Botanischer Garten Bremen Von Absinth bis Zistrose

Ein letztes Abendmahl ohne Wein? Undenkbar. Nutz- und Heilpflanzen spielen in der Bibel eine wichtige Rolle. Einige Exemplare besprach Wolfgang Heyer bei einer Führung durch den Botanischen Garten.
14.06.2018, 14:01
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Der brennende Dornenbusch lässt Interpretationsspielraum, ist sich Wolfgang Heyer sicher. „Wenn dem biblischen Moses auf dem Berge Sinai Gott in der Gestalt des brennenden Dornbusches erscheint, so können damit mehr als 50 dornige Straucharten gemeint sein, die in der Mittelmeerregion wachsen“, sagt Heyser, emeritierter Pflanzenphysiologe von der Universität Bremen. Zusammen mit seiner Kollegin Friederike König, die dort als Professorin für Botanik tätig war, leitet er im Rahmen der „Woche der Botanischen Gärten“ eine Führung zu „Bibelpflanzen“ im Botanischen Garten des Rhododendron-Parks. Bei ihrer Führung übernimmt Wolfgang Heyser den Part, die Pflanzenarten und ihre Verwendung näher zu bringen, während Friederike König vorwiegend Stellen aus der Bibel zitiert, in denen die jeweilige Pflanze genannt wird.

Bibelpflanzen, damit bezeichnen sie die Arten, die in der Bibel genannt werden und die im Gebiet des antiken Königreichs Israel wachsen. Das Problem ist dabei: Es gibt Hunderte von Bibel-Übersetzungen, und es gab damals noch keine Taxonomie, die Pflanzennamen eindeutig festlegte. Die biblischen Erzähler unterschieden Arten also noch nicht so genau wie es moderne Biologen tun. „Bis heute werden zum Beispiel in der Türkei alle Nadelgehölze im Volksmund als Kiefern bezeichnet“, weiß Friederike König. Und auch in Deutschland sind, je nach Region, verschiedene Namen für ein und dieselbe Pflanzenart gebräuchlich. „So ist die Zahl von 1600 in der Bibel genannten Pflanzenarten höchst unsicher“, sagt Friederike König. Nichtsdestotrotz, bei einigen Bibelpflanzen besteht relativ viel Klarheit und mehr als ein Dutzend führen Wolfgang Heyser und Friederike König im Botanischen Garten vor.

Knoblauch als Hauptspeise

Fast alle Pflanzenarten, die in der Bibel genannt werden, hatten eine Bedeutung als Nahrungs- oder Heilmittel oder auch für kultische Zwecke. Gleich das erste Gewächs, das auf der Führung gezeigt wird, erfüllte diese dreifache Funktion schon zu biblischen Zeiten: der Wein, schon vor 5000 Jahren im Mittelmeerraum angebaut. Er windet als Rankenpflanze seine Stängel mit den großen Blättern um senkrechte Stäbe, im Botanischen Garten derzeit noch ohne Trauben. Wein wurde damals nicht nur getrunken, sondern wegen seiner antiseptischen Wirkung auch in der Medizin verwendet, und außerdem wurde er auch in Tempeln als Trankopfer dargebracht.

Gleich gegenüber am Weg wächst eine Pflanze, in deren Fasern der Leichnam Jesu gewickelt wurde: der Gemeine Lein oder Flachs, aus dem Kleidung und Tücher entstanden, „allerdings in einem extrem aufwendigen Verfahren“, berichtet Wolfgang Heyser: „Die Stängel wurden geröstet, die Fasern durch längeres Liegen im Wasser herausgelöst, danach gebrochen und geschwungen.“

Doch Pflanzen lieferten nicht nur Speise und Trank oder Bekleidung, Teile von ihnen wurden auch in die Waagschale geworfen: „Ein Same des Johannisbrotbaums ist genau 0,2 Gramm schwer, man verwendete sie, um winzige, wertvolle Dinge abzuwiegen,“ sagt Wolfgang Heyser. Der kleine Baum, der im Botanischen Garten steht, bildet seine Blüten direkt am Stamm. Ein kugeliger Blütenstand in zarten, hellen Rosatönen sitzt auf einem kräftigen Halm: „Knoblauch aß man damals als Hauptbestandteil einer Mahlzeit“, berichtet Friederike Koenig, „denn wegen seiner antibiotischen Wirkung war er sehr geschätzt, und außerdem hielt er Parasiten wie Läuse und Flöhe fern – Knoblauch ist ein Gewürz, das in der Bibel häufig genannt wird.“ Und Wolfgang Heyser ergänzt: „Als in Ägypten die Pyramiden gebaut wurden, erhielten die Arbeiter täglich eine bestimmte Ration Knoblauch – als Stärkungsmittel und um Darmparasiten zu vertreiben.“

In biblischen Zeiten kannten die Landwirte noch keine Pestizide. Statt Monokulturen anzubauen, die nur unter massivem Einsatz von Giften Früchte tragen, pflanzten sie zum Beispiel unter ihren Obstbäumen den Wermut, der Schädlinge fernhielt. Auch dieses Beifußgewächs, aus dem der berauschende Absinth gewonnen wird, wächst im Botanischen Garten, und die Teilnehmer können sich durch Reiben an den Blättern von seinem aromatischen Duft überzeugen. Wie überhaupt die Mittelmeerflora eine enorme Vielfalt an aromatischen Ölen bietet, ob Zistrosen, deren klebrige Blätter als Rauchschwaden bei kultischen Ritualen aufstiegen oder Lorbeer, dessen Öl für Massagen verwendet wurde, weil es gut gegen Rheuma oder Hautausschläge wirkt.

Evergreen Ölbaum

Imposant erheben sich dicke grüne Halme, die in einem großen strahlenförmigen Blütenstand enden – die Bedeutung von Papyrus, einem Sauergras, für die Kulturgeschichte der Menschheit ist immens, denn auf der papierartigen Unterlage beschrieben schon die Ägypter zahllose Rollen. „Das Mark der Stängel wurde in Streifen geschnitten, die neben einander gelegt, gewalzt und gehämmert wurden“, sagt Wolfgang Heyser, und Friederike Koenig ergänzt: „Wenn in der Bibel berichtet wird, wie Moses in einem Schilfboot ausgesetzt wurde, hat es sich wohl um Papyrus gehandelt.“

Die Führung zu Bibelpflanzen im Botanischen Garten darf einen Baum nicht auslassen: den Ölbaum, der die bekannten Früchte namens Oliven trägt. „Seine Kultivierung reicht sogar noch weiter zurück als die von Wein“, sagt Wolfgang Heyser, „der Ölbaum wird seit 8000 Jahren angepflanzt. Allerdings sind die Früchte am Baum nicht genießbar, sie müssen erst gewässert werden.“ Im Ersten Buch Mose trägt eine Taube einen frischen Ölzweig im Schnabel, und im Buch der Richter soll der Ölbaum der König unter den Bäumen sein – kein Wunder, denn er bestimmte zu biblischen Zeiten das Alltagsleben der Menschen wie kein anderer Baum: Wegen seiner ungesättigten Fettsäuren ist Olivenöl ein höchst gesundes Nahrungsmittel, als Salböl war es in biblischen Zeiten für die Körperpflege beliebt und nicht zuletzt diente das Holz als Brennmaterial – und die immergrünen Blätter des Ölbaums symbolisierten Lebenskraft, Frieden und Hoffnung.

Weitere Informationen

Die nächste Führung „Willst du einen Mord begehen, musst du in den Garten gehen“ im Rahmen der „Woche der Botanischen Gärten“ startet am Sonnabend, 16. Juni, 11 Uhr am Botanika-Eingang, Deliusweg 40 mit der Heilpraktikerin Gabriele Schuldt.

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