Ulrich Finckh Pimpf, Pfarrer und Pazifist

Als 16-Jähriger wurde Ulrich Finckh 1943 als Flakhelfer eingesetzt. Später half der Horner Pfarrer Kriegsdienstverweigerern mit Rat und Tat. Nun legt der 91-Jährige seine Autobiografie vor.
14.03.2019, 18:02
Lesedauer: 3 Min
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Von Edwin Platt

Es ist still geworden um den 1927 geborenen Ulrich Finckh, der in Horn in einer Senioreneinrichtung wohnt. In den letzten Jahren hat der 91-Jährige seine Geschichte für Kinder und Enkel aufgeschrieben. Der Donat-Verlag erfuhr davon und verlegte das fast 300-seitige Werk des Mannes, der einst als Pimpf für Hitler marschierte, dann Theologie studierte und von Bremen aus als Pazifist im Bundestag und vor den höchsten Gerichten der Republik auf Veränderung drängte.

Am Montag, 18. März, um 19 Uhr lesen Ulrich Finckh und seine Tochter Ute Finckh-Krämer (ehemalige Bundestagsabgeordnete der SPD) beim Sozialen Friedensdienst Deutschland (SFD) am Dammweg 18-20 aus seiner Autobiografie. Über Finckhs Leben und Werk sprechen Renke Brahms (Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche Deutschlands und Schriftführer der Bremischen evangelischen Kirche) und Verleger Helmut Donat.

Ulrich Finckh ist noch heute geistig rege, verfolgt Nachrichten und führt Korrespondenzen. Den Sozialen Friedensdienst hat er sich als Veranstaltungsort nicht von ungefähr ausgesucht. Hat er den Bund doch 1971 selbst mit gegründet, um Stellenangebote für die gesellschaftlich ungeliebten Kriegsdienstverweigerer zu schaffen.

Als Pimpf auf Linie

Der aus Heilbronn stammende Finckh war fünf Jahre, alt als Hitler an die Macht kam. Wie viele Menschen seines Alters kam er zur NS-Jugendorganisation der Pimpfe und lernte die Gedankenwelt des Nationalsozialismus kennen. Finckh kam zum Arbeitsdienst und wurde 1943 als 16-Jähriger Luftwaffenhelfer. 1945 geriet er in US-Kriegsgefangenschaft. Zum Glück für Ulrich Finckh entließen die Amerikaner zuerst die kräftigen und die jungen Menschen, die beim Wiederaufbau am besten helfen konnten.

Christlich geprägt, empfand Ulrich Finckh, dass er mit dem Studium der Theologie der Welt und den Werten des Nationalsozialismus am ehesten etwas entgegen setzen konnte. Er wurde Gemeindepfarrer in Wiesbaden, Jugendpfarrer in Rheinhessen und für acht Jahre Studentenpfarrer in Hamburg, bevor er 1970 als Gemeindepfarrer in Bremen-Horn anfing.

Dort engagierte er sich für die Kriegsdienstverweigerer. In der Bundesrepublik war das Recht auf Verweigerung des Wehrdienstes zwar geschriebenes Gesetz, aber Verweigerer waren oftmals gesellschaftlich geächtet und es bedurfte erheblichen Mutes, sich der Auseinandersetzungen und der üblichen und strengen Gewissensprüfung zu unterziehen. Nur um dann in einen Dienst zu kommen, der im Rettungswagen oder in der Altenpflege oft bedrückender oder fordernder war als der Wehrdienst und auch noch sechs oder drei Monate länger dauerte. Drückeberger war noch eines der weniger schlimmen, allerorts üblichen Schimpfworte für Zivildienstleistende. Wer heute über den Sozialen Friedensdienst in ein Freiwilliges Soziales Jahr eintritt, zum Bundesfreiwilligendienst geht oder ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert, genießt Anerkennung, ahnt aber kaum, wie viel Ausgrenzung Ulrich Finckh vor 50 Jahren begegnete, als er sich für Kriegsdienstverweigerer einsetzte und oft genug vor Gerichten klagte.

„Papst der Kriegsdienstverweigerer“

Erst 2011 setzte die Bundesregierung den verpflichtenden Wehrdienst aus, der ab 1956 bestanden hatte. Finckh arbeitete neben seinem Dienst als Gemeindepfarrer ab 1970 intensiv in der Zentralstelle für den Schutz der Kriegsdienstverweigerer in Bremen. Bundesweit bekam Finckh den Titel „Papst der Kriegsdienstverweigerer“. Das Verteidigungsministerium beschwerte sich, wieso Finckh so oft in der Presse zu Wort komme.

„Bremen und Bayern sind die größten Rüstungsländer“, mahnt Finckh und bedauert, dass die heutigen Auslandseinsätze der Bundeswehr der schlimme Preis der Nato-Mitgliedschaft seien. Aber Finckh sieht auch, dass Bremen mit Carsten Sieling bereits den dritten Bürgermeister hat, der den Wehrdienst verweigert hat – nach Henning Scherf und Jens Böhrnsen. Nun freut sich der 91-Jährige auf seinen Auftritt. „Menschen, die sich Gedanken über diese Zeit machen, über die Geschichte und über Frieden, sind zu meiner Lesung willkommen“, sagt Ulrich Finckh.

Weitere Informationen

Ulrich Finckh: „Pimpf, Pfarrer, Pazifist – Ein kritischer Rückblick (1927-2017)“, Donat-
Verlag, 280 S., 62 Abb., Hardcover, Preis: 16,80 Euro. Lesung und Gespräch mit dem Autor, Ute Finckh-Krämer, Renke Brahms und Helmut
Donat, Montag 18. März, 19 Uhr, im SFD Dammweg 18-20, der Eintritt ist frei.

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