Das riesige Telekomgelände liegt seit vielen Jahren brach und verkommt Vom Ausbildungszentrum zum Schandfleck

Horn-Lehe. Bei der Wahl des größten Schandflecks in Horn-Lehe würde das Telekom-Gelände an der Horner Mühle mit ziemlicher Sicherheit auf dem ersten Platz landen. Seit rund zehn Jahren wird das knapp 70000 Quadratmeter große Gebiet nicht mehr genutzt. Die zwölf Gebäude stehen seither komplett leer und verfallen zunehmend. "Überall ist Müll, die Ratten sagen sich Gute Nacht", schildert Reinhard Jarré, Vorsitzender des Bürgervereins, die Zustände.
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Vom Ausbildungszentrum zum Schandfleck
Von Andreas D. Becker

Horn-Lehe. Bei der Wahl des größten Schandflecks in Horn-Lehe würde das Telekom-Gelände an der Horner Mühle mit ziemlicher Sicherheit auf dem ersten Platz landen. Seit rund zehn Jahren wird das knapp 70000 Quadratmeter große Gebiet nicht mehr genutzt. Die zwölf Gebäude stehen seither komplett leer und verfallen zunehmend. "Überall ist Müll, die Ratten sagen sich Gute Nacht", schildert Reinhard Jarré, Vorsitzender des Bürgervereins, die Zustände.

Seit Jahren ist das gesamte Areal abgesperrt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Der Grund dafür ist die hohe Belastung mit PCB. In den Bauten aus den 1970er-Jahren wurde das Umweltgift in derart hoher Konzentration nachgewiesen, dass vor einer neuen Nutzung eine aufwendige und teure Sanierung samt Entsorgung des kontaminierten Materials anstünde. Polychlorierte Biphenyle wurden bis Mitte der 1970er-Jahre als Weichmacher eingesetzt, der als krebsauslösend gilt. 1989 kam der Stoff auf den Index. In den Horner Telekom-Gebäuden ist PCB vor allem in den Dichtungen der Gebäude in Beton-Skelettbauweise enthalten.

Dabei galt der Komplex, den die damalige Bundespost als Ausbildungszentrum für rund 800 Dienstanfänger, Lehrlinge und Lehrgangsteilnehmer gebaut hatte, anfangs als Vorzeigeobjekt. Umgerechnet rund 21 Millionen Euro investierte die Post in ihr neues Zentrum. Mit vielen Ehrengästen aus Politik, der bremischen Verwaltung und aus dem Bundespostministerium wurde am 16. Dezember 1971 Richtfest gefeiert. Auf dem Gelände wurden Post- und Fernmeldeschüler der Oberpostdirektion sowie die Lehrlinge des Fernmeldeamtes 2 Bremen ausgebildet. Zu dem riesigen Komplex gehören 36 Unterrichtsräume, 21 Werkstätten, Büros und Verwaltungseinheiten, Wohnheime, Sportgelände und Turnhalle, ein Hotel, Restaurant und Theater. Die Aula war für 400 Plätze ausgelegt, der Speisesaal für 330. Die Küche konnte 1200 Mahlzeiten zubereiten. Insgesamt bieten die Bauten rund 33.000 Quadratmeter Nutzfläche.

Unter dem Hotel befindet sich ein Bunker, der nach damaligem Standard sogar Atombomben standhalten sollte. Heiko Lürßen, Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Lehesterdeich, erinnert sich: "Vor etwa 15 Jahren waren wir dort mal drin, weil ein Rohr gebrochen und der Bunker überflutet war. Den haben wir dann wieder leergepumpt." Ob der Schutzraum tatsächlich ein Atombunker ist, kann Lürßen nicht sagen. "Keine Ahnung", sagt er. "Das Ding steht schon so lange leer, dass es alle möglichen Gerüchte gibt."

Für die Ausbildung des beruflichen Nachwuchses hatte sich die Oberpostdirektion Bremen bereits seit 1960 um den Neubau einer zentralen Einrichtung bemüht. Von 1961 bis 1964 kaufte sie zunächst ein knapp 76000 Quadratmeter großes Grundstück. Davon musste sie jedoch rund 6000 Quadratmeter für den Autobahnbau wieder abgeben. Start für die Telekom war im Juli 1970.

Jemand, der in den vergangenen Jahren immer wieder eine Nutzung der brachliegenden Immobilie angemahnt hat, ist Dieter Gerdes, langjähriger Vorsitzender des Bürgervereins. Den allmählichen Niedergang des Komplexes hat er als Bewohner des Stadtteils hautnah miterlebt. "In den 90er Jahren wurde der Ausbildungsbetrieb aufgegeben und das Gelände weitgehend abgesperrt. Seitdem ist da nicht viel passiert", kritisiert er.

Dabei gibt es bereits seit einigen Jahren einen gültigen Bebauungsplan. Dieser sieht einen Drittelmix aus Wohnungsbau, Dienstleistung und nichtstörendem Gewerbe vor. 2008 segnete auch der Beirat Horn-Lehe diese Planungen mit großer Mehrheit ab. Früheren Planungen hatte das Stadtteilparlament stets die Zustimmung verweigert. So sah der erste Entwurf des B-Plans an dem Standort ein Gewerbegebiet vor. Damals hatte sich eine Investorengruppe aus drei großen Bremer Bauunternehmen für das Gebiet interessiert. Doch aus dem Vorhaben wurde nichts. Möglicherweise wegen der horrenden Kosten für Abriss und Entsorgung, für die eine Summe von rund 25 Millionen Euro kursierte. Ebenso wenig erfolgreich waren Versuche, wenigstens Teile des Komplexes als Standort für Fremdfirmen zu vermarkten. Diese Bemühungen mussten wegen der PCB-Belastung aufgegeben werden.

Das frühere Wohnheim für die Auszubildenden erlebte 2001 ein kurzzeitiges Comeback als Garni-Hotel. Nach rund eineinhalb Jahren wurde es wegen Erfolglosigkeit wieder geschlossen. Eine Zeitlang konnten Vereine die Aula noch für Veranstaltungen nutzen. Als die Telekom das Gelände jedoch endgültig schloss, war auch dieses Intermezzo beendet.

Für Dieter Gerdes würde mit einer Nutzung gemäß dem geltenden B-Plan nicht nur ein Ärgernis verschwinden. "Horn-Lehe hätte damit auch die Chance auf ein neues Stadtteilzentrum", ist er überzeugt. Doch dazu müsste sich für das Objekt erst mal ein Käufer finden. Und die Chancen dafür stehen nicht gut.

Vielfach wurde bereits aus Beiratskreisen gefordert, die Stadt Bremen müsse ihren Einfluss beim Eigentümer geltend machen, um das Gelände offensiver zu vermarkten. "Wir haben keine Möglichkeit, auf die Telekom Druck auszuüben. Uns sind die Hände gebunden", sagt dazu Senatsbaudirektor Franz-Josef Höing. Die Stadt sei zwar wegen eines Telekom-Grundstücks im Stephani-Quartier mit der Eigentümerin rege im Gespräch. Am Rande sei auch der Standort Horn-Lehe immer wieder Thema. Konkrete Fortschritte gebe es indes nicht. "Die Telekom ist ein unglaublich großes Unternehmen, das in der ganzen Republik Grundstücke besitzt. Horn-Lehe steht einfach nicht oben auf der Agenda", sagt Höing. Es sei aber im Sinne der Stadt, dass sich der Zustand ändere.

"Keine Frage, das ist ein interessanter Standort", ist der Senatsbaudirektor überzeugt. Angesichts der immensen Kosten bei der Beseitigung der kontaminierten Gebäude sei jedoch kurzfristig mit keiner Besserung der Situation zu rechnen.

Die einzige Nutzung des Geländes findet seit Jahren regelmäßig auf dem Parkplatz statt. Alle zwei Jahre veranstaltet der Bürgerverein dort sein Mühlenfest. Die nächste Auflage der beliebten Veranstaltung ist für 2011 fest eingeplant. "Vonseiten der Telekom gibt es da jedenfalls keine Probleme", versichert Reinhard Jarré. Und damit gibt es zumindest eine positive Nachricht zum Schandfleck in Horn-Lehe.

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