Kritik an Online-Semester Bremer Jura-Studenten fühlen sich im Stich gelassen

Nach einem ausschließlich digitalen Semester bemängeln Jura-Studierende die Vorbereitung auf ihre Zwischenprüfung, die am Montag beginnt.
18.07.2020, 05:00
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Bremer Jura-Studenten fühlen sich im Stich gelassen
Von Lisa Urlbauer

Das Sommersemester ist vorbei und damit das erste, das an der Universität Bremen ausschließlich digital veranstaltet wurde. Doch die nun anstehende vorlesungsfreie Zeit ist für viele Studierende kein Grund, sich auszuruhen: Denn in diesen Wochen stehen oft Hausarbeiten oder Klausuren an. So auch im Fachbereich Jura, in dem die Studierenden des zweiten Semesters nun ihre Zwischenprüfungen ablegen sollen. Doch auf die fühlen sich einige nach dem Online-Semester nicht ausreichend vorbereitet.

„Ich studiere mit drei Kindern“, sagt Anna Holthuis. Im ersten Semester sei das kein Problem gewesen, weil die Kinder zu Schule und Kita gingen während die 35-Jährige in Vorlesungen saß. „Dann kam Corona und der Präsenzunterricht wurde direkt eingestellt.“ Die Vorlesungsmaterialien, die von den Dozierenden online hochgeladen wurden, hätten die Studentin überfordert. „Wir wurden in einige Fächern praktisch bombardiert“, sagt Holthuis. Dazu die Kinder zu Hause. „Ich würde am liebsten nicht zur Prüfung gehen.“

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„Ich fühle mich von der Uni im Stich gelassen“, sagt auch Fatih Sayan. Der 22-Jährige lebt bei seinen Eltern und teilt sich ein Zimmer mit seinem Bruder. Die Universität, die über Wochen geschlossen war, habe ihm als Rückzugsort zum Lernen gefehlt. Sayan findet es unfair, dass seine Kommilitonen und er unter den aktuellen Bedingungen dieselben Prüfungen wie die vorherigen Jahrgänge schreiben müssen. „Ich würde mir wünschen, dass wir gemeinsam versuchen, eine Lösung zu finden, und dass wir Tipps bekommen, wie wir mit dieser Situation umgehen sollen.“

„Die Professoren geben sich die größte Mühe, aber sie sind es gewohnt, von den Studierenden Feedback zu bekommen“, sagt Studentin Kadia Knabbe, die sich auch im Studiengangsausschuss Jura (Stuga) engagiert. „Die Vorlesungen sind im Dialog aufgebaut, sodass man immer im Austausch miteinander steht. Das ist mit dem Online-Semester weggefallen.“ Der Schwierigkeitsgrad sei deutlich höher gewesen als im ersten Semester. „Ein Übungsaspekt, der uns extrem fehlt, sind die Arbeitsgemeinschaften“, sagt Knabbe. Zwar fänden diese noch statt, aber nur noch in Form eines Vortrages. Gemeinsam bearbeitet würden die Fälle nicht mehr. „Wenn man alleine vor einem Fall sitzt, bei dem das Thema noch nicht so ganz vertieft ist, dann ist das schwierig, damit einfach klar zu kommen.“

Kompromiss nicht ausreichend

Ende Juni hatte Studiendekan Sebastian Kolbe den Jura-Studierenden eingeräumt, dass sie bis zum Ende der Bearbeitungszeit von einer bereits begonnen Prüfung – schriftlich mit Verweis auf Corona, aber ohne Attest – zurücktreten können. Für die Studierenden ist der Kompromiss nicht ausreichend. „Ich bin damit nicht zufrieden“, sagt Sayan. „Man geht in eine Prüfung und muss dann entscheiden, ob man ein gutes oder schlechtes Gefühl hat. Letztendlich weiß man das Ergebnis aber nicht.“ Knabbe verweist darauf, dass sie im zweiten Semester noch nicht ausreichend Erfahrung habe, um einzuschätzen zu können, wie eine Klausur verlaufen ist. „Sicherlich werden einige gute Klausuren dadurch verworfen“, sagt die 20-Jährige.

„Die Lernsituationen sind sehr prekär jetzt in der Pandemie“, sagt Annemarie Krebs, zweite Vorsitzende des allgemeinen Studierendenausschusses (Asta). Es sei eine starke Belastung, unter den derzeitigen Bedingungen Prüfungen zu schreiben. Vor allem, wenn man sich nicht ordentlich auf diese habe vorbereiten können, sagt die 24-Jährige.

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Ab Montag können einzelne Studierende und Gruppen für zwei Stunden wieder Lerninseln auf dem Campus buchen. „Das kommt viel zu spät, gerade für die Jura-Leute“, sagt Krebs. „Es muss zeitnah Lösungen geben oder es müssen mehr Zugeständnisse gemacht werden.“ Krebs appelliert an die Dozierenden, stetig den Kontakt zu den Studierenden zu suchen und ihre Sorgen ernstzunehmen. „Wenn sie sagen, dass etwas nicht schaffbar ist oder gemacht werden konnte, dann muss darauf eingegangen werden.“ In einer Situation wie der derzeitigen könne man nicht nur Studienleistungen betrachten, sondern müsse auch die Bedingungen beachten.

„Wir haben den allgemeinen Teil der Prüfungsordnung dahingehend verändert, dass wir die Härten für unsere Studierenden vermieden haben“, sagt Thomas Hoffmeister, Konrektor für Studium und Lehre. „Das trifft jedoch nicht für die Jura-Studierenden zu. Denn sie unterliegen gar nicht diesem Teil der Bachelor Prüfungsordnung, weil es sich um einen staatlich regulierten Studiengang handelt.“ Für Freiversuche in Prüfungen der Rechtswissenschaften brauche es dementsprechend eine Entscheidung, die über die Universität hinausgehe, sagt Hoffmann. „Da müsste letztendlich unsere Senatorin für Wissenschaft einschreiten, die auch für dieses Recht zuständig ist.“

Semester so erträglich wie möglich gestalten

Weiterhin sagt Hoffmeister, dass die Universität sich viel Mühe gemacht hätte, das Semester so erträglich wie möglich für die Studierenden zu gestalten. Alle Schwierigkeiten hätte sie aber nicht abwenden können. Das bestimmte Formate nicht im üblichen Umfang abgehalten werden könnten, müsse allen klar sein, sagt der Konrektor. Er wisse darum, dass einige Gruppen von Studierenden, zum Beispiel Eltern, besonders unter der Situation gelitten hätten und dass es für sie nicht möglich gewesen sei, ein normales Semester zu studieren. Daran ändern, könne man allerdings nichts. „Wir haben versucht, die Konsequenzen wegzunehmen“, sagt Hoffmeister.

Die Universität habe sich für Änderungen der Bafög-Regelungen und Verlängerungen der Semesterzeiten eingesetzt. Die Dozierenden hätten lediglich drei Wochen Zeit gehabt, ihre Lehre auf ein digitales Semester umzustellen. Konrektor Hoffmeister: „Wir haben es geschafft, über 90 Prozent unseres Studienangebots an den Start zu bringen. Wir können aber weder den Studierenden das Semester zurückgeben noch so tun, als gäbe es keine Pandemie.“

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