Bremer Grüne wollen Hochschulgesetz ändern

Tiere sollen nicht mehr für die Lehre sterben

Die Zahl der an der Uni Bremen für Studienzwecke getöteten Tiere hat sich in den zurückliegenden acht Jahren halbiert. Die Grünen wollen aber, dass alle Tierversuche in der Lehre beendet werden.
27.02.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Tiere sollen nicht mehr für die Lehre sterben
Von Timo Thalmann
Tiere sollen nicht mehr für die Lehre sterben

Versuche mit Labormäusen sind fester Bestandteil eines Biologiestudiums und nach Ansicht der Universität bislang auch nicht vollständig zu ersetzen.

Jan-Peter Kasper/dpa

Es geht um 25 Mäuse, 33 Ratten und 23 Krallenfrösche. Diese insgesamt 81 Wirbeltiere haben 2018 im Dienst der wissenschaftlichen Ausbildung an der Bremer Universität ihr Leben in gelassen. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor. Diese wollte erfahren, wie hoch der „Tierverbrauch“ an den Hochschulen im Lande Bremen ist.

Den Begriff „Verbrauch“ macht sich der Senat in seiner Antwort allerdings nicht zu eigen. Auch der Tierschutzbeauftragte der Universität stört sich daran, dass in der Anfrage eine Gleichsetzung von „Tierversuch“ und „Tierverbrauch“ durchklingt. „Eine Tötung ist kein Tierversuch“, sagt Detlef Wegener. Mäuse und Ratten würden im Bereich der Lehre vor allem für Verhaltensexperimente eingesetzt. Und dabei spielten weitaus mehr Tiere eine Rolle, als die jetzt genannten Zahlen der getöteten Exemplare.

Lesen Sie auch

Diese Zahl ist über die Jahre ohnehin stark gesunken. So standen 2010 noch 45 Mäuse, 92 Ratten, 68 Amphibien und 70 Fische auf der Verlustliste der Bremer Hochschullehrenden. „Das sind erfreuliche Entwicklungen – vor allen Dingen für die Tiere“, erklärt nun Philipp Bruck (Grüne). Allerdings nutzt der tierschutzpolitische Sprecher der Bremer Grünen-Fraktion zugleich die Gelegenheit, um auf den Koalitionsvertrag hinzuweisen. „Wir werden Tierverbrauch in der Lehre beenden und durch Alternativmethoden ersetzen. Dafür werden wir das Hochschulgesetz entsprechend ändern“, heißt es dort.

„Wir werden jetzt darüber reden, wie das zu machen ist und am Ende der Legislaturperiode ein Hochschulgesetz haben, dass die Verwendung von eigens für die Lehre getöteten Tiere verbietet“, sagt Bruck. „Die entsprechende Anpassung des Hochschulgesetzes werden wir prüfen. An den notwendigen Schritten arbeiten wir gegenwärtig“, bestätigt auch Janina Brünjes, Sprecherin für Wissenschaft und Tierschutz bei der Bremer SPD-Fraktion. Etwas verhaltener fällt dagegen die Stellungnahme der wissenschaftspolitischen Sprecherin der CDU, Susanne Grobien, aus: „Dass sich die Zahl der an der Bremer Uni zu Versuchszwecken getöteten Tiere halbiert hat, ist natürlich sehr erfreulich.“ Ihre Fraktion wünsche sich ebenfalls, dass Tierversuche so weit wie möglich reduziert und durch alternative Methoden ersetzt würden. „Aber ob sie bereits komplett verzichtbar sind, können wir nicht abschließend beurteilen.“

Der Tierschutzbeauftragte der Universität ist sich dagegen sicher, dass auf Tiere und Tierversuche in der Lehre nicht vollständig verzichtet werden kann – gerade mit Blick auf den gesetzlich geforderten Tierschutz. „Jeder angehende Biologe wird in seinem Berufsleben mit Tieren umgehen müssen und braucht dafür die erforderliche Sachkunde“, sagt er. Dazu bietet die Universität Bremen entsprechende Kurse. Darin geht es beispielsweise darum, Tiere für operative Untersuchungen zu betäuben, ihnen Blut- und Gewebeproben zu entnehmen und elementare anatomische Kenntnisse zu erwerben. „Dem Tierwohl ist nicht gedient, wenn all dies nicht fachgerecht ausgeführt wird“, sagt Wegener.

Lesen Sie auch

Und er glaubt auch, dass es ein wichtiger Teil der Ausbildung ist, sich mit den ethischen Aspekten dieser Arbeit und der späteren beruflichen Tätigkeit auseinandersetzen. Das Bremer Hochschulgesetz sieht dabei schon jetzt ausdrücklich vor, dass Studierende im Einzelfall ihre Studien- oder Prüfungsleistungen ohne die Verwendung eigens hierfür getöteter Tiere erbringen können. Diese Möglichkeit gibt es auch noch in Nordrhein-Westfalen, Saarland, Hessen, Thüringen und seit Kurzem in Hamburg – in allen anderen Bundesländern nicht. „Für mich stellt sich dann allerdings schon die Frage, ob sie als Biologe den richtigen Studiengang gewählt haben“, sagt Wegener.

Angesichts der – absolut gesehen – niedrigen Zahl betroffener Tiere, räumt auch Bruck ein, dass eine Gesetzesänderung in diesem Fall auch Symbolpolitik bedeutete. Diese erachtet er aber als wichtig für die gesellschaftliche Diskussion. Zur Einordnung: Im Zoo Bremerhaven vertilgen Königspythons und Schnee-Eulen in jedem Jahr ganz artgerecht 1700 eigens dafür gezüchtete Mäuse. Aber auch hier greift der Tierschutz. Die Mäuse werden vor der Fütterung vorschriftsmäßig schmerzlos getötet – Lebendfutter ist verboten.

Lesen Sie auch

Info

Zur Sache

Tierversuche für Lehre oder Forschung

Es macht rechtlich einen Unterschied, ob Tiere an der Universität für die Forschung oder die Lehre verwendet werden. Im Bremer Hochschulgesetz wird zwar vorgeschrieben, dass in beiden Bereichen möglichst wenig lebende oder eigens hierfür getötete Tiere eingesetzt werden sollen. Aber den entscheidenden Rahmen setzt das bundesweit geltende Tierschutzgesetz.

Danach sind Tierversuche für Lehrzwecke lediglich bei den zuständigen Behörden anzumelden, bedürfen aber im Gegensatz zu Versuchen für die Forschung keiner formalen Genehmigung. Für bestimmte Forschungsziele, zum Beispiel zur Entwicklung oder Erprobung von Waffen und Munition, sind Tierversuche ausdrücklich verboten. Auch Versuche mit Menschenaffen sind ohne Ausnahme untersagt. Besonders strenge Vorgaben gelten darüber hinaus für Versuche mit nicht-menschlichen Primaten.

Das betrifft etwa die Arbeit von Andreas Kreiter mit Makaken am Zentrum für Kognitionswissenschaften. Versuche mit Insekten und wirbellosen Tieren sind dagegen auch für Forschungszwecke lediglich anzeige- aber nicht genehmigungspflichtig. Dabei bilden allerdings Oktopusse wieder eine Ausnahme. Sie gelten im Vergleich zu anderen Wirbellosen wie Würmern und Schnecken als intelligent.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+