Unisee

Aufstehen, laufen, glücklich sein

Seit fast einem halben Jahr treffen sich Lauffreudige in Bremen zum Parkrun und zeigen sich durchaus wetterfest.
14.11.2019, 17:13
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten
Aufstehen, laufen, glücklich sein

Registriert und abgespeichert – die Helfer Uli und Julika Wischnath beim Datenabgleich.

Parkrun Bremen

Es war einer dieser Tage, an dem man sich nach dem Blick aus dem Fenster noch einmal die Bettdecke über den Kopf ziehen möchte. Doch manche Leute haben sonnabendmorgens einen festen Termin, auch bei schlechtem Wetter. Seit Anfang Juni treffen sie sich um Punkt 9 Uhr im Stadtwald und laufen dann um den See. Manche sind schnell, andere langsamer – das ist beim „Unisee Park-
run“ ganz egal. Wer einmal damit anfängt, will gar nicht mehr aufhören.

Das kann Heather bestätigen, die Haare feucht vom Nieselregen: „Ich hätte vorher auch nie gedacht, dass ich mal in einer Laufgruppe lande.“ Ihre See-Runden absolviere sie „in einer Mischung aus Walken und Joggen“, erzählt die 50-jährige gebürtige Schottin. „Ich bin eine hoffnungslose Läuferin.“ Dennoch radelt sie seit fast einem halben Jahr konsequent aus dem Fesenfeld an den See: „Die Leute sind so freundlich, und die Atmosphäre so nett – irgendwie wird man danach ein bisschen süchtig.“

Zurzeit kommen regelmäßig 30 bis 50 Personen im Alter zwischen vier Jahren und „80 Plus“ beim kostenlosen Lauf zusammen, erzählt Bastian Fraune. Die Schnellsten brauchen für die Fünf-Kilometer-Tour nicht viel mehr als eine Viertelstunde, man kann sich aber auch mehr als eine Stunde Zeit lassen. „Hier läuft niemand alleine. Für die Letzten gibt es immer eine Schlussbegleitung“, erklärt der Bremer Informatiker. Über Leute wie Heather freuen sich die Organisatoren am meisten, sagt er – Menschen, die sich immer für unsportlich hielten. Sie können sich hier von der Gemeinschaft mitziehen lassen, und erfahren, wie gut es tut, sich an der frischen Luft zu bewegen. Klar, man könnte auch alleine Joggen, sagt Andreas Möller, der schon fast sein ganzes Leben lang läuft. „Aber zusammen ist es besser. Hier geht es vor allem darum, sich gegenseitig zu unterstützen“, so der Schwachhauser. „Was so schön dabei ist: Man strengt sich an, wie man will, und läuft einfach so, wie man kann“, erklärt die 14-jährige Julika. Und wenn man es mal nicht kann, wie ihre Mutter Kathrin („das Knie“), dann reiht man sich bei der Gruppe der ehrenamtlichen Helfern ein, die am Rand der Strecke Posten beziehen.

Sechs Millionen Parkrunner weltweit

Die Bremer haben den Parkrun nicht erfunden. Die weltweite Bewegung startete am 2. Oktober 2004 um Punkt 8.45 Uhr in einem Londoner Park. Die ersten 13 Teilnehmer waren Freunde und Bekannte von Peter Paul Sinton-Hewitt, der damals noch keine Ahnung davon haben konnte, was er mit seiner Idee auslösen würde: Heute gibt es sechs Millionen Parkrunner an 1000 Orten auf der Welt. Die ersten deutschen Parkruns wurden vor zwei Jahren in Hannover, Mannheim und Leipzig organisiert. Aktuell zählt die deutsche Parkrun-Website 26 Standorte mit rund 17 000 Aktiven – Tendenz steigend. Der Londoner Marketingspezialist und Amateursportler Sinton-Hewitt, damals Mitte 40, hatte gerade seinen Job verloren, laborierte an einer Sportverletzung und an Depressionen. Die Idee, einen Lauftreff für andere zu veranstalten, war seine Therapie gegen Einsamkeit und Isolation. Für sein gemeinnütziges Engagement wurde Sinton-Hewitt 2014 mit einem Orden der Queen geehrt. Bastian Fraune hatte der Parkrun-Virus während des Studiums in Südengland erwischt. „Für mich wurde dieser Termin zum Dreh- und Angelpunkt, um Leute kennen zu lernen.“ Anfang des vergangenen Jahres tat er sich mit Kathrin und Uli Wischnath zusammen, Parkrun-Fans seit ihrem Auslandsaufenthalt in Südafrika. „Ich schaute an einem der ersten Tage aus dem Fenster und da liefen Hunderte von Menschen am Strand“, erzählt die Gröpelingerin. Obwohl Laufen vorher überhaupt nicht ihr Ding gewesen sei, habe sie sich angeschlossen. „Es war so einfach: Rausgehen, Sauerstoff tanken, happy sein.“ Gerade hat sie ihren 50. Parkrun hinter sich. Der wöchentliche Lauf sei so sehr Teil ihres Lebens, dass sie auch bei Reisen in andere Städte nicht darauf verzichten mag. „Auch zu uns kommen immer wieder Touristen aus anderen Ländern. Manche fahren sogar gezielt nach Bremen, weil sie wissen, dass es hier einen Parkrun gibt“, sagt Fraune.

Um Bewegung n der Gemeinschaft gehe es, nicht um Wettkampf und Leistungsdruck, sagt Fraune. Zwar werden die Einlaufzeiten der registrierten Läufer gemessen, doch von Rundenrekorden lässt sich hier niemand beeindrucken. „Die Teilnehmer bekommen auf Wunsch eine E-Mail mit ihrer eigenen Zeit. Das dient vor allem der Eigenmotivation: Hier wird eigentlich jeder von Woche zu Woche besser.“ Das frühe Aufstehen am Wochenende koste zwar immer noch Überwindung. „Aber hinterher stolz am Frühstückstisch zu sitzen, weil man schon richtig was geschafft hat: Dieses Gefühl ist die beste Belohnung“, sagt Fraune.

Weitere Informationen

Die Bremer Parkrun-Community trifft sich jeden Sonnabend um 9 Uhr auf einer Wiese am Unisee, Höhe Haus am Walde. Für den genauen Standort „Unisee Parkrun“ bei Google Maps eingeben. Kontakt zu den Organisatoren gibt es über die Facebook-Seite „Unisee Parkrun, Bremen“. Mehr Informationen gibt es im Internet unter ­www.­parkrun.com.de.

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