Seniorenhilfe

Viel Zeit für Senioren

Viele Senioren sind noch längst nicht pflegebedürftig, brauchen aber Hilfe. Das Dienstleistungszentrum Horn mit seinem neuen Leiter Gregor Wittenburg springt ein, wenn Pflegedienste an ihre Grenzen kommen.
03.05.2019, 18:27
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Viel Zeit für Senioren

Kümmern sich um Hilfe für Senioren, die Unterstützung im Alltag brauchen: (von links) Gregor Wittenburg, Dagmar Fritsche, Sarah Tréfás und Melanie Abhasi.

PETRA STUBBE

„Wenn wir ehrenamtliche Helfer an Senioren vermitteln, entwickeln sich oft Freundschaften, die über viele Jahre halten“, sagt Sarah Tréfás vom Dienstleistungszentrum (DLZ) Horn, „zwei haben zum Beispiel ihre Leidenschaft für die japanische Kultur entdeckt. Und bei einer über 90 Jahre alten Seniorin hat sich gemeinsam mit unserem Helfer ein Biografieprojekt entwickelt – ihre lange Lebensgeschichte wird wieder lebendig.“

Rund fünf Prozent mehr Bremer, die älter als 65 Jahre sind, werden bis zum Jahre 2015 erwartet. Viele der Älteren sind damit noch längst nicht pflegebedürftig, sondern können ihren Alltag aktiv gestalten und bewältigen – einige sind auf Unterstützung angewiesen, möchten jedoch so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben.

17 Dienstleistungszentren (DLZ) kümmern sich um ältere Menschen, Leute mit Behinderungen und deren Angehörige in allen Bremer Stadtteilen. In den DLZ informieren Sozialberater über Unterstützungsangebote und bieten konkrete Hilfen. Die geschulten Ehrenamtlichen des DLZ übernehmen zum Beispiel Haushaltstätigkeiten, begleiten bei Behördengängen oder Arztbesuchen, machen gemeinsame Spaziergänge, lesen vor oder leisten Einzelbetreuung für Menschen mit Demenz. Die DLZ befinden sich in der Trägerschaft der Awo, der Caritas, dem DRK und der Paritätischen Gesellschaft für soziale Dienste. Ihre Beratungsdienste werden von der Stadt gefördert und sind für alle Bürger kostenlos.

Nach 32 Jahren neue Leitung

Das DLZ mit Sitz in der Brucknerstraße steht unter der Trägerschaft der Paritätischen und hat seit Anfang April eine neue Leitung: Nach 32 Jahren gab Annemarie Norpoth die Leitung an Gregor Wittenburg ab. Er ist nun für die Stadtteile Horn-Lehe, Oberneuland und Borgfeld zuständig und koordiniert derzeit 165 Leute. „Doch der Bedarf ist weiterhin steigend, weil es bekanntlich immer mehr ältere Menschen gibt“, sagt Gregor Wittenburg.

Die Arbeit der DLZ in der Brucknerstraße fußt auf vier Säulen, von denen die erste umfangreiche Sozialberatungen umfasst. Dafür ist, zusammen mit zwei weiteren Kolleginnen, Sarah Tréfás zuständig, die an der Bremer Uni Public Health/Gesundheitswissenschaften studiert hat. Sie berät Senioren und deren Angehörige: Wie können ältere Menschen so lange wie möglich im Haus bleiben? Und wenn nicht: Welche Angebote gibt es in den Pflegeheimen? Was ist bei der Beantragung einer Pflegestufe zu beachten?

Die zweite Säule des DLZ besteht in Vermittlungsarbeit: Die Ehrenamtlichen, die Nachbarschaftshilfe und Alltagsassistenz leisten wollen, werden passenden Kunden zugewiesen. Und die dritte Säule bilden Schulungen für Leute, die später mit Hilfsbedürftigen arbeiten. „Wir vermitteln die Kontakte, und wir organisieren auch ehrenamtliche Treffen, um Beziehungen herzustellen“, sagt Gregor Wittenburg. „Eine vierte Säule schließlich besteht darin, Vernetzungen mit anderen Stadtteilen aufzubauen und zu pflegen“, sagt er. Das DLZ unterhält aber auch Verbindungen zu den Seniorenresidenzen im Stadtteil. „Oft sind Ältere in den Pflegeheimen sehr hilfsbedürftig und können zum Beispiel den Staubsauger nicht mehr halten“, sagt Gregor Wittenburg, „dann springen unsere Helfer ein und leisten Unterstützung.“

Das Modell der DLZ, das es bundesweit nur in Bremen gibt, existiert bereits seit 1975. „Durch unserer Arbeit hat der Pflegebereich weit mehr Spielraum, als wenn nur das hauptamtliche Pflegepersonal im Einsatz wäre“, sagt Gregor Wittenburg, „denn das hat meistens viel zu wenig Zeit für die Bedürftigen.“

Am Anfang steht in der Regel eine Anfrage von Hilfesuchenden, zum Beispiel, wenn sie Unterstützung beim Einkaufen brauchen. „Durch Hausbesuche stellen wir anschließend den Bedarf fest und suchen die passenden Ehrenamtlichen aus“, sagt Sarah Tréfás, „wichtig ist, dass Helfer und Hilfsbedürftige sich gut miteinander verstehen. Und die richtige Wahl zu treffen, nimmt sehr viel Zeit in Anspruch.“ In der Regel verbringen die ehrenamtlichen Helfer zwei bis sechs Stunden in der Woche mit den Senioren.

Ein Ehrenamtlicher für zwei Senioren

Für die Vermittlung von Nachbarschaftshilfe und Alltagsassistenz schließen die Menschen, die Hilfe in Anspruch nehmen, mit den Trägern der DLZ einen Vertrag ab. Sie zahlen dafür eine monatliche Servicepauschale von 26 oder 30 Euro. Die Helfer erhalten eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 8.50 Euro, die von den Kunden in der Regel direkt gezahlt wird. Menschen mit einem Pflegegrad können das Angebot der Alltagsassistenz von der Pflegekassen erstattet bekommen, in der Regel bis zu einer Höhe von 125 Euro im Monat. Meist werden einem Ehrenamtlichen ein bis zwei Senioren zugewiesen.

„In letzter Zeit haben sich auch immer mehr Studenten für den Job beworben“, sagt Sarah Tréfás, „das ist für die älteren Menschen oft eine Bereicherung, die frischen Wind in die Beziehungen bringt.“ Bevor es soweit ist, machen die ehrenamtlichen Helfer jedoch eine umfassende Schulung durch. Der Vermittlung basalen Wissens, wozu auch Erste Hilfe-Kenntnisse gehören, folgt eine Schwerpunktschulung, zu der auch Kenntnisse über den richtigen Umgang mit Demenz gehören. Die Helfer müssen zum Beispiel lernen, wie man sachgemäß mit einem Rollator oder einem Rollstuhl umgeht.

Wie sich die Bedürfnisse und Interessen einer modernen Gesellschaft insgesamt in den letzten Jahrzehnten differenziert haben, so auch die der Kunden des DLZ: „Sie können heutzutage klarer formulieren, was sie brauchen und wünschen“, sagt Gregor Wittenburg, „und durch unsere Arbeit tragen wir wesentlich dazu bei, für Ältere, Behinderte und chronisch Kranke mehr Lebensqualität zu schaffen.“

Das DLZ in Horn hat großen Bedarf an ehrenamtlichen Kräften. Wer Interesse hat, kann sich unter Telefon 23 71 21 oder unter der E-Mail dlzhorn@paritaet-bremen.de melden. Die Einrichtung ist Montag bis Freitag von 9 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung erreichbar.

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