Studierende entwickeln Projekt zu Solidarität Vom Seminar in die Öffentlichkeit

In einem Uni-Seminar haben Studierende „Die Pest“ von Albert Camus gelesen. Daraus ist ein Projekt entstanden, bei dem sie sich in öffentlichen Aktionen mit Solidarität beschäftigen.
25.03.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Chantal Moll

Das Wort Solidarität prägte vor allem im vergangenen Jahr mit dem Aufkommen der Pandemie die Menschen. Doch auch unabhängig von Corona stellt sich die Frage: Was bedeutet Solidarität überhaupt? Mit dieser und weiteren Fragen beteiligte sich die Universität Bremen an der Ausschreibung „Eine Uni – ein Buch“. Unter dem Seminarnamen „Vorhang auf und Bühne frei: Eine Aufbereitung des Werks Albert Camus’ für die Öffentlichkeit“ traf sich die Philosophin und Dozentin Svantje Guinebert dafür in diesem Wintersemester von Oktober bis Februar mit insgesamt 15 Studentinnen und Studenten. Gemeinsam lasen sie den Roman „Die Pest“ von Albert Camus, der 1947 veröffentlicht wurde. „Das Seminar ist für uns jetzt nicht vorbei, sondern geht eigentlich erst richtig los“, stellt Philosophie Student Andreas Nutz klar. Mit verschiedenen Projekten tragen die Studierenden ihre Ergebnisse nun in die Öffentlichkeit.

Dass das Institut Philosophie ausgerechnet zu Corona-Zeiten über Solidarität und Camus’ Pest spricht, ist jedoch Zufall. „Wir haben den Roman bereits 2019 noch vor Corona als Institut Philosophie vorgeschlagen“, erklärt Dozentin Guinebert. Ursprünglich war das Seminar über die Universität Bremen verteilt mit verschiedenen Workshops geplant, doch das ließ sich aufgrund der Pandemie nicht umsetzen – also musste ein anderes Konzept her. „Mindestens in einem Seminar kann man richtig was bewegen“, ist Guinebert überzeugt. Gemeinsam mit ihren Studentinnen und Studenten las sie den Roman, sie suchten besonders interessante oder auch verwirrende Stellen heraus und besprachen sie: Was steckt philosophisch dahinter? Besonders spannend fand die Philosophin Guinebert die Zusammensetzung der Teilnehmer in dem Seminar. Studierende aus verschiedenen Fachbereichen, wie Philosophie, Performance Studies und der Literatur kamen zusammen, um den Roman philosophisch zu lesen. Die Teilnehmer waren unterschiedlichen Alters und brachten auch aufgrund der Fachbereiche andere Hintergründe mit. Eine Tatsache, die auch Studentin Neele von Döhren spannend fand. Die 23-Jährige studiert im ersten Semester an der Universität im Master-Studiengang transnationale Literaturwissenschaft. „Es war für mich eine ganz neue Form von Seminar“, berichtet sie.

Eine weitere Besonderheit des Seminars war die Art des Buches. „Es ist kein Sachbuch“, erklärt Guinebert. Camus’ „Die Pest“ ist ein Roman – eine eher ungewöhnliche Lektüre für ein philosophisches Seminar. „Camus hat nicht die eine Definition von Solidarität“, erklärt die Dozentin. Sein Verständnis von Solidarität finde sich in den Figuren wieder, es sei ein Zusammenspiel. Eben anders als in einem Sachbuch. „Alle stehen vor der Herausforderung Pest und keiner hat die Nonplusultra-Lösung. Es geht um ein Solidarischsein auf einer ganz grundsätzlichen Ebene“, sagt sie weiter.

Wie sich die Gedanken zu Corona-Zeiten an die Öffentlichkeit tragen lassen, das hat Guinebert mit ihren Studierenden ausgearbeitet. Die Dozentin zeigt sich begeistert von dem Engagement der Teilnehmer: „Ich finde es toll, dass sie Wege finden, Gedanken und Fragen nach außen zu tragen, obwohl es gerade durch die Auflagen so schwierig ist.“ Heraus kamen dabei mehrere Projekte.

Eins davon sind 150 Plakate, die Anfang März für zehn Tage in ganz Bremen angemietete Werbefläche schmückten. Darauf fanden Betrachter keine Thesen, sondern Fragen, ganz im Zeichen des Schreibstils Camus’. „Camus gibt nicht die Antworten, sondern illustriert wie man gemeinsam nach Antworten auch in Bezug auf Solidarität suchen kann“, sagt Guinebert dazu.

Philosophie Student Nutz setzt das in Form von Spaziergängen um. Gemeinsam mit anderen Studierenden spaziert er – natürlich corona-konform – mit Interessierten durch die Wallanlagen und lässt einen Dialog zwischen den Charakteren aus Camus’ „Die Pest“ entstehen. „Es ist eine phänomenologische Herangehensweise“, erklärt der Student. Ein weiteres Projekt besteht aus einer Performance, geplant vom Zentrum für Performance Studies der Universität Bremen. Angedacht sind insgesamt fünf Stationen in den Wallanlagen, an denen die Studierende Zitate aus dem Roman vorstellen. Dabei ziehen sie auch Parallelen zu der momentanen Situation in der Pandemie. Studentin von Döhren erklärt wie eine der Stationen aussehen kann: „Wir stellen uns die Frage, was Gefühle sein könnten, die man der Pest entgegensetzen könnte. Was kann man anderes tun, als sich über die Situation zu beschweren?“ Hier lande man schnell wieder bei Überlegungen zu Solidarität, ergänzt die Studentin. „Und gleichzeitig spielen Gedanken zu Gewohnheiten eine Rolle. Warum sind Gewohnheiten den Menschen so wichtig?“, fragt sie. Wann genau Interessierte die Performance zu sehen bekommen, ist noch unklar. Das hängt von der Corona-Lage ab.

Info

Zur Sache

Weiterführung im Internet

Über diese Projekte hinaus haben die Studierenden Steine bemalt, die sie in der ganzen Stadt verteilen. Betrachter können die Steine mitnehmen, wieder auslegen und Bilder von ihnen unter dem Hashtag #camus4solidarity auf Instagram posten. Unter dem Namen „zusammen denken: #camus4solidarity“ veranstalten sie die Projekte noch bis April. Den Abschluss bildet dann ein öffentliches Onlinesymposium am Freitag, 16. April, von 17 bis 20 Uhr, über die Plattform Zoom. Interessierte können sich per E-Mail an eueb2021@uni-bremen.de oder auf der Instagram-Seite „zusammen.denken“ anmelden.

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