Talkabend im Universum

Die Eltern als Smombies

Junge Menschen verschaffen sich zunehmend Gehör. Nicht nur als Kritiker der globalen Klimapolitik, sondern auch mit Blick auf exzessive elterliche Handynutzung.
03.04.2019, 05:27
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Die Eltern als Smombies

Emil Rustige

Daniela Buchholz

Junge Menschen machen in letzter Zeit viel von sich reden: Die weltweite Schülerbewegung „Fridays for Future“ lässt Jugendliche für den Klimaschutz protestieren. Doch Emil Rustige war gerade mal sieben Jahre alt, als er seine erste Demo organisierte – vom permanenten Handygebrauch seiner Eltern genervt, forderte er zu einem Protestmarsch in Hamburg gegen exzessive Smartphone-Nutzung auf.

Auf dem Talkabend im Universum erhielten diesmal auch junge Gäste eine Stimme: Ausdrucksvoller und wohlklingender Gesang mit Keyboard und Gitarre von den Geschwistern Emilia und Rickhard Mattukat, die als Duo „Polaroids“ für die musikalische Umrahmung sorgten. Und die 27-jährige Neele Buchholz kam zu Wort, die sich trotz ihrer Behinderung durch das Down-Syndrom ihren Traum vom Tanzen erfüllen konnte, sowie das 18 Jahre alte Pflegekind von Susanne Blüthgen, die sich im Verein „Pflegekinder in Bremen“ engagiert.

Poetry-Slammerin in Aktion

Vor den Gesprächen mit den Gästen, einfühlsam moderiert von Nicole Kahrs, beschwört die Poetry-Slammerin Janina Mau in einem ausdrucksvollen Poem die Bedeutung der vielen Anderen, die ihr eigenes Ich erst groß gemacht haben: „vom Unicum zum Allgemeinicum“ – eine poetische Umarmung, eine wortakrobatische und gedankenreiche Hommage an alle Menschen, denen ein Ich bedeutende Erfahrungen und Erlebnisse verdankt.

Der Demo-Organisator Emil Rustige ist heute acht Jahre alt. Er regte sich über die „Smombies“ auf, jene Menschen, die durch ihren Dauerblick aufs Smartphone ihre Umgebung kaum noch wahrnehmen und wie wandelnde Leichen Busse, Bahnen und Bürgersteige bevölkern. Emil musste die bildschirmfixierte Apathie am eigenen Leib erfahren. „Statt mit mir zu spielen, spielten meine Eltern lieber mit ihrem Handy“, sagt er, stellte eine Demonstration gegen exzessiven Smartphone-Gebrauch auf die Beine. „Und die Polizei war von der Idee sofort begeistert“, sagt seine Mutter, die Emils Demo offiziell angemeldet hat.

Im September 2018 liefen etwa 70 Menschen mit Transparenten durch die Hamburger Schanze: „Wir sind laut, weil ihr nur aufs Handy schaut!“ Und die Resonanz in den Medien war gewaltig, sie reichte von Spiegel online bis in die New York Times, die über die Demo berichteten.

„Und war es nach der Demo mit den Eltern besser? Haben sie ihr Handy weniger häufig benutzt?“, fragt Moderatorin Nicole Kahrs. „Eine Zeit lang ja“, erwidert Emil trocken, doch seine Eltern versichern, dass danach ihr Handy immer öfter in der Tasche blieb und sie sich mehr Zeit nehmen würden, mit Emil zu spielen.

Langweiliges Kabelschneiden

Als geistig Behinderte mit Down-Syndrom sollte Neele Buchholz eigentlich den üblichen Ausbildungsweg in einer Behindertenwerkstätte gehen. „Kabel schneiden und so was – für mich war das zu langweilig“, sagt sie. Schon im Alter von zwei Jahren begann sie zu tanzen, entwickelte ihr Talent im Zirkus Larifari weiter und perfektionierte das Tanzen so weit, dass sie heute bei „tanzbar_Bremen“ sogar pädagogische Aufgaben übernimmt. Lars Gerhardt, ihr Patchwork-Papa, hat sie in ihrem Weg unterstützt und sie auf eine Bahn fern der Behindertenwerkstätten gelenkt. „Warum muss eine junge Frau Dinge tun, die sie nicht möchte?“, fragt er. Doch Neele, die auch Tanzprojekte in Schulen macht und sogar in einem Film mitgespielt hat, will noch mehr. Sie arbeitet derzeit an einem innovativen Projekt: einer inklusiven Wohngemeinschaft – einer Form, die es bisher in Bremen nicht gibt. Mit ihrem Engagement ist Neele Hoffnungsträgerin für viele behinderte Menschen und zeigt, wie man mit Unterstützung des Umfelds zu seinem Glück finden kann.

„Du kämpfst gegen etwas an, doch du kannst es nicht verändern“, resümiert Susanne Blüthgen ihre Zeit als Lehrerin, die immerhin 25 Jahre andauerte. Die Menge der Aufgaben und der Schüler überforderten sie, bis das Burn-out-Syndrom ihr ein Weiter so unmöglich machten. Frühzeitig durfte sie ihren Schuldienst quittieren. „Das war ein ganz großes Geschenk“, sagt Susanne Blüthgen.

Doch um nach dem Berufsleben nicht in ein großes Loch zu fallen, fragte sie beim Jugendamt nach, ob sie nicht ein Kind in Pflege nehmen könne. „Wir haben das fünf Wochen alte Baby direkt aus dem Krankenhaus aufgenommen“, sagt sie, „die Mutter war drogenabhängig und konnte sich nicht um das Kind kümmern.“ Über mehrere Monate blieb offen, ob das Kind bei ihnen bleiben könne, und mit dem Einverständnis der Mutter pflegt Susanne Blüthgen das Kind bis heute – das inzwischen 18 Jahre alt ist. Ihre Erfahrungen gibt sie bei „Pflegekinder in Bremen“ (PiB) weiter, einem Verein, der berät, qualifiziert und Menschen begleitet, die länger oder kurze Zeit Kinder aufnehmen.

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