Theatersaal Bremen

Ein vielversprechender Ansatz

Was darf Wissenschaft? Friedrich Dürrenmatt wirft die Frage in seinem "Die Physiker" auf. Eine Inszenierung, an der Universität Bremen aktualisiert nun den Stoff. Ein Besuch bei den frühen Proben.
17.06.2018, 18:47
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Martin Ulrich
Ein vielversprechender Ansatz

Ein Szenenbild aus der Probe zu "Die Physiker". Oft wird bei der Spielweise überzeichnet.

fotos: PETRA STUBBE

Friedrich Dürrenmatt hat das Stück 1961 geschrieben. Der kalte Krieg versetzte damals die ganze Welt in Angst und Schrecken. Die Zeitungen brachten die Werte des täglichen radioaktiven Fallouts der oberirdischen Atomwaffenversuche auf den Titelseiten. Und es waren Wissenschaftler, die diese ungeheuerliche Vernichtungskraft der Kernwaffen ermöglichten.

Die Frage, die Dürrenmatt stellt, lautet: Inwiefern hat die Wissenschaft eine Verantwortung für ihr Tun? Im Untertitel des Dramas schrieb Dürrenmatt „Komödie in zwei Akten.“ Manche ordnen das Stück, das seinerzeit zum meistgespielten Stück auf deutschsprachigen Bühnen avancierte, als Groteske oder Tragikomödie ein. Friedrich Dürrenmatt war der Überzeugung, wie sehr auch der Zufall den Beginn einer Geschichte schreibt, im Drama müsse sie immer die schlimmstmögliche Wendung nehmen.

Klassischer Stoff, aktueller Bezug

Franz Eggstein und Roland Klahr, die für die Regie verantwortlich zeichnen, halten die Physiker nach wie vor für hochaktuell. Zu der wachsenden Bedrohung durch Kernwaffen kommt aus ihrer Sicht noch die Bedrohung durch geschäftstüchtige Meinungskonzerne wie Facebook oder Google hinzu.

Die Geschichte: Es geht um drei Physiker, die sich als Geisteskranke ausgeben. Einer behauptet, Albert Einstein zu sein, der zweite hält sich angeblich für Isaac Newton. Der dritte, Johann Wilhelm Möbius, hat die so genannte Weltformel entdeckt, die in den falschen Händen zur Vernichtung der gesamten Menschheit führen könnte. Mit seiner Behauptung, ihm erscheine König Salomo, will er sich selbst unglaubwürdig machen und so dem Missbrauch seiner revolutionären Entdeckung vorbeugen. Newton und Einstein hingegen sind in Wahrheit Agenten rivalisierender Geheimdienste und haben sich nur ins Irrenhaus einweisen lassen, um an Möbius’ Erkenntnisse zu gelangen und diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Die drei Physiker ermorden ihre Krankenschwestern, weil sie um ihre Geheimnisse fürchten. Als die Polizei mit ihren Ermittlungen der Todesfälle eintrifft, vernichtet Möbius seine Formel. Es gelingt ihm, auch seine beiden Kollegen davon zu überzeugen, ihr gefährliches Wissen zu verschweigen, damit die Welt vor dem Untergang bewahrt werde. Doch der Pakt der Physiker kommt zu spät. Mathilde von Zahnd, die missgestaltete Besitzerin und Chefärztin des Irrenhauses, hat bereits Möbius’ sämtliche Aufzeichnungen kopiert. Als die einzig wirklich Verrückte glaubt sie tatsächlich, im Auftrag König Salomos zu handeln, und will mit der Formel die Weltherrschaft erringen. Die Physiker aber, durch die von ihr eingefädelten Morde öffentlich als Verrückte gebrandmarkt, bleiben im Irrenhaus eingesperrt und haben keine Möglichkeit mehr, von Zahnds Pläne zu verhindern. Dürrenmatts Geschichte lappt also ins Absurde.

Die Spielstätte des Theaters InCognito ist der Theatersaal der Universität, ein angenehmes, kleines Theater, das auch leise Töne zulassen würde. Doch während eines Probenbesuches schien es, als würden die Regisseure das Stück als Klamotte inszenieren. In der während der Probe noch langen Eröffnungsszene poltert ein uniformierter Polizist so derb über die Bühne, wie man es ihm nicht einmal im bayerischen Bauertheater gestatten würde.

Interessante Bilder

Lennart Kötschau als Möbius spielt sich die Seele aus dem Leib, aber wie praktisch alle Schauspieler des Stückes überzeichnet er seine Rolle sehr stark. Im Theaterjargon spricht man vom „chargieren“- und das ist selten freundlich gemeint. Andererseits gelingen der Truppe durchaus interessante Bilder und harmonische Szenen, die das Potential des Stückes und der Schauspieltruppe erkennen lassen. Abdoulaye Diene zum ­Beispiel spielt einen Missionar, der auf ­faszinierende Weise fanatisch daherkommt. Er ist eine beeindruckende Erscheinung und er schafft es, den Psalm 23 so vorzutragen, dass der Wahnsinn daraus hervorkichert.

Überzeichnung ist nicht grundsätzlich schlecht. Allerdings haben die Regisseure noch einiges zu tun, lies sich bei der Probe feststellen. Es wurde ebenso ­deutlich, dass viele der Probleme bereits klar erkannt wurden. Wenn sie es schaffen, sie bis zur Premiere auszuräumen, steht einem gelungenen Theaterabend nichts im Wege.

Info

Zur Sache

Schauspielerinnen und Schauspieler des Stücks sind Lennart Kötschau, als Möbius, Anouk Lou Falkenstein als Newton, Gian- Luca Kemper spielt Einstein. Vivian Prinz und Larissa Kroll treten als Fräulein von Zahnd auf, Simon Kannengießer als Inspektor, Maha Vollmer spielt Frau Rose, Abdoulaye Diene spielt den Missionar Rose, Lola Wolff spielt Monika und Blocher, Leoni Knüver spielt Marta Boll, Marlene Kropp eine Irre, Anna Dohnalek eine Irre, Denis Karabanov einen Irren. Die Regie führen Franz Eggstein und Roland Klahr.

Weitere Informationen

„Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt im Theatersaal der Universität, Bibliothekstr. 1, 28359 Bremen. Die Premiere ist für den 19. Juni angesetzt und findet auf der Bühne des Theatersaals der Universität Bremen statt. Dieser liegt auf dem Weg von der Haltestelle "Zentralbereich" der Linien 6, 21, 22 28 und 31 zur Mensa. Vier weitere Aufführungen sind für den 20., 21., 29. und 30. Juni geplant. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 20 Uhr. Karten kosten 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Angemeldete Schülergruppen zahlen 4 Euro pro Person.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+