Alpengarten in Bremen

Ein Hauch von Hochgebirge

Die Alpen sind schon in Bremen. Der Deutsche Alpenverein hat am Unterwegs-DAV-Kletterzentrum ein Alpinum mit Pflanzen aus dem Gebirge angelegt.
28.06.2019, 18:08
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Ein Hauch von Hochgebirge

Kletterzentrumsbetriebsleiter Jonas Loss und Johanna Mahlow, die ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr im Kletterzentrum macht.

PETRA STUBBE

Hochgebirgspflanzen in Norddeutschland? In der Tat. Solche Pflanzen, die in den Alpen noch oberhalb der Baumgrenze gedeihen, haben ihre Wurzeln nun auch in Bremer Boden gesenkt. Mit einem Alpinum hat der Deutsche Alpenverein am Unterwegs-DAV-Kletterzentrum Alpen-Edelweiß, Alpen-Aster oder Zwerg-Glockenblume ins Flachland geholt. Sie wachsen auf einem länglichen, künstlich errichteten Felsmassiv auf kargem Schotterboden oder zwischen Steinspalten.

Der Deutsche Alpenverein (DAV) ist mit mehr als 5000 Mitgliedern in Bremen ein Verein von erheblicher Stärke und mit fast 1,3 Millionen Mitgliedern in Deutschland auch einer der größten Umweltschutzverbände im Land. Er betreibt in den Alpen mehr als 300 Berg- und Schutzhütten. Seit Dezember 2017 kann man nördlich der Bremer Uni klettern: Der DAV hat dort in der Robert-Hooke-Straße das Unterwegs-DAV-Kletterzentrum etabliert, in dem Kinder ab acht Jahren bis hin zu Erwachsenen im hohen Alter klettern können. „Wir unterscheiden beim Klettern mit dem Seil die Variante, bei der das Seil oben hängt, von der, bei der das Seil von unten mitgenommen wird“, sagt Jonas Loss, Betriebsleiter des Kletterzentrums. Dort kann man auch bouldern, also auch ohne Seil klettern in Höhen von bis zu viereinhalb Metern. „Oder beim Speedklettern, bei dem es aufs Tempo ankommt“, sagt Loss. „Für Kinder ab acht Jahren stellen wir im Kletterzentrum das passende Equipment bereit“, sagt er. „Doch jeder, der klettern will, muss vorher einen Kurs absolviert haben, den man bei uns belegen kann.“ Das Kletterzentrum profitiere von einem Boom, der beim Klettersport derzeit herrsche. „Die Begeisterung fürs Klettern wächst kontinuierlich“, sagt der Betriebsleiter. „Wer oben an der Wand hängt, denkt nicht an das Versenden von E-Mails.“

Weil Klettern nicht nur die Muskeln und die Bewegungsfähigkeit, sondern auch Konzentration und Vertrauensbildung fördert, kooperiert das Kletterzentrum zum Beispiel auch mit einer Krankenkasse, die Versicherten im Kletterzentrum eine Vergünstigung gewährt.

Vor wenigen Minuten ist ein Bus mit einer Schulklasse angereist. Wenig später erklimmen Schüler eine 14 Meter hohe Außenwand, und wenige Meter weiter versuchen zwei ältere Herren, selbst eine überhängende Wand zu meistern.

Der Deutsche Alpenverein hat sich das Prinzip Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben und möchte aktiv etwas gegen Umweltzerstörung und Klimawandel tun. Schließlich führen in den Alpen zunehmende Nutzungsansprüche zu einer Überlastung der Ökosysteme – von Skitourismus bis zu Blumen pflückenden Wanderern. Und die globale Erwärmung zeigt sich nicht nur am immer schneller fortschreitenden Abschmelzen der Gletscher. „Durch die höheren Durchschnittstemperaturen können viele Pflanzenarten sich in den Alpen in höhere Lagen ausbreiten“, sagt Johanna Mahlow, die im Kletterzentrum ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) absolviert. „Doch nicht alle Arten sind dazu in der Lage – sie stehen unter extremem Konkurrenzdruck. Etwa 20 Prozent der Alpenflora ist durch den Klimawandel bedroht“, sagt sie, die auf die Idee kam, einen Hauch Hochgebirgsflora nach Bremen zu holen.

Mit einem neuen Alpengarten soll die Flora des Hochgebirges für alle Besucher erfahrbar werden. „Indem wir zeigen, wie man sich beim Urlaub in den Alpen nachhaltig verhält, können wir einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Pflanzenwelt leisten“, sagt Johanna Mahlow. Denn die Alpen sind ein Reservoir der biologischen Vielfalt in Europa, da viele Tier- und Pflanzenarten ausschließlich in dieser Region vorkommen.

„Etwa 2500 Pflanzenarten leben in den Alpen, von denen 200 bis 400 als echte Gebirgspflanzen gelten. Diese sind an die extremen Bedingungen angepasst“, sagt Johanna Mahlow, „sie müssen oberhalb der Baumgrenze zum Beispiel intensive Sonneneinstrahlung und Temperaturunterschiede bis zu 50 Grad an einem Tag ertragen.“ Als Beispiel nennt sie das Alpen-Edelweiß, das in mehreren Exemplaren auch im neuen Steingarten des Kletterzentrums blüht. „Die filzige Behaarung der Pflanze reflektiert das Sonnenlicht, schützt vor Verdunstung und zieht zugleich Insekten an. Doch wegen seiner außergewöhnlichen Blüte ist das Edelweiß vor allem durch Wanderer bedroht, die die Blumen pflücken oder ausgraben, obwohl es streng verboten ist. Das Alpen-Edelweiß ist ebenso wie alle Orchideen- und Enzianarten der Alpen streng geschützt“, weiß die FÖJlerin.

In Kooperation mit der regionalen Netzstelle Nachhaltigkeitsstrategien und dem Träger Sozialer Friedensdienst entstand auf Initiative von Johanna Mahlow der Alpengarten. „In diesem Frühjahr wurde unter Einsatz zahlreicher Schüler der vorhandene Grashügel kahl gemacht“, sagt sie, „anschließend wurden 5,4 Tonnen große Steine und etwa zwei Tonnen kleinerer Gabionensteine herangebracht, um eine kleine Felslandschaft zu simulieren. Die Pflanzen wurden aus einer speziellen Alpenpflanzengärtnerei bestellt.“

Betriebsleiter Jonas Loss zeigt dorthin, wo bei einem Alpengipfel ein Gipfelkreuz wäre. Auf der höchsten Stelle des neuen Alpengartens, das jedoch gar kein Kreuz, sondern eine Kugelbake ist: „Dieses maritime Symbol passt weit besser zu Bremen, und das Kreuz als religiöses Zeichen ist heutzutage durchaus umstritten.“

Bei vielen Hochgebirgspflanzen des neuen Alpinums steht die Blüte im Hochsommer noch bevor. Und der derzeitige Pflanzenbestand ist keineswegs schon das Ende vom Lied: „Der ganze Hang soll zukünftig mit weiteren Alpenblumen wie zum Beispiel Enzian bestückt werden“, sagt Johanna Mahlow.

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