch, Lestra ersucht Erinnern für die Zukunft sogar ausdrücklich, auch künftig die Augen offen zu halten und sich sofort zu melden, sollten ähnliche Titel in der Auslage auftauchen.

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Tatsächlich sieht Meyer mit großer Sorge, dass rechtsextremistisches Gedankengut zunehmend salonfähig wird. „Die Dinge verändern sich gerade“, sagt er. Immer stärker sei zu beobachten, wie rechte Publizistik öffentliche Räume sprachlich und narrativ besetzt. Die Propagandaoffensive rechtslastiger Zeitschriften hat nicht zuletzt dort konkrete Auswirkungen, wo an NS-Verbrechen erinnert wird. „Ständig wird man mit Falschaussagen konfrontiert, etliche Besucher schöpfen ihr zweifelhaftes Spezialwissen aus Zeitschriften wie ,Compact'.“ Häufig seien Mitarbeiter mit der Situation überfordert, man könne kaum noch mit Fortbildungen dagegen halten. Hassmails täten ein Übriges. „In Gedenkstätten macht sich zunehmend ein Gefühl der Bedrohtheit breit“, so Meyer.

Um der ungehinderten Verbreitung rechtsextremistischer Vorstellungen die Stirn zu bieten, sieht Meyer die Großhändler in der Pflicht. „Die sind jetzt gefordert, bei ihren Titeln eine Auswahl zu treffen.“ Doch dem Presseservice Nord, der etwa 5,2 Millionen Einwohner in seinem 30.000 Quadratkilometer großen Vertriebsgebiet versorgt, sind nach eigener Darstellung die Hände gebunden. „Wenn Zeitschriften nicht auf dem Index stehen, müssen wir sie ausliefern“, sagt Vertriebsleiter Jens Spallek. Dazu sei man verpflichtet nach Artikel 5 des Grundgesetzes, der die Meinungsfreiheit regelt. Sobald eine Zeitschrift als jugendgefährdend, links- oder rechtsextremistisch indiziert werde, verschwinde sie auch sofort aus dem Reigen der lieferbaren Titel.

Gut 800 Stellen einen Antrag einreichen

Die Indizierung einer Zeitschrift fällt in den Aufgabenbereich der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Die Bundesprüfstelle wird aber nur auf Antrag oder Anregung tätig. Insgesamt können gut 800 Stellen einen Antrag einreichen, darunter sämtliche Jugendämter. Daneben haben alle Behörden und die anerkannten Träger der freien Jugendhilfe das Recht, eine Indizierung anzuregen. Privatpersonen müssen den Umweg über Polizei oder Jugendämter einschlagen.

Gerade bei Zeitschriften, die den Nationalsozialismus verherrlichen, stehen die Chancen auf eine Indizierung gar nicht einmal schlecht. Wenn die NS-Ideologie aufgewertet oder verharmlost wird, geht die Bundesprüfstelle sogar über die gesetzlich verankerten Tatbestände zum Jugendschutz hinaus.

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