Physik zum Advent

Phänomenale Vorlesung

Wenn es laut knallt und dann Leute klatschen ist vielleicht ein Physiker am Werk, zumindest wenn es Zeit ist für die traditionelle Adventsvorlesung.
21.12.2018, 10:38
Lesedauer: 3 Min
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Von EDWIN PLATT
Phänomenale Vorlesung

Justus Notholt (links) und Matthias Buschmann bei einer unterhaltsamen Demonstration physikalischer Kräfte.

PETRA STUBBE

Professor Doktor Justus Notholt beginnt mit Feuer und Licht. In einem Papierkorb zündet er eine Flamme und gibt dem Drehteller unter dem Müllsammler Schwung. Die Flamme, erst breit flackernd, reckt sich in die Höhe. „Das können sie zu Hause ausprobieren“, meint Notholt nicht ganz ernst und erklärt, dass der Sauerstoff durch das Drehen seitlich rar wird. Deshalb streckt sich die Flamme, um oberhalb Sauerstoff zu bekommen. Es ist Vorweihnachtszeit und Zeit für die Vorlesung „Physik zum Advent“ der Universität, eine Reihe, die immer kurz vor Weihnachten Phänomene aus der Mechanik, Akustik, Vakuumphysik und Elektrizitätslehre im Hörsaal eins an der Otto-Hahn-Allee zur Schau stellt.

Der Hörsaal ist fast voll besetzt, nicht wie üblich mit Studenten, sondern heute mit Familien und Kindern. Kinder sind ein sehr dankbares Publikum. Sie geben unmittelbares Feedback, erschrecken sich, freuen sich, klatschen begeistert. Der Eintritt zur „Physik zum Advent“ ist frei. Vor Risiken beim Nachmachen zu Hause wird vielfach gewarnt.

Professor Notholt hat an den Kaffeebecher des Kollegen einen Fader gebunden. Den Faden hält er senkrecht fest, lässt los und der Kollege fängt den Becher auf. Gleich darauf dasselbe, nur das Notholt den Faden waagerecht hält. Der Kollege braucht seinen Becher nicht aufzufangen, denn der Faden wickelt sich beim fallen des Bechers um Notholts Finger. Verblüffend? Nein, Notholt erklärt es physikalisch und meint das einige im Publikum noch Nachhilfe in Physik vertragen könnten, denn es sei doch klar gewesen, das der Becher nicht kaputt gehe.

Eine Abbildung der Erde wird in Rotation gebracht. Ein Ball, der darüber rollen soll, weicht nach rechts ab. Notholt erklärt damit die rechtsdrehenden Luftströme auf der nördlichen und die linksdrehenden Luftströme auf der südlichen Erdhalbkugel.

Mit einem Tesla Transformator kann Notholt demonstrieren, wie sich einen Meter weit entfernte Neonröhren zum Leuchten bringen. Ursache: Der Transformator erzeugt viel höhere Schwingungen als die im Haushalt üblichen 50 Herz bei Strom. „Mal sehen, ob mein Finger auch leuchtet“ sagt Notholt, um das Publikum zu verblüffen. Dieses kann mit ansehen, wie hell leuchtende Blitze auf seinen Finger zusteuern. Die Frequenz sei zwar hoch, aber die Stromstärke schwach, beruhigt Notholt. Er zeigt seinen heilen Finger, der eben noch in Flammen zu stehen schien.

Eine Mitarbeiterin beginnt mit einem vakuumphysikalischen Kabinettstückchen. Sie deckt ein gefülltes Wasserglas mit einem Bierdeckel ab. Sie dreht es um und lässt den Deckel los. „Der Luftdruck ist größer als das Gewicht des Wassers“, kommentiert sie. Sie erläutert, dass eine ein Euro Münze etwa vier Quadratzentimeter groß ist und das 430 ein Euro Münzen etwa gleich viel wiegen wie die Luft, die Kilometer hoch auf der Erde liegt, auf der gleichen Fläche. Vermindert man ebendieses Luftgewicht, wachsen ein Schokokuss und Gummibärchen zu dem vielfachen ihrer normalen Größe an. Dies demonstriert sie in einem Glasgefäß, aus dem Luft abgesaugt wird.

Notholt bringt noch einen Tischtennisball in einer Röhre durch Unterdruck und einen kleinen Piks fast auf Schallgeschwindigkeit und schießt ihn durch die Pappe eines Umzugskartons. Nun lädt er nach mit einer Dose Energydrink. Ab in die Röhre. Auf dem Podium tragen jetzt alle Ohrenschützer. Notholt bittet sein Publikum zusätzlich darum, sich die Ohren zuzuhalten. Er packt die spitze Schere, geht zur Röhre. Ein Piks und es entlädt sich ein mächtiger Knall, ein Schuss, ein Poltern. Der stabile Karton ist kreisrund und glatt durchschlagen. Die Dose fällt, zu einem Klumpen deformiert, von der Wand zum Boden. Eine starke Energie wurde frei, dadurch, dass der Unterdruck in der Röhre im Bruchteil einer Sekunde mit einschießender Luft ausgeglichen wurde. Und auch der Rest der Vorlesung kommt an, fliegen doch noch Ringe von Rauch durch den Hörsaal, und wird doch mit einer in flüssigem Stickstoff gehärteten Banane ein Nagel eingeschlagen.

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