Nach abgewiesener Klage

Umstrittene Inklusionsklasse am Gymnasium Horn startet

Kurz vor Schulstart ist eine Sonderpädagogin ausgefallen, die am Gymnasium Horn die Inklusionsklasse unterrichten sollte. Eine Lösung wurde gefunden, doch auch an anderen Schulen fehlt Personal.
22.08.2018, 05:23
Lesedauer: 3 Min
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Umstrittene Inklusionsklasse am Gymnasium Horn startet
Von Sara Sundermann

Diese neue Klasse am Gymnasium Horn hat im Vorfeld bundesweit für Aufsehen gesorgt: eine Inklusionsklasse mit 19 Regelschülern und bis zu fünf Schülern mit Behinderung. Die Schulleiterin des Gymnasiums war zuvor gegen die Einrichtung dieser Klasse vor Gericht vorgegangen, ihre Klage wurde aber als unzulässig abgewiesen.

Nun wurde die Klasse also trotz Debatte und Wirbel im Vorfeld wie geplant eingerichtet. Und sie erlebte zunächst kurz vor Schuljahresstart einen holprigen Auftakt – trotz des Versprechens von Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), die noch im Juli explizit zugesagt hatte, das benötigte Personal werde zu Beginn des Schuljahres vorhanden sein.

Das aber war kurz vor Start keineswegs gesichert: Denn die Sonderpädagogin, die mit der Klassenlehrerin die Schüler unterrichten sollte, stand nicht zur Verfügung. Der Grund: Sie war für den Bereich, für den sie gebraucht wurde – nämlich für die Arbeit mit geistig behinderten Kindern – nicht qualifiziert, das bestätigt Siegbert Meß, Vorsitzender des Schulvereins und Mitglied im Elternbeirat beim Gymnasium Horn.

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Eine kurzfristige Lösung musste also her: Es wurde eine andere Sonderpädagogin entsandt, so dass der Unterricht der Inklusionsklasse schließlich mit einer Klassenlehrerin, einer Sonderpädagogin und einer Assistenzkraft beginnen konnte. "In der Woche zuvor sah es personell düster aus, aber letztlich gab es dann am Montag vergangener Woche einen guten Start für die Klasse", sagt Meß. Hinzu kommt: In der Klasse sind bisher nur drei statt fünf Inklusionskinder angemeldet, der Bedarf für fünf Kinder war in der Umgebung in diesem Jahr der Behörde zufolge nicht größer.

Die nun gefundene Lösung fürs Personal ist allerdings nicht von Dauer. Denn die abgeordnete Sonderpädagogin ist eine Feuerwehrkraft, die nur bis Mitte September bleiben kann. Für danach wird jemand Neues gesucht. Die Behörde werde jemanden finden, könne aber derzeit noch niemanden konkret benennen, sagt Annette Kemp, Sprecherin der Bildungsbehörde. Sie betont zudem, dass die zuvor kurzfristig ausgefallene Sonderpädagogin für die Arbeit mit geistig behinderten Kindern schon ausgebildet gewesen sei. Sie habe aber in der Tat in diesem Bereich bislang nie gearbeitet, was unglücklich sei. Eigentlich sei ein anderer Sonderpädagoge fürs Gymnasium Horn eingeplant gewesen, der dann aber im Juni abgesagt habe.

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Die Stimmung am Gymnasium sei aber trotz des Rechtsstreits im Vorfeld nicht schlecht, die beeinträchtigten Schüler würden keineswegs widerwillig aufgenommen, ist aus der Schule zu hören. Allerdings seien sich manche Lehrer verunsichert, weil sie sich fachlich nicht für die Inklusion gerüstet fühlten. Viele wären deshalb gerne erst ein Jahr mit der Klasse später gestartet, um Zeit für Fortbildungen zu haben und sich bei anderen Schulen anzusehen, wie dort Inklusion umgesetzt wird.

Auch bei den Räumen am Gymnasium Horn ist noch nicht alles so, wie es sein sollte: Zwar wurde für die Schüler mit Behinderung ein eigener kleiner Raum mit Küche gegenüber des Klassenzimmers eingerichtet: "Dort sollen Kinder mit Behinderung sich auch selbständig versorgen können", sagt Meß. Die Inklusionskinder werden oft in ihrem eigenen Raum unterrichtet, nur in bestimmten Fächern lernt die ganze Klasse gemeinsam. Doch ein Ruheraum, der beispielsweise für autistische Kinder wichtig ist, ist bislang noch nicht da, soll aber demnächst entstehen.

Meß, der den Start der Inklusionsklasse aufmerksam beobachtet, mahnt vor allem an, dass nun dringend weitere Umbauarbeiten am Gymnasium Horn vorbereitet werden müssten. Denn im kommenden Jahr soll eine zweite Inklusionsklasse hinzukommen. "Wir müssen allen Kindern gerecht werden", betont Meß. "Für 2019 muss jetzt sofort gehandelt werden, und für den Umbau weiterer Räumen muss man wieder Geld in die Hand nehmen."

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"Wir sind überrascht, dass nach den vollmundigen Ankündigungen der Bildungsbehörde nur mit größten Schwierigkeiten überhaupt das Personal für das Gymnasium Horn gefunden wurde", kommentiert Karsten Krüger von der Bildungsgewerkschaft GEW. Er betont zudem, die Lage am Gymnasium Horn sei nicht ganz einfach, doch viel problematischer sei der Personalmangel gerade für die Inklusion an anderen Schulen.

Zum einen sind Sonderpädagogen in Zeiten des Fachkräftemangels schwer zu bekommen, zum anderen werden die Sonderpädagogen, die an Bremer Schulen arbeiten, oft von ihren Aufgaben für die Inklusion abgezogen und als normale Fachlehrer eingesetzt, sagt Michal Myrcik, Vorsitzender des Personalrats Schulen. Die Folge: Akut drohender Unterrichtsausfall werde zwar abgewendet, doch die sonderpädagogische Förderung falle aus. Auch Myrcik sagt: "Für mich ist das Problem am Gymnasium Horn im Vergleich zur Situation einiger anderer Schulen ein kleines Problem." An einigen Schulen seien gleich mehrere Lehrerstellen gleichzeitig gar nicht besetzt: "Vor allem im Bremer Westen und Osten gibt es einen erheblichen Bedarf an Lehrern, für den es keine Lösung gibt".

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