Was Rainer Langhans einer Bremer Studentenverbindung zu sagen hat / Kommune 1 war "dschungelcampmäßig" Von Sex, Drogen und Polygamie

Alt-68er trifft Studentenverbindung: Auf Einladung des Vereins Deutscher Studenten zu Bremen hat Rainer Langhans am Montag über offene Beziehungen, das wichtigste Jahr seines Lebens und das Dschungelcamp gesprochen. Der Polygamist und die konservativen Akademiker kamen sich zwar näher, auf einen gemeinsamen Nenner aber nicht.
15.12.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Palm

Alt-68er trifft Studentenverbindung: Auf Einladung des Vereins Deutscher Studenten zu Bremen hat Rainer Langhans am Montag über offene Beziehungen, das wichtigste Jahr seines Lebens und das Dschungelcamp gesprochen. Der Polygamist und die konservativen Akademiker kamen sich zwar näher, auf einen gemeinsamen Nenner aber nicht.

Horn-Lehe. Dass er mit seinem Gastgeber-Geschenk keinen großen Erfolg haben würde, hätte Samuel Streppel sich denken können. Trotzdem überreicht der Vertreter des "Vereins Deutscher Studenten zu Bremen" Rainer Langhans den Bierkrug mit dem Wappen der Verbindung. "Ich bin total gegen Alkohol", sagt darauf der Gast. Und mit Privateigentum hat es der frühere Bewohner der Kommune 1 auch nicht so. "Ihr Besitzfanatiker", nennt er die versammelten Studenten, nimmt den Krug aber trotzdem an.

Es ist das passende Ende eine interessanten Abends. Die Studentenverbindung hatte den Berufs-68er Langhans zum Vortrag eingeladen. Das ist ungefähr so, als hätte die lokale Antifa-Gruppe Besuch von Thilo Sarrazin. Gut hundert Leute hat diese Versuchsanordnung angelockt.

Im Publikum sitzen überwiegend Männer, die meisten glatt rasiert, die Haare sorgfältig gegelt. Baron zu Guttenberg würde dort nicht auffallen, jedenfalls nicht wegen seines Äußeren. Dass es kein Heimspiel für Langhans werden würde, war also klar. Ganz in Weiß von den Locken bis zur Hose steht er vor der Fahne der Verbindung. Den Hinterraum des Hotels "Deutsche Eiche" zieren Elche und Schneemänner aus Plüsch. Von außen dringt der Lärm einer Weihnachtsfeier in den Raum.

Langhans - seines Zeichens Veganer, Polygamist und Ex-Dschungelcamp-Bewohner - erzählt gerne und viel. Er berichtet von dem unerklärlichen Impuls, den seine Generation Mitte der 60er-Jahre bekam und davon, wie er wieder verschwand. Das Leben in der legendären Berliner Kommune 1 beschreibt er als "dschungelcampmäßig": Viele Leute auf kleinem Raum ohne Privatsphäre. Einer der Zuhörer lässt sich über sein Mobiltelefon von Wikipedia erklären, wer da überhaupt vor ihm steht. Zuletzt fiel Langhans auf durch eine Spende an die Piratenpartei. 20000 Euro, knapp die Hälfte seiner Gage aus dem "Dschungelcamp", hat er der hippen Internet-Partei überlassen.

Die Monologe des 61-Jährigen enden des Öfteren bei den Piraten. Aus seiner Sicht sind sie die wahren Nachfolger der 68er. Das Internet sei eine riesige Kommune. "Jeder redet mit jedem, und Reden ist Liebe", sagt er und sieht dabei aus wie ein Guru ohne Jünger. Sein Traum von Offenheit und Transparenz könne so in Erfüllung gehen, schwärmt Langhans. Viele seiner alten Weggefährten hätten dieses Ziel hingegen aus den Augen verloren, seien jedenfalls weiter davon entfernt als er.

Während manche seiner Genossen den langen Marsch durch die Institutionen gegangen sind, ist Langhans im Dschungelcamp gelandet. Seine frühere Geliebte Uschi Obermaier nannte ihn deshalb eine "mediengeile Witzfigur". Sei's drum. Langhans sieht sich als den großen Missverstandenen der Generation 68. Er sei nunmal ein Außenseiter. Während andere versucht hätten, sich mit Gewalt, Sex, Drogen - oder allem drei auf einmal - in den Rauschzustand des Jahres 68 zurückzuversetzen, gehe er einen anderen Weg. Welcher Weg das genau ist, bleibt wohl auch den aufmerksamen Zuhörern verborgen. Aber es muss was mit Meditation und Verzicht zu tun haben.

Langhans lebt in einer winzigen Wohnung und hauptsächlich von 207 Euro monatlich. So viel steht dem ehemaligen Zeitsoldaten als Rente zu. Dazu kommen Honorare aus Sendungen wie dem "perfekten Promi Dinner" oder aus Vorträgen. Einen guten Teil seiner Zeit verbringt er im Kopfstand auf seinem Yoga-Bänkchen.

Als Langhans dann endlich von der Beziehung zu seinen fünf Frauen berichtet, werden die Studenten hellhörig. "Geil, das hätte ich auch gerne", sagt einer der Verbindungsleuten zu seinem Nachbarn. Aber um Sex ginge es ihnen gar nicht, erklärt Langhans. Anstrengend sei das Zusammenleben aber dennoch.

Einer der Studenten versucht, sein traditionelles Familienbild zu verteidigen. Er spricht von Treue und lebenslangen Verbindungen. Als Langhans das als überholt bezeichnet, schüttelt der junge Mann den Kopf. Langhans rät derweil zu "offenen Communities" statt zur geschlossenen Form der Familie. Die sei es schließlich gewesen, die die Faschisten hervorgebracht habe. So unversöhnlich viele Positionen von Langhans mit denen der konservativen Studenten sind - über ein weiteres Geschenk hat sich der Referent dann doch gefreut. Für den Bremer Grüntee, den ihm Streppel in die Hand drückt, habe er schon eine Verwendung. "Den bringe ich meinen Frauen mit."

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