Bremer Verein besteht seit 87 Jahren

Binnenschiffer zeigen Flagge

In Deutschland müssen Vereine mit Binnenschiffern immer häufiger aufgeben. Anders in Bremen: Hier besteht die Interessengemeinschaft schon seit 87 Jahren.
19.02.2020, 10:32
Lesedauer: 3 Min
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Von Helke Diers
Binnenschiffer zeigen Flagge

Im Januar feierte der Binnenschifferverein Bremen im Hotel Robben seinen traditionellen Ball. Zur Begrüßung gibt es stets den farbenfrohen Fahneneinmarsch.

Frank Sommerfeld

„Der Älteste war immer derjenige, der den Betrieb übernehmen musste – und ich war der Älteste.“ Gerd Reichstein kommt aus einer Binnenschifferfamilie und steuerte selbst Schiffe über Deutschlands Wasserstraßen. Er ist der Vorsitzende des Binnenschiffervereins Bremen, einer Vereinigung für Binnenschiffer aus der Region. Noch, denn er möchte das Amt abgeben. „Aber der Verein hat Nachwuchsprobleme“, bedauert Gerd Reichstein.

Der Binnenschifferverein vertritt die Interessen von derzeit 116 Mitgliedern. Wer am Café Sand die Beine ins Wasser streckt und auf die Weser blickt, sieht vielleicht eines der Mitgliedsschiffe über die Weser tuckern. Die meisten Vereinsmitglieder transportieren Güter und keine Personen. Reichstein fuhr mit einem eigenen Schiff und wechselte später ins Hafenamt und steuerte als Kapitän die Senatsbarkasse „MS Senator“.

Der heute 77-jährige hatte mit 19 Jahren das Schiff seiner Eltern übernommen und war dann viele Jahre auf den Binnengewässern in und um Deutschland unterwegs. Er heiratete, seine Frau und die Kinder fuhren anschließend auch mit. „Ein schöneres Familienleben als an Land“, erinnert er sich an die Zeit, bis die Kinder in die Schule kamen. „Landratten können sich das gar nicht vorstellen. Wir hatten an Bord ein Kinderzimmer, Schlafzimmer, Wohnzimmer und eine supermoderne Küche.“

Dann bekam die Familie ein Haus in Huchting vererbt, wo Reichstein noch heute lebt. Seine Frau und die Kinder wohnten fortan in Huchting, und Gerd Reichstein schipperte fortan mit seinem Bruder auf den Flüssen. Wenn es die Zeit erlaubte, fuhr er mit dem an Bord beförderten Auto nach Hause zur Familie. Mit knapp 40 Jahren und nach einer längeren Krankheit wechselte Reichstein zum Hafenamt. Für die Wasserschutzpolizei war er ein Jahr zu alt. Bereut habe er den Wechsel nicht.

Im letzten Arbeitsjahr vor seiner Pensionierung wurde Reichstein Vorsitzender des Binnenschiffervereins Bremen. Der Verein ist 1933 gegründet worden, am ersten Weihnachtsfeiertag. Das ist kein beliebiges Datum, sondern den damaligen Wintern und dem Beruf geschuldet. Der ehemalige Kapitän erzählt: „Zu der Zeit war es noch ganz normal, dass die Flüsse zufroren.“ Weil die Schiffer deshalb zu Hause sein konnten, hätten sich die Berufskollegen häufig getroffen. Jemand habe die Idee zur Vereinsgründung gehabt. Von den zeitweise 260 Mitgliedern seien heute weniger als die Hälfte übrig.

Reichstein erklärt das mit dem normalen „Auf und Ab“ eines jeden Vereins. Auch die Weiterentwicklung der Binnenschifffahrt selbst hat dazu beigetragen: Es gibt weniger Binnenschiffe, dafür aber größere. „Wo früher ein Schiff mit 800 Tonnen unterwegs war, hat es heute 2500 oder 3000 Tonnen“, beschreibt Reichstein die aktuelle Situation auf den Wasserstraßen. Weniger Schiffe bedeuten weniger Personal. Außerdem habe der Druck auf die Schiffer wegen der engeren Taktung zugenommen. „Wir haben früher auch mal eine Woche gelegen und auf neue Ladung gewartet oder waren eingefroren. Da konnte man sich Zeit nehmen und den Kontakt zu Vereinen suchen.“ Heute seien die Liegezeiten der Schiffe deutlich kürzer. Viele andere Binnenschiffervereine von der Weser haben sich bereits aufgelöst, manche Mitglieder sind heute bei den Bremern dabei.

Der Verein organisiert einen jährlichen Ball, Grünkohlessen und Stammtische. Neben den Feiern beteiligen sich die Vorsitzenden an einem jährlichen „Gesprächskreis der Berufsschifffahrt“, in dem mit Vertretern aus Politik und Verwaltung über Probleme der Binnenschifffahrt und deren Lösungen beraten werde, erklärt Reichstein. „Die Binnenschifffahrt ist ein ganz wichtiger Verkehrsträger, das wird einfach verkannt.“ Man hört die Frustration in Reichsteins Stimme.

Er wünscht sich mehr Aufmerksamkeit und Förderung für die Binnenschifffahrt. „Bremen hat auf die Schiene und den Lkw gesetzt. Die Binnenschifffahrt hat immer nur das bekommen, was übrig blieb. Wenn ich heute an der Weser bin, muss ich teilweise sehr lange warten, bis ich ein Binnenschiff sehe.“ Kanäle, Schleusen und Brücken müssen saniert und neu gebaut werden, findet Gerd Reichstein. Ganz besonders schwierig sei es mit der Eisenbahnbrücke in Oldenburg über die Hunte, die manchmal tagelang nicht geöffnet werden könne. Für die Binnenschiffe als Verkehrsträger spricht aus seiner Sicht ihre Zuverlässigkeit: „Nacht und Nebel können ein Schiff nicht aufhalten.“

Das Wahrzeichen des Vereins kennen viele Bremer und Bremerinnen: den Schiffermast, auch bekannt als Schifferbegrüßungsmast, am Tiefer nahe der Innenstadt. Der Mast mit seinen rund 30 Fahnen steht seit 55 Jahren, seit wenigen Monaten wird er nachts wieder beleuchtet. „Wir haben da ordentlich Geld in die Hand genommen“, freut sich Reichstein. Auch das ist ein Projekt, das er als Vorsitzender mit umgesetzt hat. Er ist seit 17 Jahren erster Mann seines Vereins – zur nächsten Wahl soll damit Schluss sein. „Ich denke, das war eine lange Zeit, dann müssen Jüngere ran.“ Sein momentaner Stellvertreter ist erst Anfang 60 – in etwa so alt wie Reichstein, als er Vorsitzender wurde.

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