Stadtspaziergang im Menke Park

Von Bäumen lernen

Im Menke Park in Horn-Lehe können Besucher nicht nur die Ruhe genießen, sondern auch etwas lernen. Im Park erzählen Bäume aus ihrem Leben. Ein Rundgang.
10.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Von Bäumen lernen

Von der Bank aus können Besucher die Lichtung betrachten.

PETRA STUBBE

Bäume sind Baumeister, die nie Material verschwenden. Und auch wenn sie absterben, stellen sie ihre Substanz anderen Arten zur Verfügung. Bäume reagieren mit einer eigenen „Körpersprache“ auf Spannungen, die sich in ihrem Leben ereignen und senden Material dorthin, wo es benötigt wird. Der Stamm und die Krone eines Baumes sind vergleichbar mit Mast und Segel eines Schiffes – sie sorgen dafür, dass er als Ganzes stabil und im Gleichgewicht bleibt.

Im Menke Park erzählen Bäume aus ihrem Leben – in dem ihnen so manches zugestoßen ist: Stürme, Krankheiten, Konkurrenten, aber auch viele sonnige Momente, kurz: Ein Leben, das aus Licht und Schatten besteht. Die Ruhe in diesem Park wird nur vom permanenten Gurren der vielen Ringeltauben und ab und zu von Hundegebell durchbrochen. Denn der Park ist ein beliebtes Hunde-Auslaufgebiet, in dem es häufig zu Aufeinandertreffen von Hunden kommt, die sich beschnuppern – oder auch laut ankläffen. Die Baumpflegefirma Baumrausch und der Umweltbetrieb Bremen taten sich im Jahr 2001 zusammen, um im Menke Park einen einmaligen Baum-Erlebnispfad zu schaffen. Auf einem Rundgang erklären Info-Schilder an 14 Stationen, wie Bäume zu ihren Körpergestalten kommen. Betreut und unterhalten wird der Pfad vom Landesverband der Gartenfreunde, der benachbart seinen Lerngarten betreibt.

Der Stadtspaziergang startet auf der östlichen Seite des Menke Parks, wo die Straße Am Rüten auf die Straße An der Landruhe stößt. Vor dem Besucher erstreckt sich eine große Wiese, auf der einige Bäume stehen: vorn eine Wald-Kiefer und dahinter eine große, alte Robinie (1), die sich in zwei Stämme spaltet. In die Lücke hat sich merkwürdigerweise ein Spitzahorn gesetzt – ein Baum wächst also auf einem anderen Baum.

Auf der Wiese leuchten sonnenartig gelbe Korbblütler, die auf den ersten Blick wie Löwenzahn aussehen. Doch es ist das Gewöhnliche Ferkelkraut, erkennbar an den borstig behaarten Blättern, die nah über dem Boden wachsen. Die Wiese überzieht ein feiner Hauch von sanftem Rosa – ein Farbton, der von den zarten Ährchen des Roten Straußgrases kommt, das hier in Mengen wächst.

Auf dem Rundgang überqueren Besucher auf einem schmalen Pfad die Wiese und sehen am Ende eine Eiche (2), die mehrmals ihre Wuchsrichtung geändert hat. Denn als eine Birke und eine Buche ihr Konkurrenz um das Sonnenlicht machten, änderte sie die Wuchsrichtung ihres Stammes. Als Jahre später jedoch die Buche gefällt wurde, änderte der Stamm der Eiche nochmals seine Richtung – so entstand der eigenartige Zickzackwuchs.

Der Spaziergänger biegt auf dem Weg links ab und sieht ein eindrucksvolles Exemplar einer riesigen Rotbuche (3). An diesem mächtigen Baum sind im oberen Bereich des Stammes mehrere dicke Äste abgefallen, vielleicht, weil sie im Schatten anderer Äste nicht mehr genügend Fotosynthese leisten konnten – sie wurden „entlassen“, und zurück blieb ein Wulst, der sogenannte Astkragen. Dort hat der Baum auf die starken Belastungen und Spannungen reagiert und diese Zone verdickt.

Menke Park

Am Ahorn hat früher vermutlich ein alter Baumstamm gelegen, was den Wuchs erklärt.

Foto: PETRA STUBBE

Vorbei an zahlreichen Rotbuchen erreicht man das westliche Ende der Wiese. Die Tafel erläutert, warum die Eiche an der Wegkreuzung (4) einen Ast gebildet hat, der waagerecht vom Stamm absteht. An dem Ast lässt sich auch sehen, wie ein Baum „Falten“ bekommen kann: Auf der Unterseite des großen Astes hat sich das stark belastete Holz gestaucht – es sieht aus, als sei der Baum geknetet worden. Gleich daneben steht eine weitere Buche: eine Hainbuche. Wegen ihrer guten Schnittfähigkeit bildet sie oft Haine in Form von Hecken, die Grundstücke umfrieden. Der Stamm sieht aus wie aus dicken, langen Knochen geformt.

Der Weg führt geradeaus und an einem extrem schief gewachsenen Ahorn mit drei Stämmen (5) vorbei: Das Schild erläutert, dass auf ihm früher ein alter Baumstamm gelegen hat, der ihn fast waagrecht zu Boden drückte. Anschließend versuchte er, sich wieder aufzurichten – doch ganz gerade wurde er nicht.

Menke Park

Im Menke Park gibt es auch alten Baumbestand zu erkunden.

Foto: PETRA STUBBE

Der Rundweg erreicht die Leher Heerstraße und Besucher können auf einem Pfad in Richtung Osten Totholz bewundern, das nicht auf dem Boden liegt, sondern noch steht (6). Diese Eiche ist fast „nackt“, denn ihre Borke ist bis auf den oberen Bereich abgeplatzt. Solche stehenden Baumleichen bieten noch mehr Tierarten Lebensräume, als wenn das Totholz liegen würde.

Auf dem Weg zurück geht es wieder an der Wiese entlang und es ist zu beobachten, über welche enormen Wiederaufbaukräfte ein Baum verfügt (7): Auch wenn sein Stamm schon morsch und fast zerfallen ist, sprießt oben eine neue Krone. Sie wird jedoch nicht größer, als der stark beschädigte Stamm noch zu tragen vermag. Dieser Baum zeigt, wie er durch gelenktes Wachstum für seine Stabilität sorgt. An einer eindrucksvollen Eichen-Allee entlanggehend, weist eine Tafel auf das Ende des Baumlebens hin (8): Ein Holz zersetzender Pilz hat sich im Stamm angesiedelt und ihn weitgehend zerstört. Sein morsches Holz ist die Quelle für neues Leben: Zahlreiche Pilzarten und die Larven von Käfern oder Schwebfliegen siedeln sich in der bröseligen Substanz an, schaffen Gänge, Spalten und Löcher und beschleunigen den Zersetzungsprozess – bis aus dem Baum wieder fruchtbare Erde wird. Die liefert den Pflanzen am Waldboden und anderen Bäumen neue Nährstoffe. Abfall bleibt nicht zurück, alles wird verwertet – die Natur kennt keinen Müll.

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